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Schrubben, wischen, polieren

Von Christian Hoffmann

Wirtschaft

Die französische Journalistin Florence Aubenas hat ein Jahr lang unerkannt als Putzfrau gearbeitet. Das Buch, in dem sie ihre Erfahrungen beschreibt, ist mittlerweile ein Bestseller.


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Florence Aubenas ist eine mutige Frau. Sie war in Kriegsgebieten wie Ruanda, Afghanistan oder dem Kosovo als Journalistin im Einsatz. Einer größeren Öffentlichkeit ist sie bekannt, seit sie im Jahr 2005 anlässlich einer Reportage über Flüchtlinge in Bagdad entführt wurde. Nach mehr als drei Monaten Gefangenschaft kam sie damals dank breiter internationaler Unterstützung frei.

Im Jahr 2009 hatte sie das Gerede über die Krise in den Pariser Redaktionen satt und beschloss, sich diese Krise aus der Nähe anzusehen. Sie übersiedelte in die Provinz, nach Caen in der Normandie, nahm sich ein billiges Zimmer, färbte sich das Haar und legte sich eine Brille zu. So verwandelt, erschien sie beim dortigen Arbeitsamt und gab an, bisher nur Hausfrau gewesen zu sein, ohne weitere Qualifikationen. Nach einer Trennung sei sie nun auf Arbeitssuche.

Ihre einzige Chance, in der Stadt Caen, aus der große Arbeitgeber wie Moulinex längst verschwunden sind, beruflich Fuß zu fassen, ist die Reinigungsbranche. Und sie beginnt das, was man zynisch ihre Karriere als Putzfrau nennen könnte, mit einer Stelle, die unter ihren Kolleginnen besonders verschrien ist: Sie arbeitet in einem Team im Hafen von Ouistreham, das am späten Abend die aus England einlaufenden Fähren reinigt. Ihre Teamleiterin Mauricette, mit der sie am ersten Tag unterwegs ist, hat bereits eine Menge Routine mit dieser Arbeit. "Sie wirft sich so jäh auf den Boden, dass ich zuerst denke, sie sei gestürzt. Ich will ihr schon aufhelfen, doch sie schüttelt mich ab, ohne sich umzuschauen, und sprüht, auf den Fliesen kniend, die ganze Nasszelle vom Boden bis zur Decke mit einem Spray ein. Immer noch in der Hocke schrubbt sie, wischt trocken, desinfiziert, poliert, wechselt Toilettenpapier, leert die Mülleimer, ordnet in einer tadellosen Reihe kleine Seifen und Zahnputzbecher auf dem Waschtisch an und zieht den Duschvorhang gerade. Das Ganze hat nicht einmal drei Minuten gedauert - so viel Zeit steht uns für diese Arbeit zu."

Eine Stunde jagen die Frauen in diesem Stil hektisch durch das Schiff. "Nach einer Viertelstunde", schreibt Florence Aubenas, "sind meine Knie geschwollen und meine Arme kribbeln. Ständig stoße ich gegen Menschen und Möbel und hätte einer Kollegin fast das Putzmittel ins Auge gesprüht, während sie die Betten bezog. Sie macht sich nichts daraus: Im ersten Monat hat mir alles wehgetan. Ich habe mindestens sechs Kilo abgenommen."

Da aber die Arbeit bei den Fähren zum Leben nicht reicht, sucht Florence Aubenas, so wie alle ihre Kolleginnen, weitere Engagements und wird schließlich von einer Reinigungsfirma auf dem städtischen Campingplatz eingesetzt. Dort macht sie eine Erfahrung, die für die Branche typisch ist. Sie und ihre Kolleginnen werden für drei Stunden engagiert und bezahlt. Tatsächlich brauchen sie für die Arbeit fast die doppelte Zeit. "Mit Ach und Krach werden wir um halb vier fertig. Seit dem Morgen haben wir nichts gegessen, wir können kaum noch die Eimer halten, wir hatten nicht einmal die Zeit, auf die Toilette zu gehen." Aber niemand kommt auf den Gedanken, sich zu beschweren, weil bereits genügend andere auf die schlecht bezahlte Stelle warten.

Eine weitere Erfahrung, die sich auch bei anderen Arbeitsstellen wiederholt, ist die, unsichtbar zu werden. So wird sie, weil die Reinigungsfirma, für die sie arbeitet, die Konkurrenz unterboten hat, in einem Büro eingesetzt. "Im Wesentlichen", schreibt sie, "bestehen meine Beziehungen zu den Angestellten am Einsatzort darin, nicht aufzufallen, und ich weiß, in welchen Situationen man komplett unsichtbar werden und in welchen man sich nur ein wenig zurückhalten muss. Zwei Angestellte trinken an ihren Schreibtischen Kaffee aus Pappbechern und bemerken mich gar nicht. Sie scheinen einer anderen Welt anzugehören als der meinen, gemacht aus einem anderen Stoff, duftig, fern und unerreichbar."

Diese Erfahrung der Unsichtbarkeit hat ihre Kollegin Victoria, mit der sie sich anfreundet, auch bei der Gewerkschaft gemacht. In der Abteilung Prekariat, die sich um die Angelegenheiten der schlecht bezahlten Berufsgruppen kümmern sollte, erwartete man von ihr vor allem, dass sie die Büros putzte. "Man kann doch nicht eine Kassierin oder eine Putzfrau zu den Versammlungen schicken", hieß es und so wurde ein Funktionär ernannt, ein "echt gebildeter Typ mit einer ganzen Batterie von Diplomen", der bald auch noch die schmale Finanzierung für die Putzarbeiten in den Büros der Gewerkschaft strich.

Mit einer Vielzahl von Jobs kommt Florence Aubenas schließlich auf ein Einkommen von monatlich etwa 700 Euro, 250 von den Fähren, 400 von der Reinigungsfirma und da und dort noch ein paar Nebenjobs. Dabei bleibt ihr kaum Zeit, sich zu erholen. "Ich habe angefangen meine Schlafenszeiten genauso penibel auszurechnen wie meine Arbeitsstunden. Um 22.30 Uhr komme ich von der Fähre zurück, um 4.30 Uhr stehe ich für meine erste Putzstelle wieder auf. Der Schlaf ist für mich zur Obsession geworden."

DAS BUCH:

Putze. Mein Leben im Dreck. Von Florence Aubenas. Aus dem Französischen von Gaby Wurster. Pendo Verlag, München 2010, 248 Seiten, 15,40 Euro