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Schlechte Zeiten für Ironie

Von Tanya Richardson

Reflexionen

Ein alter "Odessa-Mythos" besagt, dass ideologische Auseinandersetzungen in der multi-ethnischen Stadt am Schwarzen Meer nicht ernst genommen werden. Doch der Schein trügt.


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Mein Essen in Odessa ist dieses Jahr ausgefallen. Zu den meisten meiner Reisen, die ich im letzten Jahrzehnt in die Stadt unternommen habe, gehörte ein gemeinsames Mahl mit Boris und Jurij im Heim meiner Freunde Alexandra und Witalij, und fast immer kam dabei Alexandras köstlicher Auberginenkaviar auf den Tisch. Die Männer - Odessiter Juden - machten Witze, gaben allerlei Geschichten und Erinnerungen zum Besten und sinnierten über das Verschwinden der Stadt ihrer Jugend. Ab und zu hielten sie inne, um mir die Feinheiten einer Odessiter Redewendung zu erläutern. Jurij erzählte von dem jüngsten Projekt seines kleinen Verlags, ein Buch über die Architektur Odessas.

Ende der Freundschaft

Boris, ein pensionierter Ingenieur und Fotograf, zeigte neue Bilder. Das Fotografieren von Straßenansichten hatte er aufgegeben, weil die überhandnehmende Werbung und die vor den Fassaden parkenden Geländelimousinen es ihm verleidet hatten. Aber die Gesichter der Odessiter sprachen ihn weiterhin an.

Mit Witalij und Jurij verband ihn eine besondere Zuneigung, und genüsslich beschrieb er mir ihre Physiognomien. Gelegentlich kam das Gespräch auf die ukrainische Politik. Alexandra - eine Rechtsanwältin und Odessitin in der fünften Generation, polnischer, deutscher, russischer und ukrainischer Abstammung - erstickte solche Diskussionen im Keim, wohl wissend, dass es unmöglich war, Boris’ kommunistische Anschauungen mit der Unterstützung der anderen für einen europäischen Weg der Ukraine zu versöhnen.

Dieses Jahr sind wir nicht zusammengekommen, weil Boris seine Verbindung zu Alexandra und Witalij abgebrochen hatte, als er erfuhr, dass sie am zweiten März 2014 an einer Demonstra- tion von mehreren Tausend Bewohnern Odessas gegen die russische Intervention auf der Krim teilgenommen hatten. Er sei durchaus ein ukrainischer Patriot, schrieb Boris an Witalij, aber die Regierung des Landes sei seiner Ansicht nach von Faschisten übernommen worden, Nachkommen jener Leute, die während des Holocaust seine Verwandten in der Westukraine ermordet hatten. Aus diesem Grund sollten sich die östlichen und südlichen Verwaltungsbezirke so schnell wie möglich von der Ukraine abspalten.

Für Alexandra, Witalij und Jurij war es dagegen Putins Russland, das eine faschistische Bedrohung darstellte. Empört über die Bestrebungen, im Süden und Osten der Ukraine Separatismus zu schüren, und beunruhigt über die Lügenmärchen und die aufwieglerische Sprache der russischen Medien, hatten Alexandra und Witalij in der ganzen Stadt Plakate gegen Putin geklebt. Unterdessen nahm die Furcht, Odessa könnte ein Teil Russlands werden, den sonst so jovialen und lockeren Jurij derart mit, dass er rapide an Gewicht verlor und die Ukraine mit solch wilder Inbrunst verteidigte, dass sich sein langjähriger Freund Witalij die Augen rieb.

"Sie", so erklärte Jurij, womit er seine nicht näher bezeichneten Gegner meinte, "halten mich für einen Faschisten. Ich glaube, die Faschisten sind sie. Es ist zum Verrücktwerden." Alexandra und Witalij waren ernsthaft besorgt, dass ihr Freund wirklich den Verstand verlieren könnte.

"Marsch der Westler"

Nach dem Eindruck meiner Freunde waren vor dem Sturz von Präsident Wiktor Janukowytsch am 22. Februar 2014 die meisten ihrer Mitbürger in Odessa im Hinblick auf die Ereignisse auf dem Kiewer Unabhängigkeitsplatz, dem Maidan, weitgehend unbeteiligt geblieben, auch wenn sie vielleicht besorgt waren. Gewiss, am 22. November des Vorjahres, einen Tag nach der ersten Versammlung der Kiewer Aktivisten, hatten sich Odessiter Euromaidan-Demonstranten am Puschkin-Denkmal vor dem Rathaus zusammengefunden. Von dort aus waren sie zum Denkmal des Herzogs von Richelieu gezogen, das über der berühmten Potemkinschen Treppe thront. Am 25. November, wenige Tage vor den ersten Angriffen auf Teilnehmer des Kiewer Euromaidan, wurde drei Odessiter Aktivisten die zweifelhafte Ehre einer Verhaftung durch die Miliz zuteil, wobei einer von ihnen geschlagen wurde. Eine von bekannten Kabarettisten der Stadt produzierte Odessiter Euromaidan-Hymne (in der auch das Richelieu-Denkmal vorkommt) fand in den sozialen Netzwerken weite Verbreitung. Ebenso viel Aufmerksamkeit erregte eine Demonstration unter dem Motto "Marsch der Westler", auf der Poster historischer Westeuropäer getragen wurden, die sich um den Aufbau Odessas verdient gemacht hatten.

Das dabei verwendete Wort für Westler, zapadentsy - ein abwertender sowjetrussischer Ausdruck für Westukrainer, der ihnen radikalen Nationalismus unterstellt -, erhielt dadurch einen positiven Wert. Die Aneignung des Wortes durch die Bewohner Odessas hatte eine doppelte Bedeutung, betonte sie doch ebenso die historischen Verbindungen der Stadt zu Westeuropa wie die mit den Westukrainern geteilte Hoffnung vieler ihrer Bürger auf eine gemeinsame europäische Zukunft.

"Wer bin ich?"

Ende Jänner 2014 begannen die pro-russischen Gruppen Molodjoschnoje jedinstwo (Jugendliche Einheit) und Narodnoje alternatiwa (Volksalternative) eine Anti-Maidan-Bewegung und Selbstverteidigungseinheiten (Druschiny) zu organisieren - mit dem ausdrücklichen Ziel, Faschisten zu bekämpfen. Der Odessiter Kulturwissenschafter Mark Naidorf hält drei Gründe für ausschlaggebend, warum aus der Kiewer Krise eine wahrhaft nationale wurde: die Flucht Janukowytschs, die Ernennung einer Übergangsregierung und die russische Intervention auf der Krim Ende Februar 2014. Wie andere ukrainische Bürger im ganzen Süden und Osten des Landes waren die Bewohner Odessas plötzlich gezwungen, sich mit existenziellen und politischen Fragen auseinanderzusetzen, wie "Wer bin ich?" und "In welchem Staat werde ich sicher sein?"

Ängste, ausgelöst durch die Vorstellung, unter der einen oder der anderen Regierung leben zu müssen, trieben Tausende von sonst unpolitischen Bürgern auf Demonstrationen und sorgten dafür, dass sich nationale Identitäten herauskristallisierten. Kommentatoren rangen um Begriffe zur Charakterisierung der beiden Lager: "pro-ukrainisch" versus "pro-russisch", "Euromaidan" (oder "Maidan") versus "Anti-Maidan" und, weniger verbreitet, "Unitaristen" (Befürworter der bestehenden zentralistischen Ordnung) versus "Föderalisten".

Solche Etiketten bildeten die sich rasch ändernden Motive und Ziele der jeweiligen Unterstützer nur zum Teil ab. Die Bewegungen bestanden aus sich ständig wandelnden Ansammlungen von Selbstverteidigungsbrigaden, Parteiaktivisten, Politikern, Seitenauftritten in sozialen Netzwerken, Aufrufen in Internet-, Druck- und TV-Medien und mehr oder weniger formalen Bürgergruppierungen, jede mit ihrem eigenen Slogan: "Odessa gehört zur Ukraine", "Kein Krieg in der Ukraine", "Hände weg von der Ukraine" auf der einen Seite; "Putin rette uns!", "Russland hilf!", "Odessa ist eine russische (russkij) Stadt" auf der anderen. Die Aktivisten des Euromaidan errichteten Kontrollpunkte, um Separatistenaufmärsche zu verhindern und um die Schwäche des in Auflösung begriffenen Staatsapparats zu kompensieren. Der Anti-Maidan baute eine Zeltstadt auf dem Kulikowo-Platz vor dem Gewerkschaftsgebäude. Die politischen Forderungen der beiden Lager wandelten sich zusammen mit der politischen Situation. Während der März und der April ins Land gingen, verdichtete sich der Eindruck, dass die Radikalen in beiden Bewegungen die Oberhand gewonnen hatten.

Blutige Gewalt

Am 2. Mai 2014 schlugen die Spannungen in blutige Gewalt um. 48 Menschen, die meisten von ihnen Unterstützer des Anti-Maidan, kamen ums Leben und Hunderte weitere wurden verletzt. Die Gewalt brach aus, als Aktivisten des Kulikowo-Platzes ins Stadtzentrum zogen, um einen Marsch zu blockieren, den Charkiwer und Odessiter Fußballfans zur Unterstützung der ukrainischen Einheit organisiert hatten. Die Anti-Maidan-Aktivisten glaubten, dass die Fußballfans ihr Zeltlager einreißen wollten, nachdem der Gouverneur seine Absicht zur Räumung des Platzes bekannt gegeben hatte (obwohl er weder spezifiziert hatte, wann die Aktion durchgeführt werden sollte, noch von wem). Das Aufeinandertreffen der beiden Gruppen schlug rasch in Gewalt um. In der ersten Stunde bewarfen sich beide Seiten mit Rauchgranaten und Pflastersteinen. Dann eröffneten Aktivisten vom Kulikowo-Platz, abgeschirmt von der Polizei, das Feuer auf die Euromaidan-Unterstützer. Dabei kam es zu einem ersten Todesopfer.

Als sich die Zusammenstöße fortsetzten und weitere Tote und Schwerverletzte zu beklagen waren, riefen die Fußballfans und einige Euromaidan-Aktivisten zur Räumung des Kulikowo-Platzes auf. Vor deren Eintreffen forderten Anti-Maidan-Aktivisten ihre Leute auf, im Gewerkschaftsgebäude Zuflucht zu suchen - ein Aufruf, dem ein paar hundert Menschen folgten. Als die Euromaidan-Aktivisten den Kulikowo-Platz erreicht hatten, zündeten sie die Zelte an. Weitere Schüsse fielen. Molotow-Cocktails wurden aus dem Gebäude geworfen und flogen in umgekehrter Richtung. Es geriet in Brand. Die Feuerwehr traf erst mit großer Verspätung mit Löschfahrzeugen ein. Die meisten Opfer dieses Tages kamen in den Flammen um. Der Schock, den die Bewohner Odessas davontrugen, lässt sich kaum ermessen.

Ende Mai kehrte ich erstmals seit dem Sturz Janukowytschs nach Odessa zurück. Als ich die tiefe Spaltung in der Stadt aus nächster Nähe erlebte, fiel mir Isaak Babel ein, jener schwer einzuordnende sowjetisch-jüdische Schriftsteller, der einer der großen Mythenschöpfer Odessas war. Es waren nicht Babels gerissene und witzige jüdische Kriminelle, an die ich denken musste, sondern ich erinnerte mich an die berühmte Bemerkung in seinem Text "Odessa", dass die Einwohner dieses Schwarzmeerhafens gerne von "zwei großen Unterschieden" sprachen. Auf "Odessisch" sagt man etwa: "Kiew und Odessa sind zwei große Unterschiede", statt wie üblich: "Es besteht ein großer Unterschied zwischen Kiew und Odessa."

Lust am Unterschied

Für die Literaturwissenschafterin Rebecca Stanton schlägt sich in dieser Wendung die grundlegende Wahrheit nieder, dass "es zwei braucht, um sich zu unterscheiden". Darüber hinaus bringe der Ausdruck die von modernen Odessiter Autoren wie Babel (und vermutlich anderen Bewohnern der Stadt) bewiesene Fähigkeit auf den Punkt, unversöhnliche Unterschiede zu verkörpern und die Dinge gleichzeitig aus verschiedenen Blickwickeln zu betrachten. Das ist eines der Merkmale des sich ständig erneuernden Odessa-Mythos, demzufolge sich die Einzigartigkeit Odessas (unter anderem) der Geschichte der Stadt als Teil des Russischen Reiches, ihrer gemischten, multiethnischen Bevölkerung, ihrem Handelsethos und Geschäftssinn sowie ihrer ironischen Haltung gegenüber jeglicher herrschenden Macht verdankt.

In der Wirklichkeit kann es eine vertrackte Angelegenheit sein, unter unversöhnlichen Perspektiven zu leben. Es ist wohl nicht überraschend, dass Odessa-Enthusiasten von einer Rückkehr zum Freihafenstatus träumen. So könnte Odessa als halbsouveräner Stadtstaat fortbestehen, der weder Kiew noch Moskau unterworfen wäre - von denen keines, wie einem die Odessiter sagen werden, jemals wirklich Wohlgefallen an dieser unbotmäßigen, unternehmerischen Stadt fand. Auf diese Weise könnten die Bewohner Odessas das Problem umgehen, wählen zu müssen, zu welchem Staat oder welcher Nation sie gehören wollen.

Doch die politische Polarisierung, die zur Gewalt des 2. Mai führte, hat die Bürger mit den Grenzen des Odessa-Mythos konfrontiert. Die Philosophin Oksana Dovgopolova drückt es noch drastischer aus: "Was geschehen ist, hat unseren Mythos zerstört. Wir müssen ein neues Odessa bauen." Wie sich herausgestellt hat, sind Odessiter, anders als sie dachten, nicht immer tolerant, ironisch oder humorvoll. [. . .]

Odessas "zwei große Unterschiede" ziehen sich durch fast alle meine Begegnungen. Doch sobald man sich von der Front entfernt und sich Zeit für Gespräche nimmt, zerfallen die zwei großen Unterschiede in viele weitere kleine. Zahlreiche Anführer der Anti-Maidan-Bewegung in Odessa gaben offen zu, sich eine russische Intervention herbeizusehnen und hinter Putins Projekt eines "Neurusslands" (Noworossija) zu stehen. Sie wollten ein Referendum über eine Abspaltung wie in Luhansk und Donezk abhalten.

Allerdings teilten nicht alle Anti-Maidan-Sympathisanten diese Position. Der jüdische Schwiegersohn eines Freundes zum Beispiel, ein Mann in den Dreißigern, nahm an Versammlungen auf dem Kulikowo-Platz teil in der Hoffnung, dass daraus eine neue linke Bewegung hervorgehen würde, die sich auf Probleme der sozialen Gleichheit konzentriert und ethnische Fragen in den Hintergrund drängt. Doch die immer lautere nationalistische russische Rhetorik und der wachsende Einfluss der Russisch-Orthodoxen Kirche ließen seine Unterstützung schwinden.

Vater und Sohn

Bei einem ukrainischen Ingenieur in den Fünfzigern, mit dem ich in der Küche eines Freundes ins Gespräch kam, standen andere Pro-bleme im Vordergrund. Er bezweifelte die Legitimität der Regierung und lehnte eine Revolution als Mittel der Machtübernahme ab. Janukowytsch habe recht daran getan, das Abkommen mit der Europäischen Union nicht zu unterzeichnen, weil es negative Auswirkungen auf wichtige Sektoren der ukrainischen Wirtschaft gehabt hätte. Gleichzeitig räumte er ein, sich der Ukraine als Land nicht sonderlich verbunden zu fühlen: "Mein Land ist die Sowjetunion." Sein Sohn hingegen identifizierte sich stark mit der Ukraine, wollte in die Armee eintreten und im Donbas kämpfen. Ähnlich unterschiedlich sind die Ansichten im Maidan-Lager, wo liberale Meinungen auf die rechtsextreme Ideologie der Swoboda-Partei und des Rechten Sektors treffen.

Fasst man es auf Odessiter Art zusammen, so kann es, je nach Standpunkt, zwei große Unterschiede geben - oder viele.

Aus dem Englischen übersetzt von Andreas Simon dos Santos.

Tanya Richardson ist Sozialanthropologin an der Wilfrid Laurier University, Waterloo (Kanada). Sie erforscht zurzeit die politische Dimension der Naturerhaltung im ukrainischen Teil des Donaudeltas. Buch: "Kaleidoscopic Odessa" (Toronto 2008).

Transit
Seit 1990 setzt sich die am Wiener "Institut für die Wissenschaften vom Menschen" (IWM) herausgegebene Zeitschrift "Transit: Europäische Revue" mit den neuen Herausforderungen für den alten Kontinent Europa auseinander. Die Zeitschrift erscheint zwei Mal jährlich im Frankfurter Verlag Neue Kritik.
Das "extra" bringt Auszüge aus zwei Texten als Vorabdrucke aus "Transit" Nr. 45, das demnächst erscheinen wird. Themenschwerpunkt: "Maidan – die unerwartete Revolution". Mehr Informationen zum Heft und Bestellmöglichkeit unter:
www.iwm.at/transit.