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Schlittert der Iran in einen Krieg?

Von Stefan Haderer

Gastkommentare
Stefan Haderer ist Kulturanthropologe und Politikwissenschafter.

In der jetzigen äußerst instabilen Weltordnung sollten Israel und seine Schutzmacht USA nicht mit dem Feuer spielen.


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Die Zeiten sind alles andere als günstig. Schon seit Jahren sind sich viele Araber aus dem Nahen Osten und viele Israelis zumindest in einer Sache einig: Eine kriegerische Auseinandersetzung sei nur noch eine Frage der Zeit. Dass der Iran das Zünglein an der Waage ist, scheint unter den momentanen Gesichtspunkten nur zu verständlich: Sein Nuklearprogramm wird von den USA, von Israel und von Europa als zunehmende Bedrohung für den Weltfrieden gesehen. Die diesjährige Generalversammlung der Vereinten Nationen hat wieder einmal bewiesen, dass die Gesprächsbereitschaft zwischen den westlichen und den iranischen Diplomaten auf Eis liegt.

Nun hat Israels Staatspräsident Shimon Peres in einer Rede alle Staaten aufgerufen, sein Land gegen den Iran zu unterstützen. Was wie ein Schlachtruf klingt, könnte tatsächlich zu einem apokalyptischen Szenario führen, wie es manch einer für das Jahr 2012 vorhersieht. Denn ein Krieg mit dem Iran würde in der derzeitigen - ohnedies äußerst instabilen - Weltordnung einen infernalen Flächenbrand auslösen. Ein Angriff auf das Land, in dem 95 Prozent der Bevölkerung schiitisch sind, würde zweifellos auch die Schiiten im Irak, die dort mehr als 60 Prozent der Bevölkerung stellen, vor allem aber die libanesische schiitische Hisbollah gegen Israel aufbringen. Man darf dabei auch nicht vergessen, dass Israel nicht den Atomwaffensperrvertrag unterzeichnet hat und somit ein Nuklearangriff nicht ausgeschlossen werden kann.

Dass die USA Israel in einem Feldzug gegen den Iran als treuer Verbündeter zur Seite stehen werden und nicht auf die Genehmigung durch die Vereinten Nationen oder eine Billigung seitens der Europäischen Union angewiesen sind, liegt auf der Hand. Mit dem Abzug amerikanischer Truppen im Irak hat die Regierung von US-Präsident Barak Obama mögliche Zielscheiben aus dem Weg geräumt. Doch wie könnte sie die zahlreichen Opfer an Soldaten, die im Iran wie einst in Afghanistan und im Irak ihr Leben lassen müssten, den eigenen Landsleuten erklären? Ganz abgesehen vom Tod unschuldiger Zivilisten und Angehöriger von Iranern, die im westlichen Ausland leben.

Das letzte Bisschen Glaubwürdigkeit, das Amerika in außenpolitischer Sicht noch vor dem Irak-Krieg genoss, und das durch die Wahl Obamas zum Präsidenten neu entflammte, würde dann endgültig erlöschen.

Als die iranische Juristin und Menschenrechtsaktivistin Shirin Ebadi 2003 den Friedensnobelpreis erhielt, vergaß sie nicht zu betonen, dass Frieden nur dann gelingen könne, wenn er von der Bevölkerung eines Landes erkämpft und nicht durch die Waffen fremder Staaten erzwungen werde. Der Friedensnobelpreisträger von 2009, US-Präsident Obama, zumindest aber sein Kabinett scheint dieser Lektion nichts abzugewinnen, wenn man sich die jetzige Polemik im US-Kongress vor Augen führt. Die Militärschläge gegen Afghanistan 2001 und gegen den Irak 2003 haben auch nach einem Jahrzehnt in der Region nichts als Chaos hinterlassen. Was wäre da schon im Iran anders?