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Schweden in Wien als Fluchthelfer für Juden

Von Franz Graf-Stuhlhofer

Politik

Mit Hilfe der Schwedischen Israel-Mission flohen bis 1941 mehr als 2.000 Juden.


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Der 27. Jänner wurde von der UNO zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust erklärt. Das ist eine Gelegenheit, um auch an die "Rettung im letzten Moment" zu denken. Die nationalsozialistische Judenpolitik hatte zwei unterschiedliche Phasen: Bis 1941 wurden Juden zur Auswanderung gedrängt, danach wurden sie massenhaft ermordet. Das Auswandern war für die Juden mit Schwierigkeiten verbunden: Mögliche Aufnahmeländer wollten nicht viele aufnehmen, die Auswanderer gingen einer unsicheren Zukunft entgegen, und die Ausreise war teuer - das Vermögen der Juden sollte zum Großteil im Deutschen Reich bleiben. Deshalb zögerten viele Juden vorerst, und allmählich wurde es schwieriger, Österreich - später Ostmark genannt - zu verlassen, und schließlich war es zu spät.

In Wien war seit 1920 die Schwedische Israel-Mission tätig. Sie hatte missionarische und diakonische Anliegen; nach dem Ersten Weltkrieg herrschte in Wien große Not, und insbesondere im 2. Bezirk lebten viele arme Juden aus Osteuropa. Die Israel-Mission kaufte für ihre Tätigkeit ein Haus im 9. Bezirk, in der Seegasse 16 - gegenüber dem alten jüdischen Friedhof Rossau. Dieses Haus war vom jüdischen Architekten Ludwig Schmidl errichtet worden. In dieser Gegend lebten wohlhabende Juden.

Nach der Machtergreifung Adolf Hitlers in Deutschland im Jänner 1933 floh Frederik J. Forell, ein Pastor jüdischer Abstammung, nach Wien, und übernahm hier die Leitung der Israel-Mission. Als 1935 das Institutum Judaicum Delitzschianum in Leipzig geschlossen wurde, kam dessen damaliger Leiter Hans Kosmala nach Wien und setzte die Lehrtätigkeit des Instituts in der Seegasse 16 fort. Wien erschien damals noch als sicherer Ausweichort.

Nach dem "Anschluss" im März 1938 flüchtete Forell nach Frankreich. Die Leitung der Israel-Mission in Wien übernahm Pfarrer Göte Hedenquist. Der Israel-Mission wurde die Schließung angedroht, es sei denn, sie würde bei der Ausreise von Juden mithelfen. Dazu war die Israel-Mission bereit, denn sie hatte bald erkannt, dass es für Juden in Österreich gefährlich werden würde.

Hedenquist besprach die Ausreise von Juden mit Adolf Eichmann im Palais Rothschild, wo sich damals die Wiener Zentralstelle für jüdische Auswanderung befand. Die Ausreisewilligen hatten einen bürokratischen Hürdenlauf durch 16 (!) Instanzen zu bewältigen; die Hilfe durch die Israel-Mission erleichterte und beschleunigte das Verfahren. Insgesamt wurde dadurch mehr als 2.000 vorwiegend evangelischen Juden zur Ausreise verholfen (sie wurden vor allem in England und in Schweden aufgenommen). Daneben gab es die Hilfsstelle für nichtarische Katholiken, um die Glaubensjuden kümmerte sich die Israelitische Kultusgemeinde, und die konfessionslosen Juden versorgten die Quäker.

Trotz der erfolgreichen Bemühungen gab es auch viele, bei denen die rechtzeitige Ausreise nicht gelang. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Israel-Mission versuchten im Rahmen der Seelsorge, die hilfesuchenden Juden auf dramatische Situationen vorzubereiten, auch durch den Hinweis auf Bibelworte wie Römer 8,35: "Was kann uns scheiden von der Liebe Christi? Bedrängnis oder Angst oder Verfolgung . . ."