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Schluss mit dem Krieg gegen Kinder!

Von Kristalina Georgiewa

Gastkommentare
Kristalina Georgiewa ist EU-Kommissarin für humanitäre Hilfe und Krisenschutz.

Die Hälfte der 6,8 Millionen Syrer, die dringend humanitäre Hilfe brauchen, sind Kinder.


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Wollte man den Bürgerkrieg in Syrien in einer einzigen Person bildlich darstellen, so würde man keinen Soldaten oder Rebellen nehmen, sondern ein Kind. Die Hälfte der 6,8 Millionen Syrer, die dringend humanitäre Hilfe brauchen, sind nämlich Kinder. Man muss sich das einmal vorstellen: Das ist die Einwohnerzahl Berlins oder Madrids. Nur dass es ausnahmslos Kinder sind, die in einem Kriegsgebiet leben. Der Bürgerkrieg ist zu einer gnadenlosen Tötungsmaschinerie geworden. Die Leidtragenden sind in erster Linie Unschuldige.

Schluss mit dem Krieg gegen Kinder! Es heißt, dass griffige Forderungen der einzige Weg sind, die Welt wachzurütteln, damit etwas geschieht. Wird diese Forderung ausreichen?

Die Zahlen allein scheinen nicht mehr zu wirken. Vielleicht sind sie zu hoch, als dass sie noch verstanden werden könnten. 100.000 Tote, mehr als 4 Millionen Vertriebene innerhalb Syriens, 1,7 Millionen Flüchtlinge. Und möglicherweise ist das erst der Anfang.

Hilfskonvois werden systematisch kontrolliert und gezwungen, OP-Bestecke zurückzulassen, die Menschenleben retten könnten. Die teuflische Logik des Sektierertums treibt täglich neue Blüten.

Kein Wunder, wenn das nächste Srebrenica, das nächste Ruanda, die nächste massive "ethnische Säuberung" oder genauer gesagt "sektiererische Säuberung" in Syrien geschieht. Kein Wunder, wenn der nächste Völkermord in Syrien passiert.

Wir alle wissen, wohin das führt. Wir alle haben die Lektion des vergangenen Jahrhunderts gelernt, des blutigsten in der Geschichte der Menschheit.

Es ist sträflich, dass der UN-Sicherheitsrat bislang nicht in der Lage war, eine humanitäre Resolution zu verabschieden. Meine Forderungen sind ganz klar: Wir müssen ungehindert zu den Kindern gelangen, die unsere Hilfe brauchen. Die Zivilbevölkerung muss verschont, das medizinische Personal muss geschützt werden. Die Hilfskonvois müssen zu den Menschen gelangen. Die Regierung in Damaskus darf unsere Maßnahmen nicht länger behindern. Und die Rebellen müssen unsere Hilfskonvois passieren lassen.

All dies könnte, müsste, ja muss der Sicherheitsrat fordern. Andernfalls werden wir ein weiteres Mal "Nie wieder!" sagen, so wie wir es nach Srebrenica und Ruanda taten. Im Falle Syriens allerdings wird niemand behaupten können, man habe es nicht gewusst.

Die Europäische Union hat für diese von Menschen verursachte Katastrophe gewaltige Mittel mobilisiert. Seit Ausbruch der Krise in Syrien hat die Union 1,3 Milliarden Euro bereitgestellt. Dennoch können wir nicht so rasch Hilfe leisten, wie dieser Krieg Opfer fordert. Jeden Monat sterben 5000 Menschen, Zehntausende werden verwundet.

Der Sicherheitsrat muss handeln oder zumindest die Einhaltung des Kriegsvölkerrechts fordern. Ich bin nicht so naiv, zu glauben, dass eine entsprechende Resolution schlagartig etwas ändern würde. Es wäre aber ein erster und entscheidender Schritt, um den Millionen Menschen, die in Syrien festsitzen, zu helfen. Mehr als die Hälfte von ihnen sind Kinder.