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Schulreform braucht Bildungsziele

Von Erich Brunmayr und Mathilde Brunmayr-Stockinger

Politik

Die Gesamtschule als Leerformel. | Schüler über einen Kamm geschoren. | St.Pölten/Gmunden. Da bemühen sich neue Akteure in der Bildungspolitik, den Anschein von Reformwillen zu erwecken. Was nach jahrzehntelanger schulpolitischer Reformverweigerung aber der Öffentlichkeit vorgelegt wird, sieht ziemlich alt aus: Gesamtschule als Leerformel. Darunter werden seit jeher widersprüchliche pädagogische Schlagworte den Menschen um die Ohren geschlagen. Schon in den 70er Jahren war die Gesamtschule das Feigenblatt, hinter dem die bildungspolitische Ideenlosigkeit versteckt wurde.


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Warum besteht

Reformbedarf?

Im derzeitigen Schulsystem sind zumindest die folgenden Defizite spürbar:

1. Milieuspezifisch ungleiche Bildungschancen verstoßen gegen das Prinzip der Chancengleichheit. In den 70ern wurde diese Diagnose in allen Sozialwissenschaften thematisiert und beraten. Kanzler Bruno Kreisky hat das Thema plakativ angesprochen. Aber es hat sich bis heute nichts geändert.

Das ist auch völlig logisch: Noch immer fördert die Schule und selegiert kognitive Begabungen. Und diese werden nun einmal in sprachlich aktiven Familien des gehobenen Bildungsniveaus besser vermittelt als in handwerklich ausgerichteten Familien. Dort werden eher die praktische und die sozial-emotionale Intelligenz stärker trainiert. Aber für diese Begabungsdimensionen gibt es in der alten Schule keine guten Noten.

Warum eigentlich nicht?

2. Unser Bildungssystem beruht auf einem Hürdenlauf über standardisierte Einheitslehrpläne. Die Schüler eines Jahrgangs müssen in allen 10 bis 15 Fächern ihrer Schule das Plansoll erfüllen. Als wären nur diese Fächer relevant. Alle werden über den gleichen Kamm geschoren. Und weil man in allen Fächern die Hürden überspringen muss und sich der Lehrplan einen Teufel um individuelle Talente kümmert, müssen die Schüler die meiste Zeit für jene Fächer aufwenden, für die sie weniger begabt und an denen sie weniger interessiert sind. Statt sich dort zu profilieren, wo die eigenen Stärken liegen, büffelt man für die Fächer, in denen man schwach ist. Ist das wirklich klug?

3. Durch dieses Prinzip der Hürdenlauf-Selektion werden nur Schüler in höhere Ausbildungsgänge zugelassen, die diese "Ochsentour" durchlaufen und eine Matura gemacht haben. Somit ist ein erfolgreicher, praktisch höchst intelligenter Berufstätiger, der "bloß" eine Lehre absolviert hat, nur unter großem und teurem Aufwand berechtigt, etwa ein Betriebswirtschafts- oder ein technisches Studium einzuschlagen. Aber jeder Maturant, der in einschlägig bekannten Schulen mit wenig Aufwand maturiert hat, darf alles studieren. Und das soll Chancengleichheit für Unterschichtangehörige sein, wie sie immer schon auf politische Fahnen geheftet wird?

Die Bildungsziele sind heute andere als früher

Es ist charakteristisch für die rezente Reformdebatte, dass sie über Strukturen, nicht aber über Ziele debattiert. Jede Strukturdebatte ist Makulatur, solange sie nicht die Ziele darlegt, für die die Struktur entwickelt werden soll.

Die Bildungsziele der Zeit nach dem Weltkrieg waren klar. Es ging um Wiederaufbau und die Bereitstellung des dafür nötigen Wissens, ergänzt um humane und soziale Bildungsdimensionen, die sich aus dem jeweiligen Menschenbild ableiteten. Heute ist die Welt anders. Der wirtschaftliche Erfolg wird in einer ungeheuren Breite von Produktionen und Dienstleistungen erwirtschaftet, in denen andere Kompetenzen gefragt sind.

Welche sind das?

1. Klar ist, dass in einer Eingangsstufe grundlegende Kulturtechniken zu vermitteln sind. Hier ist anzumerken, dass in zunehmendem Maß nicht bzw. unzureichend sozialisierte Kinder zur Schule kommen, die am Rand der Beschulbarkeit stehen. Nicht nur die Sprachprobleme sind zu nennen: Markante Verhaltensauffälligkeiten, Motorikdefizite, Koordinationsprobleme und emotionale Vernachlässigung belasten den Schulalltag. Auch diesen Problemen wird sich die Schule der Zukunft stellen müssen! Der Anteil der Kinder von Erziehung verweigernden Eltern liegt bei 15 bis 20 Prozent.

Natürlich sind Lesen und Schreiben, aber auch das Sprechen, Zuhören und Verstehen, erforderliche Basis-Kulturtechniken. Auch das Rechnen und Verstehen von Zahlenräumen ist nötig. Warum aber soll das praktische Funktions- und Problemverständnis und die Bewältigung einfacher handwerklicher Tätigkeiten, ein Grundverständnis für alltäglich benützte Geräte und Maschinen - nicht nur Computer -, und nicht zuletzt eine Basiskompetenz im Umgang mit anderen Menschen, bei diesen Basis-Kulturtechniken nicht enthalten sein?

2. Bildungsziel ist auch das Verständnis der Welt: der Wirtschaft, Politik und Technik, des Geisteslebens und auch der musischen, literarischen, gestalterischen, . . . Kultur etc. Hier geht es um Orientierungswissen über die Grundlagen des Funktionierens der Welt. Auf diesem Grundlagenwissen erst kann spezifische Kompetenz in Teilbereichen aufgebaut werden. Erziehung zur Mündigkeit bedeutet, dass junge Menschen die Grundlagen des Wirtschaftens einer Volkswirtschaft aber auch eines Betriebes kennen. Und dass sie über grundlegende technische, politische und kulturelle Entwicklungen unserer Zeit Bescheid wissen.

3. Ein drittes Bildungsziel überlagert die bisher genannten Ziele bzw. sollte ein Fundament und Grundprinzip der Bildung sein: nämlich das Auffinden und die Förderung/Entwicklung der Talente, die in jedem Menschen angelegt sind. Wir können es uns in einer Zeit internationaler Konkurrenz um beste Lösungen nicht leisten, Talente nicht zu fördern und nicht zu nützen. Es ist auch eine Frage der Menschenwürde und Chancengleichheit, dass jedes Kind das Recht hat, dass die in ihm angelegten Talente und Stärken gesehen und gefördert werden.

Dr. Erich Brunmayr ist Sozialforscher an der NÖ-Landesakademie in St. Pölten; Mathilde Brunmayr-Stockinger ist Betreuungslehrerin in Gmunden.