Zum Hauptinhalt springen

Schwere Kämpfe vor Bans Besuch

Von WZ-Korrespondentin Simone Schlindwein

Politik

Flüchtlinge suchen Schutz bei UNO, doch die öffnet ihre Basis nicht.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 12 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Goma. Kinder weinen, Frauen klagen, Männer schreien vor lauter Wut. Doch das rostrote Tor der UN-Basis in Munigi, vor Ostkongos Provinzhauptstadt Goma, bleibt geschlossen. Dabei hört man von weitem Bomben fallen, Kalaschnikow feuern.

Erneut bekriegen sich im Ostkongo die Rebellen der M23 (Bewegung des 23. März) und Kongos Armee rund um Goma. Tausende Menschen sind wieder auf der Flucht. Die meisten nur mit einem kleinen Bündel Habseligkeiten. Sie suchen Zuflucht bei der UNO. Doch diese lässt die Menschen nicht in das gesicherte Lager.

Die UN-Basis in Munigi, vier Kilometer nördlich von Goma, ist die nächstgelegene zur Frontlinie. Bereits bei den letzten Kämpfen im November 2012 und März 2013 suchten tausende Menschen hier Schutz. Doch heute bitten sie vergeblich um Einlass. Ein südafrikanischer Blauhelmsoldat öffnet nur das kleine Guckloch am Eingangstor, als die "Wiener Zeitung" nachfragen will, warum die Frauen und Kinder draußen bibbern müssen. "Wir wollen diese Leute hier nicht haben", antwortet er schroff. Die Lage sei unübersichtlich. Dann schließt sich das Guckloch wieder.

Die Menschen vor den meterhohen Sandsäcken, die Schutz vor den Kugeln bieten könnten, sind verzweifelt - und wütend. Ein Mitarbeiter der Internationalen Organisation für Migration (IOM) kommt im weißen Geländewagen angefahren. Auch er sagt den Leuten, sie sollen gehen, die Lage sei hier nicht sicher. "Wo sollen wir denn hin?", ruft ihm ein Mann entgegen.

"Wir irren durch Gegend, die Kugeln sind überall"

Yvette Nkoko schaukelt ihr Baby im Arm, ihre weiteren vier Kinder klammern sich an ihre Schenkel. Sie haben Angst. Am frühen Morgen seien sie aus ihrem zwei Kilometer entfernten Heimatdorf Mutaho zum UN-Lager geflohen, als die erste Bombe ihre Hütte traf. "Wir irren durch die Gegend, die Kugeln sind überall, wir dachten mit der UNO sind wir sicher", sagt sie. Die UNO verweigert derzeit Kommentare gegenüber der Presse. Inoffiziell gibt ein hochrangiger UN-Offizier zu, Frauen und Kindern sei eigentlich der Zugang zum Lager erlaubt - theoretisch zumindest. Doch es herrsche eben Chaos.

Chaos ist genau das, was die die M23-Rebellen derzeit stiften wollen, so scheint es. Sie erklären, sie hätten den Angriff gestartet, weil die Armee - gemischt mit Kämpfern einer anderen Rebellenfraktion - einen Brunnen nahe Mutaho besetzt hätten, wo ihre eigene Kämpfer bislang Wasser schöpften. Doch dies scheint nur ein willkommener Anlass gewesen zu sein, den Krieg erneut zu starten.

Der Moment ist optimal: Der Besuch des UN-Generalsekretärs Ban Ki-moon in Goma steht bevor. Ban reist nach Ruanda, Uganda und in den Kongo, um gemeinsam mit Weltbank-Präsident Jim Yong Kim Wirtschaftsinitiativen anzustoßen. Am Donnerstag wird Ban dann im Ostkongo erwartet, um offiziell die Eingreiftruppen willkommen zu heißen. Auch ohne Kämpfe ist die Garantie seiner Sicherheit eine enorme Herausforderung.

Unter UN-Mandat, das aktive Kampfhandlungen erlaubt, werden derzeit rund 3000 zusätzliche Blauhelme stationiert: aus Tansania, Malawi, Südafrika. Sie sollen die Rebellengruppen bekämpfen. Bislang sind mehr als 19.000 Blauhelme im Kongo, doch ihr Mandat beschränkt sich strikt auf den Schutz der Bevölkerung, was sie in Munigi aber scheinbar auch nicht tun.

Noch ist die Eingreiftruppe nicht kampfbereit. Ein paar hundert Soldaten aus Tansania sind angereist. Doch ohne Waffen und Munition. Die Befehlskette ist noch nicht ausgearbeitet. Das nutzt jetzt die M23 aus, um erneut mit dem Sturm auf Goma zu drohen. Bereits im November 2012 haben sie die Millionenmetropole eingenommen - und sind nach 12 Tagen jedoch wieder abgezogen, als Kongos Präsident Joseph Kabila Verhandlungen mit der M23 zustimmte.

Doch die Verhandlungen sind im Sand verlaufen. Die Regierung hat es vorgezogen, militärische Unterstützung aus dem Ausland zu suchen. Darauf reagiert jetzt die M23. "Kabila wollte keinen Waffenstillstand mit uns", rechtfertigt M23-Sprecher Amani Kabasha die Kämpfe.

Unterdessen muss jetzt Kongos Armee Goma erneut verteidigen. Knapp 5000 Soldaten sind in und um Goma herum stationiert, Spezialeinheiten sind angerückt. Doch das macht der Bevölkerung ebenfalls Angst. Die unbezahlten und demoralisierten Soldaten sind berüchtigt dafür, nach den Kämpfen nachts betrunken die Häuser zu plündern.

Krisenregion Ostkongo

Seit den 1990er Jahren kommt der Ostkongo nicht zur Ruhe. Immer wieder bilden sich verschiedene Rebellengruppen, die manchmal gegen und manchmal auch mit der Armee kämpfen. Die Rebellenfraktionen bekämpfen sich auch oft untereinander. Die verwirrenden Fronten laufen entlang nationaler, ethnischer und wirtschaftlicher Interessen. In der Region leben verschiedene Ethnien, außerdem ist sie reich an Erzen, Diamanten und Gold.

Bis heute destabilisiert der Völkermord der Hutu-Mehrheit an der Tutsi-Minderheit im Jahr 1994 im benachbarten Ruanda die Region. Nach der Beendigung des Genozids durch die bis heute regierende Partei in Ruanda flüchteten hunderttausende Hutus in den Kongo. Es bildeten sich Hutu-Milizen, die Angriffe im Ostkongo verübten. Auch Tutsis schlossen sich zu Rebellenfraktionen zusammen. So ist auch die M23, die nun eine Offensive um Goma gestartet hat, von Tutsis geprägt. Im Laufe der Jahre haben auch benachbarte Staaten - angezogen von den Rohstoffen - in den Kämpfen im Kongo mitgemischt. Mittlerweile sind tausende UN-Soldaten in der Region stationiert.