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Schweigen ist keine Alternative

Von Walter Hämmerle

Leitartikel
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Die Väter des Gedankens waren die Anarchisten des 19. Jahrhunderts: Mit der Idee von der "Propaganda der Tat" wollten sie Unterstützung und Sympathien bei der Bevölkerung gewinnen. Mittel zum Zweck waren Anschläge und Attentate.

Erst die Tat schafft nach dieser Logik den Nährboden für Ideen. "Wir müssen", so schrieb 1870 der russische Anarchist Michail Bakunin, "unsere Prinzipien nicht mit Worten, sondern mit Taten verbreiten, denn dies ist die populärste, stärkste und unwiderstehlichste Form der Propaganda." Eine radikalere Absage an die Idee der parlamentarischen Demokratie lässt sich kaum denken.

Auch der Attentäter von Oslo und Utöya hat sich ganz auf die Propagandakraft seiner Tat verlassen. Ihre Ungeheuerlichkeit zog die Öffentlichkeit weltweit in ihren Bann. Seine wirre Weltsicht in geschriebener Form scheint der zigfache Mörder quasi nur zur ergänzenden Erläuterung hintennach gedacht zu haben.

Nun tauchen die ersten Stimmen auf, die die Frage stellen, ob der enorme Umfang der Berichterstattung über den Attentäter, über seine Ziele und Gedanken, nicht dessen Plänen eigentlich in die Hände spielt. Oder anders ausgedrückt: Würde nicht die beabsichtigte Propaganda der Tat ohne Öffentlichkeit einfach wirkungslos verpuffen?

Allein schon der Gedanke ist angesichts unserer atemlosen Mediengesellschaft absurd. Allerdings gibt es durchaus Bereiche, in denen sich die Medien aus gesamtgesellschaftlicher Verantwortung kollektiv ein Schweigegebot auferlegt haben. Die Berichterstattung über spektakuläre Selbstmorde etwa erfolgt aus Angst vor Nachahmungstätern, wenn überhaupt, so doch höchst dezent.

Aber auch aus grundsätzlichen Überlegungen wäre Schweigen keine Lösung. Ja, Breivik wollte größtmögliche Berichterstattung für seine Tat, deshalb hat er sie in dieser Form geplant und ausgeführt. Aufgabe einer aufgeklärten Öffentlichkeit ist es nun, Erklärungsversuche für die Tat und ihre psychischen wie politischen Hintergründe zu finden. Nur so lassen sich die Folgen für die Angehörigen der Opfer wie für die Gesellschaft bewältigen.

Wer dieses Ziel preisgibt - und sei es aus dem verständlichen Grund, der Tat ihre Propaganda zu nehmen -, verabschiedet sich auch von der Grundüberzeugung unserer demokratischen Gegenwart: dass Erkenntnisgewinn nur im aufgeklärten öffentlichen Diskurs zu finden ist. Nicht im Schweigen.