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Schule in Bewegung bringen

Von Brigitte Pechar

Politik
© fotolia/MG

Bildungswissenschafter Stefan Hopmann fordert von der Politik eigenverantwortliche Schulen.


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Wien. "Auf die Frage von Lehrern ,Was ist die beste Schule?‘, sage ich: ,Eure, wenn Ihr sie dazu macht." Bildungswissenschafter Stefan Hopmann hält wenig bis nichts von den bisherigen unzähligen Schulreformen und glaubt nicht daran, dass die Schule durch zentrale Steuerung verbessert werden kann. Im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" erklärt er, was passieren muss, um die Schule besser zu machen. Außerdem haben wir die Parteien gebeten, ihre wichtigsten bildungspolitischen Ziele für die kommende Legislaturperiode zu benennen.

Hopmann ist vom Bildungspaket inklusive Schulautonomie, das in einer der letzten Sitzungen des Nationalrats in der abgelaufenen Tagung beschlossen wurde, alles andere als begeistert. "Bestenfalls wird diese Reform unschädlich sein", lautet sein Urteil.

Er fordert wirkliche Autonomie, die gesamte Verantwortung solle an die Schulen gehen, diese wiederum sollen ein School-Board an ihrer Seite haben, in dem Mitglieder der Region kontrollieren und mitbestimmen. Das setzt allerdings eine andere Finanzierung voraus und vor allem anstelle eines Lehrerdienstrechts einen Kollektivvertrag. Klar vorgegeben müsse dabei sein, was die Kinder am Ende der 4., der 8., der 12. Schulstufe können müssen.

Weg von der zentralen Steuerung

Einen durchgängigen Fehler in der österreichischen Bildungspolitik erkennt Hopmann in der österreichischen kameralistischen beziehungsweise maria-theresianischen Vorgangsweise, Reformen von oben durchzudrücken. Die Formel "Wir schütten oben Geld und Personal hinein und unten kommt Qualität heraus" sei einfach falsch. Ganztagsschulen per se hätten auf die Chancengleichheit keinen Effekt, auch nicht die gemeinsame Schule. "Entscheidend ist der einzelne Schulstandort", betont der Bildungswissenschafter. Daher lautet sein einfacher Rat an alle wahlwerbenden Parteien: "Aufhören zu glauben, dass die Weisheit am Minoritenplatz (Sitz des Bildungsministeriums, Anm.) gebacken wird."

Statt der zahllosen Großmodelle müsse eine Umkehr erfolgen: "Wir müssen Schule in Bewegung bringen. Nicht durch Erlässe, Tests oder mehr Lehrkräfte, sondern dadurch, dass jeder Standort zum Träger seines eigenen Elends wird." Soll heißen, die Schulstandorte müssen Verantwortung übernehmen: budgetär, personell, organisatorisch. Das würde voraussetzen, dass die Mehrfachfinanzierungsstrukturen aufhören, dass Leiter Dispositionsrecht haben gegenüber Kollegen (Schulen müssen sich von unfähigen Lehrern trennen können) und dass sie über ein Budget verfügen. Viele Schulen müssten dafür aber erst räumlich vorbereitet werden - was Investitionen in die Infrastruktur bedeutet.

"Werdet radikal", fordert Hopmann von den Parteien. Wirkliche Schulautonomie müsse her. In Richtung SPÖ sagt er: "Hört auf, die Schwierigkeiten auf Migration oder Flucht abzuschieben - das ist überhaupt nicht das Problem des österreichischen Schulsystems." Anstelle der teuren Laptops sollte man überlegen, ob es nicht andere, dringendere Investitionen brauche. An ÖVP und FPÖ richtet er die Botschaft: "Das ist auch kein Sprachenproblem, das Sprachenproblem kommt immer nur zusätzlich hinzu, wenn es sowieso nicht funktioniert."

Was den Neos-Bildungsgutschein betrifft, ist Hopmann ebenfalls sehr kritisch. Dieser würde zu einer ausgeprägten Ungleichverteilung führen, weil es eben nur einen kleinen Teil der Eltern gebe, der handlungsfähig sei. "Das Autonomiekonzept der Neos, dass Schulen miteinander konkurrieren und die besten werden gewinnen, funktioniert in der Wirklichkeit nicht - sondern die schlechten werden noch schlechter werden."

Schulen müssten dazu gebracht werden, sich gegenüber den Schülerinnen und Schülern, die sie nun einmal haben, angemessen zu verhalten: durch Innendifferenzierung, flexible Unterrichtsgestaltung, Förderung, Familienarbeit. Jede Schule müsse eine klare Kultur für sich entwickeln und herausfinden, wie sie die Schülerinnen und Schüler mitnehmen könne. Eines sei aber klar, nur wenn alle Lehrer an einem Strang ziehen, funktioniere Schule.

Schulen brauchen Freiheit

Dazu brauche es aber auch Freiheit, sagt Hopmann: Schulen müssen Lehrer loswerden können ("Das ist der einzige Beruf, wo man nicht gefeuert werden kann, wenn man die geforderte Leistung nicht bringt"), sie müssen die Stundentafel auflösen können, sie müssen Klassenverbände verschieben können. Dazu brauche es räumliche Voraussetzungen, Unterstützungspersonal.

Mehr Lehrer seien nicht unbedingt nötig, ist Hopmann überzeugt. Vielmehr fehlten eben Sozialtherapeuten, Ergotherapeuten oder andere Berufe. Aber das sei in Österreich eben schwer umzusetzen, weil es zwar Anschubfinanzierungen etwa jetzt für die Ganztagsschule gebe, aber die Gemeinden langfristig die Kosten für Zusatzpersonal übernehmen müssten. Die Lehrer zahle weiterhin der Bund - auch die Landeslehrer -, weshalb die Länder Lehrer gegenüber anderem unterstützenden Personal bevorzugen.

Laut dem neuen Autonomiepaket darf ein Schulleiter künftig bei der Lehrerauswahl mitbestimmen. Das klinge gut, sei aber völlig absurd, denn weil man eben keine Lehrer loswerden könne, brauche es etwa 25 Jahre, bis das Kollegium ausgetauscht sei, so Hopmann. "Schulleiterautonomie funktioniert aber nicht, wenn dieser keinen Einfluss auf das Lehrpersonal hat. Das Kollegium oder sogar einzelne Lehrer können alles blockieren. Außer der Direktor ist eine so charismatische Person, die es schafft, alle mitzureißen."

Je höher gelegen die Schule, desto besser das Ergebnis

Eine Studie habe ergeben, dass es in Österreich einen Zusammenhang zwischen Höhenlage und Schulleistung gebe: Je höher gelegen der Ort sei, desto besser die Leistung. Hopmann erklärt das damit, dass in abgelegenen Bergregionen alle dazu beitragen, die Schule zu erhalten. Alle würden sich bemühen - das betreffe sowohl die Ausstattung als auch die Pädagogik. Denn da es nur eine Schule gebe, würden Eltern besonders darauf achten, dass diese qualitativ hochwertig sei. In Wien gebe es eine enorme Ausweichpalette. Rund ein Drittel der Eltern "gehen shoppen", soll heißen wählen eine bessere Schule für ihr Kind. Dadurch komme es natürlich zu Schieflagen.

Der Zirkel hohler Versprechungen mit viel Geld für wenig Ertrag müsse aufhören. Noch mehr Geld, noch mehr Tests würden nichts an den Verhältnissen ändern. "Die Politik muss fragen: ,Was brauchen die Schulen, um besser zu werden?‘" Häufig seien im Übrigen genau die Schulen besser, die sich nicht um Vorschriften kümmern würden.

SPÖ

Gratis-Ganztagsschulen

Bis zum Jahr 2025 fließen 750 Millionen Euro in die sozial gestaffelte Förderung ganztägiger Betreuungsangebote. Die SPÖ befürchtet aber, dass sich viele Familien schämen, diese finanzielle Unterstützung anzunehmen. Daher will die SPÖ die Ganztagsschulen flächendeckend in ganz Österreich gratis anbieten. Für Essen oder Freizeitgestaltung sollen keine Beiträge zu bezahlen sein.

5000 Lehrer zusätzlich

Für Schulen mit größeren Herausforderungen sollen 5000 Lehrer zusätzlich zur Verfügung gestellt werden. Es geht um jene Schulen, die aufgrund ihrer soziodemografischen Lage schlechtere Bildungschancen für die Schüler aufweisen. Die 5000 LehrerInnen sollen insbesondere in der Schuleintrittsphase (Sprachförderung, Förderung der Talente, Begleitung Übertritt Kindergarten-Volksschule) und Schulübertrittsphase (Volksschule-Sekundarstufe) aktiv werden. Welche Schulen den größten Bedarf haben, wird mit dem sogenannten Chancenindex ermittelt: Anteil der Schüler, deren Eltern maximal Pflichtschulabschluss aufweisen, sowie der Anteil der Schüler, deren Erstsprache nicht Deutsch ist . . .

Digitale Bildung

Jeder Schüler soll künftig in der Unterstufe (5. Schulstufe) ein Gratis-Tablet und in der Oberstufe (9. Schulstufe) einen Gratis-Laptop erhalten. Außerdem werden alle Schulen ans Breitbandinternet angeschlossen.

Zweites Gratiskindergartenjahr

Damit die in die Volksschule eintretenden Kinder auf einem etwa gleichen Niveau bei der Sprachkompetenz sind, ist für die SPÖ notwendig, dass der Kindergarten als erste Bildungseinrichtung mit einem klar hinterlegten Qualitätsrahmen ausgestattet ist. Außerdem soll ein zweites Kindergartenjahr gratis kommen.

Die neue Volkspartei

Deutsch vor Schuleintritt

Die ÖVP setzt als Kriterium für die Schulreife "das ausreichende Beherrschen der deutschen Sprache" voraus. Kinder, die diese Voraussetzung nicht erfüllen, sollen in Deutschförderklassen unterrichtet werden, egal wie alt sie sind. Geht der Spracherwerb nicht voran, soll es verpflichtenden Nachmittagsunterricht sowie Sommerkurse geben. Zugleich sollen nach den ÖVP-Plänen mehr gut integrierte Lehrer mit Migrationshintergrund eingesetzt werden. Zur Vermittlung staatlicher Grundwerte ist ab der 5. Schulstufe ein Pflichtfach "Staatskunde" vorgesehen.

Schulpflicht

Voraussetzung für die Erfüllung der Schulpflicht sind Mindest-Bildungsstandards wie sinnerfassendes Lesen oder die Kenntnisse der Grundrechnungsarten.

Differenziertes Schulsystem

Das differenzierte Schulsystem sowie das "Erfolgsmodell Gymnasium" will die Volkspartei erhalten. Außerdem soll die Begabungsförderung durch den Ausbau des Talent-Managements verbessert werden; benachteiligte Kinder sollen durch Mentorenprogramme unterstützt werden. Auch die ÖVP will digitale Kompetenzen stärker vermitteln.

Ethikunterricht

Die ÖVP will einen verpflichtenden Ethikunterricht für alle, die keinen Religionsunterricht besuchen.

Zweites Kindergartenjahr

Ein zweites verpflichtendes Kindergartenjahr ist für Kinder vorgesehen, die keine oder mangelnde Deutschkenntnisse haben.

FPÖ

Deutsch vor Schuleintritt

Die FPÖ fordert vor Schuleintritt eine Sprachstandsfeststellung. Wo es nötig ist, sollen die Kinder einige Monate Deutsch lernen und erst dann ins Regelschulwesen übertreten.

Differenziertes System

Die FPÖ will wie die ÖVP das differenzierte Schulsystem - Neue Mittelschule und AHS-Unterstufe - sowie die Sonderschulen erhalten. Das beinhalte eine Förderung der Hochbegabten als auch der weniger Begabten. Auf jeden Fall soll es wieder Leistungsgruppen an den NMS geben. Die Gesamtschule lehnt die FPÖ ab.

Quereinsteiger fördern

Die Qualität der Lehrerausbildung müsse erhöht und ein Quereinstieg in den Lehrberuf gefördert werden. Ein Beispiel sei "Teach for Austria", wo Jungwissenschafter an Brennpunktschulen unterrichten.

Lehrerdienstrecht

Für die Lehrer soll ein Jahresarbeitszeitmodell eingeführt werden. Das Besoldungsrecht soll leistungsbezogene Komponenten erhalten.

Schulautonomie

Für die FPÖ wäre eine maximale Autonomie wünschenswert. Ideal wäre, wenn der Bund die Schulaufsicht hätte, die Verwaltung aber bei den Ländern - weil näher dran - liegen würde.

Grünen

Elementarpädagogik

Nach Beschluss des Autonomiepakets müssen nun Reformen in der Elementarpädagogik kommen: Einführung des zweiten verpflichtenden Kindergartenjahres, bundesweiter Qualitätsrahmenplan (Öffnungszeiten, Gruppengröße), bessere Ausbildung der Elementarpädagogen und Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz ab dem 1. Geburtstag.

Chancenindex

Um Schulen in besonders belasteten Lernumfeldern zusätzliche Mittel für die Förderung ihrer Schüler bereitstellen zu können, fordern die Grünen die Einführung eines Chancenindex.

Finanzmittel

Die Zeit der Budgetlöcher müsse vorbei sein, die Grünen fordern daher die Ausfinanzierung des Bildungswesens.

Sprachförderprogramm

Es soll ein sinnvolles Sprachförderprogramm für Schüler mit Defiziten in der Unterrichtssprache eingeführt werden, das gesetzlich unbefristet und bedarfsgerecht finanziert wird. Zudem soll es die Schüler über die gesamte Bildungslaufbahn ab dem Kindergarten begleiten und von entsprechend ausgebildeten Fachkräften in Deutsch als Zweitsprache/Deutsch als Fremdsprache durchgeführt werden.

Lehrerausbildung

Die Lehrkräfteausbildung soll ausgebaut, Quereinsteiger gefördert und der Lehrberuf attraktiviert werden, um dem Lehrkräftemangel entgegenzuwirken.

Neues Lehrerdienstrecht

Wie die FPÖ fordern auch die Grünen ein neues Dienstrecht für Lehrkräfte auf Basis eines Jahresarbeitszeitmodelles, um den Schulen auch den flexiblen Einsatz von Lehrkräften unabhängig von Wochenstundenplänen und damit mehr kindgerechte Pädagogik schulautonom zu ermöglichen.

Neos

Chancen-Bonus

Die Neos fordern ein "Chancen- und Innovationspaket" im Umfang von 400 Millionen Euro. Es müsse selbstverständlich sein, dass alle Kinder mit sechs Jahren Deutsch können. Kernstück hierbei sei ein "Chancen-Bonus" für Österreichs Schulen, mit denen sie ein Zusatzbudget lukrieren können, über das sie autonom verfügen. Schüler, die der Unterrichtssprache Deutsch nicht folgen können, müssten verpflichtende Förderkurse in den letzten beiden Ferienwochen besuchen. Langfristig sind die Neos für eine Vollautonomie der Schulen.

Imagekampagne für Lehrer

Guter Unterricht hänge an der Person des Lehrers. Deshalb wollen die Neos einerseits das Image des Lehrberufs verbessern, andererseits eine Recruitingoffensive starten und auch den Quereinstieg erleichtern. Auch die Neos verweisen auf Teach for Austria.

"LELA 5000"

Für Weiterbildung fordern die Neos ein "Chancen-Konto", mit dem in persönliche Fortbildung investiert werden kann. Innerhalb von fünf Jahren können für diesen Zweck bis zu 5000 Euro mit Zuschüssen von Unternehmen und Staat angespart werden - wie bei einem persönlichen Bankkonto.

Mittlere Reife

Die Lehrpläne müssen völlig neu gedacht, die Kinder für die Digitalisierung fit gemacht werden. Am Ende der Schulpflicht soll es eine Mittlere Reife geben.

Stefan Hopmann ist Professor für Erziehungswissenschaften an der Universität Wien.