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Schweiz und Österreich als "andere Corona-Welten"

Von Simon Rosner

Politik

Die Schweiz hat doppelt so viele Infizierte, wundert sich aber über Österreichs harte Regeln.


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Mehr als 17.000 Neuinfektionen an einem Tag. Was der Mittwoch brachte, hat es in Österreich noch nie gegeben. Die Austria Presse Agentur vermeldete diesen Wert mit ihrer zweithöchsten Priorität, dem "Vorrang", um die Außergewöhnlichkeit zu unterstreichen. (Früher hatten diese Meldungen tatsächlich Vorrang vor anderen Meldungen in der Warteschlange der Agentur-Fernschreiber.)

Die Dringlichkeit bewerteten am Mittwoch zu Mittag auch die Tageszeitungen ähnlich, egal ob "Presse", "Standard", "Oberösterreichische Nachrichten" oder auch die "Wiener Zeitung". Der Infektionsrekord war überall die prominenteste Meldung.

Währenddessen in der Schweiz: Die "Berner Zeitung" berichtet im Aufmacher über die verschwundene Ringelnatter. Die "Aargauer Zeitung" über die "Mühen der ungeimpften Politiker", die "Basler Zeitung" porträtiert eine junge Klimapolitikerin groß, und die "Neue Zürcher Zeitung" macht mit der Forderung eines Infektiologen auf, der eine kürzere Quarantänedauer fordert. Das ist insofern bemerkenswert, da die Schweiz am Mittwoch 32.800 Infektionen registrierte - bei weit weniger Tests. In den Krankenhäusern liegen etwas mehr Patientinnen und Patienten mit Covid-19 als in Österreich.

Der zentralen Nachrichtensendung des Schweizer Fernsehens "10 vor 10", das Äquivalent zur "ZiB 2", war die österreichische Corona-Politik am Dienstagabend einen eigenen Beitrag wert. Moderator Arthur Honegger leitet ihn mit dem Hinweis einer "anderen Corona-Welt gleich nebenan" ein. Berichtet wurde über "Verschärfungen", die 2G-Kontrolle in den Geschäften und über die "Maskenpflicht" - kurze rhetorische Pause - "im Freien!". Es sind freilich dieselben Regeln, die in der öffentlichen Wahrnehmung in Österreich nicht als Verschärfung, sondern als Anlauf zur "Durchseuchung" rezipiert wurden.

Ähnlich wie in Österreich durch das "Austrian Corona Panel" werden auch in der Schweiz die Bürgerinnen und Bürger zu Corona befragt. Die jüngsten Daten stammen aber von Oktober. "Da haben wir schon eine Entspannung wahrgenommen", sagt die Politologin Sarah Bütikofer von der Universität Zürich. Freilich, danach grassierte Delta erst richtig, nun tut es Omikron.

Die bundesweiten Regeln sind aktuell in der Schweiz ein wenig lockerer, so gibt es keine Sperrstunde (22 Uhr) wie in Österreich, die Unterschiede sind aber insgesamt nicht groß, zumal es in der Schweiz eine Homeoffice-Pflicht gibt, wo dies möglich ist. Eine 2G-Regel in fast allen Freizeitbereichen gilt auch in der Schweiz, eine Mehrheit der Bevölkerung stimmte im November dafür.

Geringere Impfquoteals in Österreich

Auch die Zielsetzung der Politik ist da wie dort ähnlich: Die Spitäler sollen nicht überlastet werden, andererseits soll es auch keine Schließungen mehr geben, berichtet Bütikofer. Auf der zweiten Zielsetzung könnte in der Schweiz vielleicht ein größerer Fokus liegen als in Österreich. "Es gibt auch keine großflächigen Kompensationszahlungen mehr."

Im Gegensatz zu Österreich tritt in der Schweiz keine Partei so massiv gegen Impfung und Maßnahmen auf wie die FPÖ. Vereinzelt gebe es dies zwar bei der SVP, sagt die Politologin, doch diese Partei stelle auf kantonaler Ebene Verantwortungsträger in den Regierungen, die die Maßnahmen mittragen. Die zum Teil rechtspopulistisch agierende SVP ruft vielmehr zur Impfung auf, dennoch ist die Impfrate in der Schweiz niedriger als in Österreich.

Die Schweizer "Freiheitstrychler", eine folkloristische Anti-Maßnahmen-Gruppe, hat sich mit der MFG in Österreich verbunden, eine Abordnung samt Kuhglocken war bei einer Demonstration in Wien. Die Protestmärsche in der Schweiz waren bisher aber zahlenmäßig viel kleiner.

Rufe nach Verschärfungen gibt es auch in der Schweiz, dringen aber selten über soziale Medien wie Twitter hinaus. "Ich nehme sie kaum außerhalb ihrer eigenen Kreise wahr", so Bütikofer. Wissenschafter halten sich mit Forderungen in der Öffentlichkeit betont zurück, inhaltlich sagen diese, wenig verwunderlich, nichts anderes als in Österreich. Auch in "10 vor 10", wo am Montag der Infektiologe Huldrych Günthard zu Gast war: Man müsse aufpassen, da es nun viel mehr Fälle gebe, auch wenn Omikron weniger gefährlich sei. Daher: Öfter Maske tragen!