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Schule muss allen Kindern gerecht werden

Von Alexia Weiss

Gastkommentare

Mit Reförmchen da und dort ist es nicht mehr getan. Es braucht eine völlige Neukonzeption des Systems Schule.


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Seit Jahrzehnten wird das heimische Schulsystem verändert. Doch die große Reform gelingt dabei nie. Kleinigkeiten werden an neue Gegebenheiten angepasst. Beispiele sind hier etwa die Digitalisierung (auch diese kam allerdings erst flächendeckend durch die Covid-Krise in Schwung) oder das geschlechtsneutrale Formulieren. Was es allerdings endlich dringend braucht, ist ein völlig neu aufgesetztes Bildungssystem, das einerseits allen Kindern und andererseits auch der Gesellschaft von heute gerecht wird.

Ideologische Grabenkämpfe stehen dem im Weg. Statt Konzepte wie Ganztags- und Gesamtschule zu verteufeln, wäre es klug, diese Etikettierungen einmal zur Seite zu schieben und sich an dem zu orientieren, was Kinder weiterbringt, Pädagogen ein gutes Arbeiten und Eltern eine reibungslose Vereinbarkeit von Beruf und Familie ermöglicht.

Was Kinder brauchen? Ein Schulsystem, das sie an der Hand nimmt, ihre Stärken fördert, ihre Defizite erkennt und sie im Überwinden dieser unterstützt. Was Kinder nicht brauchen, ist ein Schulsystem, das be- und verurteilt und aussortiert. Es ist daher auch nicht nötig, im Alter von zehn Jahren eine für alle Betroffenen belastende Entscheidung herbeizuführen, die einen ins Gymnasium aufsteigen zu lassen und die anderen in die Mittelschule zu schubsen und ihnen damit zu vermitteln: Du hast bereits versagt. Nichts spricht gegen eine Schule für alle Kinder - wenn sie wesentlich stärker differenziert. Davon profitieren sowohl die lernstarken als auch die lernschwächeren Schüler.

Warum müssen alle Kinder einer Klasse denselben Mathematikunterricht besuchen? Warum müssen alle Schüler und Schülerinnen einer Klasse dieselben Sprachen auf demselben Level erlernen? Warum nicht Unterrichtseinheiten vorsehen, die im Klassenverband stattfinden können, und andere, die in einem Kurssystem erfolgen, das sich eben am Kompetenzstand des einzelnen Kindes orientiert. So könnte die Schülerin, in deren Elternhaus Dari gesprochen wird, diese Sprache auch schriftlich perfektionieren, während ihre Klassenkollegin sich für Spanisch-Unterricht entscheiden würde.

Ein Coach für jedes Kind

Sie erhielte vor dieser Entscheidung allerdings umfassende Beratung: Denn jedem Kind stünde ab Schulbeginn bis zum Abschluss der jeweiligen Schulform ein Coach zur Seite. Er oder sie würde sofort reagieren, wenn das Kind sich schwer täte, in einem Gegenstand die erforderliche Leistung zu erbringen. Dabei stünde dem Coach ein multiprofessionelles Team zur Verfügung: Legasthenietraining, Physiotherapie, Logopädie, Psychotherapie, Ergotherapie - oder schlicht klassische Nachhilfe, jedes Kind erhielte das, was es bräuchte, um die Schule erfolgreich zu absolvieren.

Gleichzeitig würde Lehrerinnen und Lehrern so ermöglicht, sich auf das zu konzentrieren, wozu sie ausgebildet wurden: das Unterrichten. Diese neue Schule böte Pädagogen zudem auch einen modernen Arbeitsplatz. Hier könnten sie sich in Besprechungsräumen mit Kollegen und Eltern austauschen, hier könnten sie in kleinen Arbeitszimmern in Ruhe korrigieren und die nächsten Stunden vorbereiten.

Mit wem auch immer man spricht: Kaum jemand findet die Schule perfekt, wie sie ist. Wenn es aber um den konkreten Weg einer Reform geht, scheiden sich sofort die Geister. Es wäre aber möglich, ein Schulsystem zu konzipieren, das allen gerecht wird - wenn man denn den Mut aufbrächte. Profitieren würden nicht nur die besser betreuten und unterrichteten Kinder. Profitieren würde auch der Wirtschaftsstandort: Der Fachkräftemangel zieht sich bereits durch verschiedenste Branchen; Betriebe, die Lehrlinge ausbilden, jammern über fehlende Skills von Jugendlichen mit Pflichtschulabschluss. Hier dafür zu sorgen, dass ein Schulabschluss auch tatsächlich mit Kompetenzen einhergeht, hilft sowohl dem Individuum als auch den Unternehmen. Ein Staat sollte es sich leisten, alle Kinder gut auszubilden und es ihnen damit zu ermöglichen, später ihre Existenz gut zu bestreiten - das wäre auch volkswirtschaftlich eine Win-win-Situation.