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Schulen schließen ist kein Allheilmittel

Von Martina Madner und Petra Tempfer

Politik

Um das Infektionsrisiko an Schulen zu verringern, gibt es sanftere Lösungen wie Schichtbetrieb oder asynchrone Pausen.


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Gebannt blickt Österreich diese Woche auf die Entwicklung der Coronavirus-Neuinfektionen. Sollten die Zahlen nach dem Lockdown der Vorwoche nicht fallen, hat Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) eine Verschärfung der Maßnahmen angekündigt. Nach den nächtlichen Ausgangssperren und dem Schließen der Gastronomie könnten als nächster Schritt vielleicht schon ab Montag Schulen und Kindergärten geschlossen werden - die Oberstufenschüler befinden sich ja bereits seit November im Fernunterricht.

Am Mittwoch zeichnete sich noch immer keine Entspannung ab. In den vergangen 24 Stunden waren den Daten des Innenministeriums zufolge 7.514 Neuinfektionen gemeldet worden - der bisher zweithöchste Wert an einem Tag. Darin sind zwar auch Nachmeldungen ins Epidemiologische Melderegister enthalten, der Wochenschnitt mit durchschnittlich 6.754 Neuinfektionen täglich zeigt aber weiterhin nach oben. 1.564 Menschen sind bisher mit Covid-19 gestorben.

Kindergärten und Schulen zu schließen bezeichnete der Sonderbeauftragte im Gesundheitsministerium und Co-Vorsitzende der Corona-Ampelkommission, Clemens Martin Auer, im Ö1-"Morgenjournal" am Mittwoch als die "Ultima Ratio". Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) plädierte dafür, zu diskutieren, ob man nur für die Zehn- bis 14-Jährigen wieder auf Lernen auf Distanz umstellt, die Volksschulen aber weiterhin im Präsenzunterricht offen hält.

"Kleine Kinder tragen nicht viel zu Infektionen bei"

Seit Schulbeginn ist der Anstieg der Corona-Infektionszahlen bei den unter 14-Jährigen im Vergleich zu den anderen Altersgruppen laut Ages nämlich am geringsten ausgefallen. Die Datenlage zur Infektiosität von Kindern zeige im Moment, "dass ganz kleine Kinder nicht viel zum Infektionsgeschehen beitragen", sagt auch Monika Redlberger-Fritz, Leiterin des Referenzlabors für Influenza des Zentrums für Virologie an der MedUni Wien.

Kindergarten- und Volksschulkinder könnten sich demnach nicht so leicht wie Ältere anstecken. Die Gründe dafür könnten darin liegen, dass sie Studien zufolge weniger Rezeptoren im Gewebe aufweisen, die von Sars-CoV-2 zum Andocken verwendet werden. Und: Kleine Kinder zeigten meist milde oder gar keine Symptome, wodurch das Risiko geringer sei, das Virus durch ausgehustete Tröpfchen zu übertragen, so die Virologin.

Über Zehnjährige hätten zwar bereits ein größeres, aber immer noch geringeres Risiko als über 15-Jährige, bei denen es keinen Unterschied mehr zu Erwachsenen gebe. Ist ein kleines Kind aber einmal infiziert, so ist die Viruslast im Rachen laut Redlberger-Fritz gleich hoch wie bei Erwachsenen.

Bleiben Schulen geöffnet, so müssten Covid-19-Verdachtsfälle an den Schulen jedenfalls möglichst schnell abgeklärt werden. Seit November läuft in Niederösterreich, Tirol und Kärnten ein Pilotprojekt zum Einsatz von Antigentests. Dieses Projekt soll laut Faßmann nach Testung der Logistik mit Anfang Dezember bundesweit ausgerollt werden. Zusätzlich zu den Antigentests bei Verdachtsfällen testet das Bildungsressort bei einem Pilotprojekt in Mödling nun auch einen neuen mobilen Testbus, in dem die Proben per RT-LAMP-Methode ausgewertet werden - eine schnellere und günstigere Alternative zum bisherigen "Gold-Standard" PCR-Test, die ebenfalls auf der Vervielfältigung von Erbmaterial basiert.

Findet der Unterricht online statt, so soll es für die Lehrer - im Moment wie gesagt die Oberstufenlehrer - laut Lehrergewerkschaft eine Abgeltung des finanziellen Mehraufwands geben. Zudem sollten Hardware, Software und Infrastruktur zu 100 Prozent abschreibbar sein, forderte diese in einem Brief an Faßmann. Begründet wird dies mit der mangelnden Ausstattung mit digitaler Infrastruktur durch den Dienstgeber.

"Erstklässler haben einfach nicht lesen gelernt"

Laut Karin Hansal, Direktorin der Harald-Godai-Volksschule in St. Andrä-Wördern in Niederösterreich, ist die Problematik des Fernunterrichts bei Volksschülern generell eine ganz andere. "Ich kann von Erstklässlern nicht die Nutzung digitaler Lernplattformen einfordern", sagt sie zur "Wiener Zeitung": "Das funktioniert einfach nicht." Gerade für Volksschulkinder wäre die Schulschließung daher "der absolute Supergau". Mindestens zehn der insgesamt 276 Kinder mussten aufgrund des ersten Lockdowns im Frühling die Klasse wiederholen. "Erstklässler haben einfach nicht lesen gelernt", so Hansal. Und manche aus der vierten Klasse hätten dadurch den Übertritt ins Gymnasium nicht geschafft.

Vor allem Kinder aus bildungsfernen Schichten oder mit Migrationshintergrund seien von Schulschließungen betroffen. "Wenn niemand mit den Kindern zuhause lernen kann, entstehen Lücken, die womöglich nicht mehr geschlossen werden können - und langfristige Schäden, die Geld kosten."

"Lernen auf Distanz setzt sehr viel Selbstorganisation voraus, die jüngere Kinder erst entwickeln. Sie benötigen die emotionale Bindung zu der Lehrerin als Ankerperson. Haben sie das nicht, fallen sie leichter zurück und auch ganz raus, als Ältere", erklärt Barbara Herzog-Punzenberger, Professorin für Schulforschung an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck.

Lernen im Schichtbetrieb statt auf Distanz

Die rund 280 Zehn- bis 14-Jährigen an der Mittelschule Veitingergasse in Hietzing sind zwar schon etwas älter. Trotzdem hat Direktorin Brigitte Hönninger Bedenken bei einem erneuten Lernen auf Distanz: "Wir würden einen Schichtbetrieb bevorzugen, Schließungen sollten die letzte Maßnahme sein." Die Eltern hätten sich im Frühjahr sehr kooperativ gezeigt, trotzdem bräuchten die Kinder Kontakt zu Mitschülern und Lehrern, am besten tageweise abwechselnd. "Das gibt dem Lernen eine Struktur, ist auch eine Erleichterung für Eltern." Auch die Pädagogen kämen "durchwegs lieber in die Schule".

Die Direktorin geht zwar davon aus, dass die im Frühling noch kleine Gruppe jener Schicht, die an "schulfreien" Tagen Betreuung an der Schule benötigte, nun im Herbst größer werden würde. Trotzdem ist Hönninger davon überzeugt, dass der Schichtbetrieb, was die Ansteckungsgefahr anbelangt, "viel Druck rausnehmen würde". Denn: "In Klassen mit 25 können wir keinen Abstand halten." Auch wenn die öffentliche Hand FFP2-Masken für das Lehrpersonal und Alltagsnotfallsmasken für Schüler zur Verfügung stellen würde, wäre das hilfreich: "Unser Standort ist bis jetzt zwar zum Glück relativ verschont geblieben, aber die Schüler tragen jetzt schon teilweise Masken am Sitzplatz."

Das Gefahrenbewusstsein der rund 300 Schülerinnen und Schüler an der Polytechnischen Schule Rudolfsheim-Fünfhaus endet dagegen meist am Schuleingang, sagt Direktorin Beatrix Poppe. "Unsere 15-Jährigen halten sich in der Schule an die Regeln, aber wenn sie aus der Tür raus sind, ist ihnen Corona egal. Sie knuddeln sich, ich weiß nicht, was sie am nächsten Tag mitbringen. Ich verstehe sie ja, sie brauchen ihre Sozialkontakte."

Manchen fehlen Drucker oder ausreichendes Datenvolumen

Fernunterricht könne sie Schülern an ihrer und anderen Wiener Polytechnischen Schulen aber aus ganz anderen Gründen "kaum zumuten". Manchen fehlen Drucker oder ausreichendes Datenvolumen zuhause, andere würden schriftliche Anweisungen nicht verstehen. Vor allem für jene in den Deutschförderkursen, die erst seit Sommer in Österreich sind, sei das Erlernen der Sprache so kaum möglich.

Zu den Schülern in der ersten Klasse der Oberstufe, obwohl diese im selben Jahrgang sind, gebe es einen gravierenden Unterschied: "Unsere haben ihr Abschlussjahr. Es gibt nur dieses eine. Was man jetzt nicht macht, kann man nicht später aufholen." Gerade Berufsorientierung für Unentschlossene, Praxis an der Schule in neuen Fächern wie Mechatronik sei für den späteren Berufsweg wichtig. Poppe plädiert daher ebenfalls für einen Schichtbetrieb in kleineren Gruppen statt einer Schulschließung.

Demgegenüber sehen vermutlich auch viele in Schulschließungen die effektivste Methode, um der Ausbreitung des Virus entgegenzuwirken. "Bevor eine Schule geschlossen wird, muss man alle anderen Möglichkeiten in Betracht ziehen", sagt aber auch Umweltmediziner Hans-Peter Hutter, der Facharzt für Hygiene an der MedUni Wien ist. Grundsätzlich gehe es dabei um das Verringern der Möglichkeit der Tröpfcheninfektionen.

Der Schichtbetrieb oder unterschiedliche Pausenzeiten würden das Ansteckungsrisiko in jedem Fall senken, sagt Hutter. Ein Verkleinern der Schülerzahl in den Klassen, falls möglich, sei ebenfalls sinnvoll, weil man dadurch die Abstände zwischen den Schülern vergrößern könnte. Er spricht sich auch für das ständige Tragen von Masken in Schulen aus - im Vergleich zu Schulschließungen sei das das geringere Übel. Die denkbar einfachste, aber dennoch effektive Methode ist laut Hutter immer noch das Stoßlüften. "Zwei Minuten in den Pausen und einmal in der Mitte der Stunde genügen."

Schulschließungen kommen Betroffene teuer zu stehen

Die Auswirkungen des Lernens auf Distanz sind jedenfalls deutliche - für die Gesellschaft und die Schüler selbst. Eine IHS-Befragung im Lehrpersonal hat ergeben, dass im Durchschnitt 38 Prozent der Schüler durch das Lernen zu Hause Kompetenzen einbüßen; bei jenen aus benachteiligten Haushalten sogar 76 Prozent. "Je stärker die Lernleistung ins private Umfeld verlagert wird, desto stärker steigt die soziale Ungleichheit. Manche Eltern können ihre Kinder beim Lernen unterstützen, andere aber nicht. Das ist das Gegenteil davon, was wir mit Ganztagsschulen erreichen", sagt IHS-Bildungs- und Ungleichheitsforscher Mario Steiner.

Schulschließungen haben auch finanzielle Folgen beim späteren Einkommen. Ein Monat Lernen auf Distanz kostet laut IHS-Chef Martin Kocher Betroffene etwa 0,67 Prozent ihres späteren Erwerbseinkommens. Das wären 100 bis 200 Euro, die jeder Schüler schon im ersten Jahr des Berufslebens verliert. Über die Jahre hinweg summiert sich der Verlust für die Million Schüler, die betroffen sein könnte, wegen der einmonatigen Schulschließung "vorsichtig geschätzt" auf zwei Milliarden Euro.

Weil auch Eltern in dieser Zeit in ihrer Arbeit weniger produktiv sein können, kommt noch eine weiter eine Milliarde Euro an volkswirtschaftlichen Kosten hinzu. "Natürlich bringt ein Schullockdown auch einen gesundheitlichen Nutzen, deshalb sprechen wir uns nicht grundsätzlich dagegen aus. Aber: Die Kosten, die sich erst später materialisieren, sollten bei der Kosten-Nutzen-Rechnung nicht vergessen werden", sagt Kocher.

SPÖ entschieden gegen Schulschließungen

Die SPÖ hat am Donnerstag ihre Ablehnung von möglichen Schulschließungen im Zuge von verschärften Corona-Maßnahmen mit Entschiedenheit bekräftigt. Das wäre "eine Maßnahme von geringem Nutzen und großem Schaden", sagte Parteivorsitzende Pamele Rendi-Wagner in einer Pressekonferenz. Bildungssprecherin Sonja Hammerschmid forderte stattdessen umfangreiche Schutzmaßnahmen für ein Offenhalten der Schulen.