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Schwieriger Frühstart ins Leben

Von Petra Tempfer

Wissen
Ab der 27. Schwangerschaftswoche geborene Babys und jene, die 1000 Gramm wiegen, überleben zu 90 Prozent. Foto: corbis

Schon jedes elfte Baby zu früh geboren. | Ursache: Mehr ältere Mütter, künstliche Befruchtungen, Mehrlingsgeburten. | Wien. Finger so dünn wie Zahnstocher, die Haut so faltig wie bei einem Hundertjährigen: Immer mehr Frühgeborene kommen in Österreich zur Welt. Im Vorjahr hatte sogar etwa jedes elfte Neugeborene (circa 8000) einen schwierigen Start ins Leben, wie Arnold Pollak, Vorstand der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde am AKH Wien, berichtet. Vor zehn Jahren waren es wesentlich weniger - damals wurden laut Statistik Austria nur rund sechs Prozent aller Babys zu früh geboren, im Jahr 2006 waren es bereits sieben Prozent.


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"Deren Zahl steigt stetig an", verkündet Herbert Kurz, Vorstand der Kinder- und Jugendabteilung des SMZ-Ost in Wien-Donaustadt, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Es sei ein Phänomen der westlichen Welt, das mit der steigenden Zahl an älteren Müttern, Hormonbehandlungen, In-vitro-Fertilisationen und daraus resultierenden Mehrlingsschwangerschaften Hand in Hand gehe.

Tatsächlich gab es im Vorjahr laut Statistik Austria um 30 Prozent mehr Mehrlingsgeburten als vor zehn Jahren. Und erfreuen sich Österreichs Kinderwunschkliniken einer wachsenden, aber immer älteren Patientinnenschar - wie auch Wilfried Feichtinger, Leiter des "Wunschbaby-Zentrums" in Wien-Hietzing, bestätigt. "Das Durchschnittsalter der Patientinnen wird höher", berichtet er, "derzeit liegt es zwischen 45 und 50 Jahren."

Frühchen ab 37. Woche

Bereits ab einem Alter von etwa 38 Jahren treten allerdings vermehrt Risikoschwangerschaften auf. Da laut Feichtinger die Fruchtbarkeit nach dem 26. Lebensjahr stetig und nach dem 38. drastisch sinkt, helfen ab diesem Zeitpunkt zahlreiche Frauen künstlich nach - indem sie sich etwa befruchtete Eizellen einpflanzen lassen. "Von deren Anzahl hängt die Erfolgsrate ab", erklärt Feichtinger. Hierzulande würden am häufigsten zwei Eizellen eingepflanzt - aus denen zu 25 Prozent Zwillinge entstehen. Und Mehrlinge kämen generell mehrere Wochen zu früh zur Welt.

Jedes Baby, das vor Beendigung der 37. Schwangerschaftswoche geboren wird, gilt als Frühchen. "Als Hochrisikopatienten sind jene Neugeborenen anzusehen, die weniger als 1500 Gramm wiegen", sagt Pollak. Zwei Drittel dieser Kinder würden den Start ins Leben ohne gesundheitliche Probleme überstehen.

Ab einem Geburtsgewicht von 900 bis 1000 Gramm - respektive ab der 27. Schwangerschaftswoche - besteht laut Kurz eine 90-prozentige Chance, zu überleben. "Bei Geburten vor der 24. Woche ist ein Überleben des Babys fast nicht mehr möglich", sagt der Mediziner.

Das war nicht immer so. "Vor zehn Jahren gab man lediglich Neugeborenen ab der 26. Schwangerschaftswoche eine Chance", so Martin Dietrich von der Neonatologie des Landesklinikums Tulln. Vor 20 Jahren galten gar Babys, die erst nach der 28. Woche zur Welt kamen, als überlebensfähig.

"Heute kommen nur Neugeborene aus der 33. Woche und darunter automatisch in die Neonatologie", berichtet Angelika Berger, Leiterin der Neonatologischen Intermediate-Care-Station am AKH Wien. "Und selbst dann müssen sie nicht unbedingt in den Brutkasten."

Sei man doch in Sachen Frühgeborenen-Forschung gerade in den Vorjahren zu vielen neuen Erkenntnissen gekommen. "Bahnt sich eine Frühgeburt an, wird nun bei Schwangeren bis zur 34. Woche eine Lungenreifung für das Baby - bei der die werdende Mutter ein Cortison-Präparat bekommt - durchgeführt", berichtet Berger. Auch bezüglich der Gehirnentwicklung sei erfolgreich geforscht worden: Ein wesentlicher Teil davon passiere zwischen der 23. Schwangerschaftswoche und dem errechneten Geburtstermin, wie man herausfand.

"Um möglichen Spätschäden wie Motorik- oder Lernstörungen bis hin zu Intelligenzdefiziten vorzubeugen, werden Frühchen am AKH Wien bis zum Schuleintritt begleitet", sagt Berger. Physiotherapie, Legasthenietraining oder Intelligenztests stünden auf dem Programm.

Neonatologie ausgebaut

"Auch die Stadt Wien trägt der steigenden Zahl an Frühgeburten Rechnung", fügt Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely hinzu. So sei die Zahl der Betten in der Neonatologie des SMZ-Ost vor kurzem von vier auf 14 erhöht worden - die Eröffnung soll noch dieses Jahr erfolgen. "Und mit dem Gratiskindergarten", so Wehsely, "wird ja auch jungen Frauen das Kinderkriegen attraktiv gemacht."