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Das Phänomen ist seit etlichen Jahren bemerkbar. Die Zeit der offen ausgetragenen intellektuellen Kontroversen und der großen Publikumsdiskussionen zu brisanten Themen ist vorbei.
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Helmut Zilks "Stadtgespräche" sind längst Legende, auch der "Club 2" wurde vom Zeitgeist überrollt. Vor allem zu Themen, die als heikel gelten, weil sie verbreiteten Unmut aufzeigen könnten, etwa in Sachen Zuwanderung und Integration oder angesichts kontroversieller Bauprojekte, versuchen die Proponenten, lieber ein Zuviel an Diskussion zu vermeiden. Stattdessen setzt man auf "Informationsveranstaltungen" und versucht, die Medienwelt mit großzügig dimensionierten Anzeigen wohlwollend zu stimmen.
Ein probates Mittel der Kommunikationssteuerung ist die Podiumsdiskussion. Die wird in der Regel so besetzt, dass am Podium ein Verhältnis von 8:1 zugunsten der vom Veranstalter gewünschten Meinung herrscht - auch und gerade dann, wenn anzunehmen ist, dass im Saal die gegenteilige Auffassung vorherrscht. Gern wird dann auch vom Moderator so lange das Podium bemüht, bis "wegen der fortgeschrittenen Zeit" bestenfalls "ein paar Fragen" aus dem Publikum zugelassen werden ("aber bitte ganz kurz!"). Heinrich Wefing hat in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" die sich bei solchen Gelegenheiten auftuende Kluft am Beispiel der populären, von der Fachwelt der Denkmalschützer und Architekten aber abgelehnten baulichen Rekonstruktion verlorengegangener alter Wahrzeichen überzeugend dargestellt.
Mittlerweile gibt es aber ein noch probateres Mittel der Diskussionsverhinderung: die "Word Rap Picture Show". Mit diesem Format ist garantiert, dass auch auf dem Podium keinerlei heikle Diskussion aufbricht.
Für alle, die nicht wissen, was unter der modischen "denglischen" Bezeichnung eigentlich gemeint ist, ein paar kurze Erläuterungen: Jeder der acht bis zehn Vortragenden hat Gelegenheit, mittels Powerpoint jeweils 20 bis 25 selbst beigesteuerte Bilder zu kommentieren. Das einzelne Bild läuft ebenfalls etwa 20 bis 25 Sekunden und wird in gleichmäßigem Rhythmus maschinell vom nächsten abgelöst. Jeder Vortragende hat also Gelegenheit, in sieben bis acht Minuten seinen (wiederum neudeutsch ausgedrückt) "Point of View" einzubringen. Er oder sie ist dabei angehalten, möglichst flotte Bilder mit möglichst griffigen Sagern zu unterlegen. Diskussion oder Gedankenaustausch findet dabei allerdings auch auf dem Podium nicht mehr statt - und eine intellektuelle Verständigung mit dem Publikum noch weniger. Das wäre ja geradezu altmodisch. Der Zuhörer ist vielmehr reiner Konsument einer Art Nummernkabarett.
Dafür besteht nach der Veranstaltung die Gelegenheit, mit den Akteuren der Show "bei einem Glas Wein" zusammenzustehen. Ein Schelm, der Böses dabei denkt und womöglich hier einen Prozess schleichender Entdemokratisierung am Werke sieht. Das Publikum scheint ja auch zufrieden, es klatscht.
It’s a show, you know, nothing but a show . . . Manche mutieren allerdings angesichts solcher Kommunikationstechniken zu "Wutbürgern" - und das könnte gefährlich werden.

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