Zum Hauptinhalt springen

"Schule darf keine Sackgasse sein"

Von Brigitte Pechar und Wolfgang Zaunbauer

Politik
Eckehard Quin hofft auf mehr sozialpartnerschaftlichen Dialog mit der Bildungsministerin. Foto: Pessenlehner

"Wir brauchen ein ganztägiges Angebot." | Quin übt Kritik an Bildungsstandards und Zentralmatura. | "Wiener Zeitung": Österreichs Schüler haben beim Pisa-Test katastrophal abgeschnitten, vor allem beim Lesen. Woran hapert es?


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 15 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Eckehard Quin: Mit dem Lesen ist es ähnlich wie mit einem Musikinstrument: Hast du einen guten Lehrer, lernst du es leichter, hast du einen schlechten Lehrer, lernst du es weniger leicht - aber ohne Üben lernst du es überhaupt nicht. Alleinerziehende Eltern, die den ganzen Tag arbeiten, können mit ihrem Kind nicht abends um acht Lesen üben. Daher brauchen wir ganztägige Angebote, wo andere diese Aufgaben übernehmen.

Werden die Schüler auf Pisa vielleicht auch falsch vorbereitet?

Ich hielte es für falsch, die Schüler gezielt auf Pisa hin zu trainieren. Das ist auch sinnlos, weil hier langfristig aufgebaute Kompetenzen abgefragt werden. Ähnlich wird auch die Zentralmatura sein. Ich halte diesen Zugang für sinnvoll. Aber in Österreich verbietet die Leistungsbeurteilungsverordnung, dass Längerfristiges geprüft wird. Ich bezeichne das als Bulimiepädagogik: reinstopfen, bei der Prüfung auskotzen und dann ist es weg. Das zu ändern, würde null Cent kosten. Das würde auch die Vorbereitung auf Bildungsstandards und Zentralmatura verbessern.

Was halten Sie von den Bildungsstandards?

So, wie sie jetzt durchgeführt werden, sind sie eine Geldverschwendung. Wir kritisieren vor allem den Zeitpunkt der Überprüfung im zweiten Semester der vierten und achten Schulstufe. Die Ergebnisse erhält der Lehrer dann ein halbes Jahr später. Wie soll man da auf Schwächen von Schülern reagieren, die man gar nicht mehr unterrichtet? Die Überprüfung sollte in der dritten und siebenten Schulstufe durchgeführt werden, dann hat man noch ein Jahr Zeit, um auf Probleme zu reagieren.

Und wie steht es mit der Zentralmatura?

Wenn man alle Fragen zentral vorgibt, wie das derzeit für die schriftliche Matura vorgesehen ist, muss man sich an einem ziemlich niedrigen Level orientieren. Das führt zu einer Niveausenkung. Unser Vorschlag wäre, dass nur ein Teil zentral vorgegeben ist und der andere so gestaltet wird wie bisher. Dadurch könnte ich auch die Schulschwerpunkte abbilden. Beide Teile müssten natürlich positiv absolviert werden, um die Matura zu bestehen.

Die Zentralmatura soll 2014 starten. Geht sich das zeitlich aus?

In Englisch sind die Vorarbeiten am weitesten gediehen. Da mach ich mir keine großen Sorgen. In Mathematik und Deutsch hingegen gibt es noch nicht einmal fertige Konzepte, geschweige denn Schulversuche. Ich halte das für unverantwortlich. Und es ist auch eine Frechheit jenen Schülern gegenüber, die jetzt in der neunten Schulstufe sitzen, dass heute noch nicht klar ist, wie ihre Matura laufen wird. Das sollte man um zwei Jahre verschieben.

Ihre Gewerkschaft lehnt die Gesamtschule ab. Aber macht es heute noch Sinn, Schüler mit zehn Jahren zu trennen?

Differenzierung macht immer Sinn. Binnendifferenzierung klingt zwar super, aber wie soll ein Lehrer auf dutzende Schüler individuell eingehen? Zu glauben, dass wir in ein paar Jahren doppelt oder dreimal so viele Lehrer haben werden, ist utopisch. Das wird es nicht spielen. Daher braucht es halbwegs homogene Gruppen. Diese Differenzierung funktioniert in großen Teilen Österreichs sehr gut. Rund die Hälfte aller Maturanten hat zuerst eine Hauptschule besucht. In städtischen Ballungsräumen gibt es allerdings ein Problem. Da gilt es, Lösungen zu finden, denn Schulen dürfen keine Sackgassen sein. Aber nur, weil es in Wien nicht funktioniert, muss man nicht gleich das System an sich umkrempeln.

Wie soll Wien das lösen?

Hier gibt es das massive Problem der Sprachkompetenz. Wenn ich die Sprache nicht beherrsche, habe ich auch Probleme in allen anderen Fächern. Hier muss die gezielte vorschulische Sprachförderung stärker ausgebaut werden. Auch Sprachunterricht am Nachmittag müsste man anbieten - und zwar verpflichtend, denn es ist ein Verbrechen an den Kindern, ihnen die Unterrichtssprache vorzuenthalten und damit ihre sämtlichen Bildungschancen zu zerstören.

Die ÖVP überlegt Aufnahmeprüfungen für die AHS. Ist so etwas sinnvoll?

Eine punktuelle Prüfung ist in der Schule ebenso wenig sinnvoll wie an den Unis, weil man auch mal einen schlechten Tag erwischen kann. Allerdings wäre es für die Schüler hilfreich, wenn festgestellt wird, welchen Leistungsstand, welche Begabungen, welche Neigungen und welche Leistungsmotivation ein Kind hat, um so den optimalen Bildungsweg für dieses Kind zu finden.

Bund und Länder raufen um die Kompetenzen über die Lehrer. Wie positionieren Sie sich da?

Die Schulorganisation muss österreichweit gleich sein. Die AHS-Langform muss in ganz Österreich gesetzlich abgesichert sein. Das Dienst- und Besoldungsrecht muss österreichweit gelten. Und die Ressourcenzuteilung muss schulartenspezifisch sein, es darf also kein Geld von der AHS genommen werden, um etwa kleine Dorfschulen zu erhalten. Wenn diese Forderungen erfüllt sind, ist mir egal, wer mir meinen Gehaltsscheck zahlt.

Ihre Vorgängerin Eva Scholik war im Streit um die Ausweitung der Unterrichtszeit 2009 äußert kämpferisch. Ist das von Ihnen auch zu erwarten?

Ich hoffe, dass es in Zukunft nicht wieder zu solchen Auseinandersetzungen kommt. Wir sind alle gut beraten, die Energie, die in solche Auseinandersetzungen fließt, in die sinnvolle Weiterentwicklung unserer Schulen zu investieren. Ich hoffe daher, dass man verstärkt auf sozialpartnerschaftlichen Dialog setzt. Ganztägige Betreuung, Zentralmatura oder Bildungsstandards sind Themen, bei denen wir leicht Konsens erzielen könnten - wenn man kleine Korrekturen vornimmt. Wenn man aber wie Unterrichtsministerin Claudia Schmied derzeit nur auf die Gesamtschule fokussiert, werden wir keine Einigung finden.

Eckehard Quin (42, FCG) folgte mit 1. Dezember Eva Scholik als Vorsitzender der AHS-Lehrergewerkschaft in der GÖD nach. Seit 2003 war er Scholiks Stellvertreter. Quin hat Geschichte und Chemie studiert und als Historiker gearbeitet, bevor er 1997 als Chemielehrer in die AHS Perchtoldsdorf wechselte. Der Vater von zwei Kindern spielt in seiner Freizeit leidenschaftlich Klarinette.

"Ich bezeichne das als Bulimiepädagogik: reinstopfen, bei der Prüfung auskotzen und dann ist es weg."

"Binnendifferenzierung klingt zwar super, aber wie soll ein Lehrer auf dutzende Schüler individuell eingehen?"