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Schulbus auf Füßen

Von Petra Tempfer

Politik
© corbis/Erik Isakson/Tetra Images

Am Montag beginnt in Ostösterreich die Schule. Eine Initiative aus Australien soll nun auch in Österreich das wachsende Verkehrsaufkommen vor Schulen reduzieren und den Schulweg sicherer machen.


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Wien. Bei einem selbst ist das Kind am sichersten, glaubt man. Kein anderer kann so gut auf es aufpassen und es beschützen. Der Gefahren, denen man sein Kind aussetzt, wenn man es im Auto mitnimmt und überallhin - zum Beispiel zur Schule - fährt, ist man sich selten bewusst. Tatsächlich passieren aber die meisten Verletzungen bei Kindern, wenn sie im Auto mitfahren und in einen Verkehrsunfall verwickelt werden. Rund 3000 Kinder werden laut Verkehrsministerium jährlich auf den Straßen verletzt. Besonders viele seien es rund um den Schulschluss und zu Schulbeginn. Dennoch wird etwa ein Drittel aller Schüler mit dem Auto in die Schule gebracht - auf dem Land sogar noch mehr.

Das Autoaufkommen vor Schulen ist enorm, die frühmorgendliche Verkehrssituation kurz vor dem Läuten zur ersten Unterrichtsstunde extrem gefährlich. Für die rund eine Million Schüler, für die am Montag (Wien, Niederösterreich und Burgenland) beziehungsweise am 8. September (im Rest Österreichs) die Ferien zu Ende sind, wird sie wieder zur täglichen Realität. Eine Initiative aus Australien soll nun auch in Österreich das Verkehrsaufkommen vor allem vor Volksschulen reduzieren und den Schulweg sicherer machen: der Pedibus. Das Wort setzt sich aus den Silben "Pes", was aus dem Lateinischen übersetzt Fuß heißt, und "Bus" zusammen - ein Bus mit Füßen also. Mit maximal 16 kleinen Füßen genau genommen. Denn das Konzept sieht vor, dass höchstens acht Kinder zu fixen Zeiten an bestimmten Haltestellen von einer Begleitperson (zum Beispiel einem Elternteil) abgeholt und zur Schule "chauffiert" werden. Das Wort Pedibus war schon unter den Römern gebräuchlich. Damals allerdings als Dativ Plural von "Pes", was als "mit den Füßen" oder schlicht Fußgänger zu übersetzen ist.

Lernen fürs Leben auf dem Weg zur Schule

Immer mehr Pedibusse sind österreichweit unterwegs. Die meisten Initiativen dieser Art gibt es in Niederösterreich, Salzburg, Tirol und dem Burgenland. Ähnliche Busse picken auch in Deutschland, der Schweiz, Luxemburg, Italien, Frankreich und Großbritannien Schüler auf. In den USA und Kanada sind die Schulbusse auf Füßen ebenfalls bekannt.

Um einen Pedibus in Bewegung zu setzen, muss er lediglich von den betroffenen Eltern beschlossen werden. Der Fahrplan wird auf die Stundenpläne der Kinder abgestimmt. Vor dem ersten Start soll laut Verkehrsclub Österreich (VCÖ) ein wesentlicher Punkt schriftlich festgelegt werden: dass die Verantwortung für das Kind bei den Eltern bleibt.

"Prinzipiell ist der Schulweg für die Kinder die beste Möglichkeit, zu lernen und Erfahrungen zu sammeln, wie man sich im Verkehr verhält", sagt Christian Gratzer vom VCÖ zur "Wiener Zeitung". Eine Viertelstunde bzw. zweimal 1,5 Kilometer Schulweg pro Tag zu Fuß gehen sei Volksschulkindern zumutbar. Außerdem könnten sie sich aufgrund der frühmorgendlichen Bewegung im Unterricht besser konzentrieren. Mindestens genauso wichtig sei es, verkehrsplanerische Maßnahmen wie breite Gehwege und übersichtliche Kreuzungen im Bereich von Schulen zu treffen.

Für Andreas Ehlers vom Verband der Elternvereine an öffentlichen Pflichtschulen hat sogar Letzteres Priorität. Er plädiert - wie in Deutschland üblich - für das Modell "kiss and go": Die Schüler werden auf einem in der Nähe der Schule extra angelegten Parkplatz entlassen und erreichen über einen gesicherten, kurzen Fußweg die Schule. "Die Eltern müssen also nicht in dritter, vierter Spur direkt vor dem Schultor halten, um die Kinder aussteigen zu lassen", so Ehlers.

"Kohlendioxid einzuatmen ist nicht unbedingt gesund"

Von der Idee des Pedibus ist er nicht uneingeschränkt überzeugt. Vor allem, wenn die Schulen in Großstädten liegen, kehre sich der gesundheitliche Aspekt ins Gegenteil. "Das Kohlendioxid des Frühverkehrs einzuatmen ist nicht unbedingt gesund", sagt Ehlers. Langzeitfolgen seien möglich. "Das sollten Eltern bedenken, wenn ihre Kinder in der Stadt täglich zu Fuß in die Schule wackeln." In Wien gebe es daher keine Pedibusse. Wer seinen Schulweg über das öffentliche Verkehrsnetz zurücklegt, ist seiner Ansicht nach am ökologischsten, rasch und sicher unterwegs.

Spezielle Routen für Schulkinder in Wien

Für all jene Wiener Kinder, die trotzdem zu Fuß in die Schule gehen, haben die Allgemeine Unfallversicherungsanstalt (AUVA) und die MA 46 (Verkehrsorganisation) für nahezu jede Volksschule Schulwegpläne entwickelt (abrufbar unter www.auva.at/schulwegplaene-wien). Darauf sind das Einzugsgebiet der jeweiligen Schule und die sichersten Wege dorthin zu sehen. Spezielle Konflikt- und Gefahrenstellen sind extra gekennzeichnet. Eltern wird geraten, die sicherste Route gemeinsam mit dem Kind festzulegen und einzuüben. Und: Immer mit gutem Beispiel voranzugehen und nicht selbst einmal noch schnell bei Rot über die Kreuzung zu laufen, wenn das Kind dabei ist.