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Schwedenbomben werden knapp

Von Ina Weber

Wirtschaft
Ob mit oder ohne Streusel war den Kunden am "Tag der Schwedenbombe" egal.
© Moritz Ziegler

Rettungsaktion für Schwedenbombe brachte Engpässe in Supermärkten.


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Wien. Überrascht war Markus P., Marktleiter einer Merkur-Filiale in Wien, dann doch, als er am Montag Nachmittag die Süßigkeitenregale nachschlichten wollte. "Dass es schon wieder leer ist, ist mir aufgefallen", sagt er. Gehört hat er natürlich davon. Die Medien seien ja voll gewesen. Er als Deutscher kann nur so viel sagen: "Man merkt, dass die Wiener sehr traditionsbewusst sind und auf Regionalität schauen." "Das kann funktionieren", fügt er noch hinzu. Die Schwedenbombe könnte gerettet werden.

8000 Mitglieder zählte am Montagnachmittag die "Rettet die Niemetz Schwedenbombe"-Seite auf Facebook. Der 4. Februar wurde zum "Tag der Schwedenbombe" ausgerufen, "Heute Schwedenbomben kaufen, aber morgen auch" heißt es auf Twitter. Die Tiroler Firma Siko Solar kaufte gar 864 Niemetz-Bomben für ihre 54 Mitarbeiter - zur Rettung des österreichischen Traditionsbetriebes, heißt es dort. Es scheint, als wolle ganz Österreich den Süßwaren-Hersteller retten.

Der bundesweiten Rettungsaktion stehen harte Fakten gegenüber: Das Wiener Unternehmen hat Schulden in der Höhe von rund 5 Millionen Euro. Obwohl im Vorjahr das Grundstück im 3. Bezirk verkauft wurde und so ein Ausgleich mit den Banken gefunden wurde, hat das Finanzamt noch im Dezember einen Konkursantrag gestellt. Daraufhin hat das Familienunternehmen mit Ursula Niemetz einen Antrag auf ein Sanierungsverfahren eingebracht, sprich ein vom Schuldner beantragtes Insolvenzverfahren.

Jetzt kommt es darauf an, ob die Gläubiger dem Plan zustimmen. Danach hat Niemetz zwei Jahre Zeit, 20 Prozent der Schulden abzubauen. Das wären rund 876.000 Euro. Roman Tahbaz vom Gläubigerschutz-Verband Kreditschutzverband von 1870 erklärt, dass ab Annahme des Verfahrens durch die Gläubiger fünf Prozent in den ersten zwei Wochen fällig sind. Es sei "kein großer Konkurs", sagt er. Auf die Lieferanten fallen laut Tahbaz rund 1,8 Millionen Euro, dem Finanzamt fehlt eine halbe Million, die Darlehen machen 1,2 Millionen Euro aus und dann kommen noch die Ausstände an die Mitarbeiter.

Der Niemetz-Betrieb, den es seit 1890 gibt, besteht aus drei Gesellschaften. Am wenigsten betroffen von dem Verfahren sind die beiden Kaffeehäuser in Linz und Salzburg. Es geht vor allem um die Produktionsstätte im 3. Bezirk in Wien. Dass es dem Betrieb im Gegensatz zu Heindl und Manner, die derzeit ihre Betriebsstätten in Wien ausbauen oder ausgebaut haben, mit den Jahren immer schlechter gegangen ist, mag viele Gründe haben. Seit dem Jahr 1996 wird der Umsatz der Marke schwächer. Die Konkurrenz kommt in die Regale der Supermärkte und drängt die Schwedenbombe in den Hintergrund. Dazu kommt, dass das Wiener Unternehmen kaum Werbung macht und sein Sortiment nie erweitert hat. Neben den beiden unauffälligen Produkten Swedy und Manja war und ist die Schwedenbombe das einzige Angebot. "Nur von uns Nostalgikern kann das Unternehmen nicht überleben", schreibt ein User auf Facebook. Vielleicht hat man sich zu sehr auf ein Produkt versteift?

Die gute Saison für die Schwedenbombe ist genau jetzt, in der Faschingszeit, und geht laut Unternehmen bis März. Darauf will man nun auch warten. Ab März 2013 rechnet man mit einem Überschuss von bis zu 200.000 Euro. Die Gesellschafterin Ursula Niemetz wollte zuletzt Geld aufnehmen. Die Finanzierungszusage sei aber dem Vernehmen nach geplatzt.

"Die Firma hat die Produktion in letzter Zeit gedrosselt, will aber jetzt wieder in die Gänge schalten", sagt Tahbaz vom KSV von 1870. Nun muss der Verwalter abwägen, ob man darauf vertrauen könne, dass das Unternehmen es schaffen kann, sich aus eigener Kraft zu finanzieren. Falls, wie gesagt, die Gläubiger damit einverstanden sind, die Lieferanten, Ämter und die Krankenkasse. "Die Lieferanten jedenfalls dürften bei der Stange bleiben", so Tahbaz.

Österreichisches Kulturgut

Ob ein Stück Kindheitserinnerung reicht, um ein Unternehmen zu retten? Niemetz hat sich auf Facebook bedankt: "Liebe Niemetz Schwedenbomben-Gemeinde, mit Begeisterung und Demut verfolgen wir laufend die Aktivitäten dieser Gruppe. Wir sind überwältigt, welche Emotionen unsere Produkte bei Euch wecken und freuen uns über diesen enormen Rückhalt. Derzeit befinden wir uns in einer schwierigen Phase. (. . .) Als Wiener Süßwarenhersteller möchten wir durch das Sanierungsverfahren die Finanzierung des Unternehmens auf eine neue Grundlage stellen und damit Produktionskapazität und Arbeitsplätze sichern. (. . .), dass die geliebten Schwedenbomben österreichisches Kulturgut bleiben."

Die Süßigkeit war indes am Montag in vielen Geschäften ausverkauft. "Schwedenbomben statt Faschingskrapfen", lautete ein Solidaritätsaufruf. Spätestens zu Ostern müsste Niemetz aber sein Sortiment erweitern, denn Bomben statt Eier mag dann wohl niemand mehr.