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Schwimmende Gemeindebauten

Von Georg Biron

Reflexionen

Immer mehr Menschen entscheiden sich für einen Trip auf hoher See. Auch die Kritik an den Meeresriesen wächst.


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"Jeden Monat finden in Europa im Schnitt rund 1000 Kreuzfahrten ohne nennenswerte Zwischenfälle statt. Keine andere Art des Reisens ist dermaßen sicher", sagt Stefan Jaeger, der Präsident der European Cruiser Association (EUCRAS). Die Autofahrt oder der Flug zum Schiff sei weitaus gefährlicher als die Kreuzfahrt selbst.<p>Tatsächlich verzeichnet die EUCRAS nur sehr selten tödliche Unfälle mit Passagieren, gerade einmal drei waren es in den vergangenen zehn Jahren. Im April 2007 fuhr das Kreuzfahrtschiff "Sea Diamond" vor dem Hafen der griechischen Insel Santorin nach einem Navigationsfehler auf Grund und sank. Dabei ertranken zwei Urlauber. Ebenfalls zwei Tote waren im März 2010 zu beklagen, als in einem Sturm vor der spanischen Costa Brava Monsterwellen von bis zu acht Metern Höhe die "Louis Majesty" trafen und mehrere Fenster ins Innere schleuderten. Einen Negativrekord von 32 Todesopfern gab es im Jänner 2012, als die "Costa Concordia" vor der toskanischen Küste nach einem Navigationsfehler einen Felsen rammte.

<p>Grundsätzlich hat die Kreuzfahrtbranche ein hohes Sicherheitsniveau. Die "SOLAS"-Richtlinien (Safety of Life at Sea) schreiben vor, wie viele Rettungsboote und Rettungswesten auf einem Schiff vorhanden sein müssen. Außerdem gibt es ähnlich wie die TÜV-Prüfung für Autos auch bei Schiffen regelmäßig technische Kontrollen. Alle fünf Jahre wird die Sicherheit penibel überprüft. Dabei werden auch Schiffe mit älterem Baujahr vorschriftsmäßig gewartet.<p>

Trend Themenreisen

<p>"In Krisenzeiten steht der Sicherheitsgedanke für viele Urlauber an erster Stelle", sagt Ruefa-Geschäftsführer Walter Krahl, der heuer einen Zuwachs von 17 Prozent bei den Umsatz- und Passagierzahlen erwartet und optimistisch in die Zukunft blickt: "Auch 2018 gehen wir von einem zweistelligen Umsatzplus aus."<p>Kreuzfahrten haben sich als gute Alternative zu Mittelmeer-Pauschalreisen etabliert. Die Reedereien setzen auf All-Inclusive Angebote für die ganze Familie. Mit Erfolg: 132.100 Menschen haben in Österreich im Vorjahr eine Hochseekreuzfahrt gebucht, 25.000 davon bei Ruefa. Dort machen Seereisen zehn Prozent der Umsätze aus: Mittelmeerkreuzfahrten ab 500 Euro pro Person, Megaliner mit Freizeitparks an Bord und neue Routen im hohen Norden locken ein breites Publikum an. Besonders Themenkreuzfahrten liegen voll im Trend.<p>"Ob Gourmet-Reise mit Sternenkoch oder Expeditionsrouten nach Grönland oder Spitzbergen, bei Themenreisen sehen wir ein enormes Wachstumspotenzial", erzählt Krahl.<p>Der Markt deckt viele Interessen ab. Unter Deck gibt es Konzerte von den Philharmonikern ebenso wie Heavy-Metal-Gigs, Comedy-Shows, Karaoke-Abende, "Meet & Greet" mit Stars wie z. B. David Hasselhoff oder Norbert Hofer, literarische Lesungen, Film-Festivals, Yoga-Kurse und Selbsthilfe-Workshops. Deutlich in Mode gekommen sind schwule Kreuzfahrten. Für den heißen Spaß sorgen Party-Veranstalter, die aus jeder deutschen Metropole sowie aus Österreich und der Schweiz kommen. Das inhaltliche Spektrum dieser Themenkreuzfahrten wird durch Vorträge zur Männergesundheit sowie Sport und Ernährung abgerundet. Als Gast steht der aktuelle "Mr. Gay Germany" als Trauzeuge für schwule Hochzeiten zur Verfügung.<p>"Auch für die Reisebüros sind die Kreuzfahrtkunden ein wichtiges Standbein", sagt Josef Peterleitner, Präsident des Österreichischen Reisebüroverbandes ÖRV. "Es werden rund 80 Prozent der Kreuzfahrten im Reisebüro verkauft."<p>Nach wie vor liegen die Mittelmeerkreuzfahrten an der Spitze, gleichzeitig wachsen aber auch die Schiffsreisen im Norden Europas, an der Ostsee sowie in ferne Länder und rund um die Welt.<p>

Vielfalt an Routen

<p>Der Personenkreis 45plus ist nach wie vor das größte Kundensegment, doch immer häufiger entscheiden sich in Österreich auch Familien und jüngere Menschen für eine Kreuzfahrt. Vermehrt werden Kabinen mit Balkon gebucht, und auch spezielle Routen wie etwa in die Arktis oder Antarktis gewinnen an Beliebtheit.<p>"Viele Reedereien erweitern ihre Kreuzfahrtflotte und das Routenangebot, um die Wünsche von Stammkunden oder neuen Gästen erfüllen zu können", erklärt Ulli Soukop, Vorsitzende des ÖRV-Kreuzfahrtenausschusses. "Aufgrund des Preis-Leitungsverhältnisses erhält man bei keiner anderen Urlaubsform für sein Geld eine so große Vielfalt an Routen, Destinationen und Angeboten."<p>2016 sind weltweit 448 Kreuzfahrtschiffe unterwegs gewesen. Ende 2017 werden 26 weitere Schiffe ihre Jungfernfahrt angetreten haben. Immer mehr Leute wollen auf hoher See Urlaub machen: Im Vorjahr waren es 24,2 Millionen weltweit, heuer werden es 25,3 Millionen sein, teilt der Branchenverband CLIA (Cruise Lines International Association) in seinem neuen Jahresbericht mit.<p>"Die Kreuzfahrtindustrie reagiert auf die globale Nachfrage, und wir sind zuversichtlich", sagt die CLIA-Präsidentin Cindy D’Aoust. Sie erwartet, dass im Lauf der nächsten zehn Jahre 97 neue Schiffe mit einem Investitionsvolumen von rund 50 Milliarden Euro in Betrieb gehen. "Der größte Kreuzfahrt-Markt sind die USA mit 11,3 Millionen Passagieren, vor Deutschland, Großbritannien und Australien", so D’Aoust.<p>Ein Ende des Booms ist nicht in Sicht. Das beweisen auch die Zahlen von Europas größtem Reisekonzern TUI. Dort hat sich das Ergebnis aus dem Kreuzfahrtgeschäft 2016 auf 80 Millionen Euro verachtfacht.<p>Über einen Mangel an Kundschaft kann sich die Branche nicht beklagen: In den europäischen Werften werden mit einem Investitionsvolumen von 16 Milliarden Euro 29 neue Schiffe gebaut, die bis Ende 2018 vom Stapel gehen sollen. Davon profitieren nicht nur die Werften und die Kreuzfahrtanbieter, sondern auch zahlreiche meist mittelständische Unternehmen, die sich auf die Ausstattung der Schiffe spezialisiert haben.<p>

Ausgelastete Werften

<p>TUI-Chef Friedrich Joussen würde gerne noch mehr Geld in die Hand nehmen und seine Flotte vergrößern: "Wenn wir könnten, würden wir mehr Schiffe bauen lassen", sagte er der Wochenzeitung "Euro am Sonntag". "Aber die Werften sind komplett ausgelastet. Nicht nur in Deutschland, auch in anderen Teilen der Welt wird in neue Schiffe investiert."<p>Wie aufs Stichwort nahm im Mai 2016 das größte Kreuzfahrtschiff der Welt Fahrt auf - die "Harmony of the Seas" von Royal Caribbean, die rund eine Milliarde Euro gekostet hatte. Mit 16 Passagierdecks, 2747 Kabinen sowie Platz für 2100 Besatzungsmitglieder und 6360 Passagiere ist sie ein einziger Superlativ. "Die Schiffe werden immer größer", sagt Matthias Rieger vom Hamburg Cruise Center. "Wir werden künftig weniger Anläufe und viel mehr Passagiere haben."<p>Die erste Reise der "Harmony of the Seas" startete am 29. Mai 2016 im englischen Southampton und führte nach Barcelona. Dort wurde der Luxusliner, der aus der Ferne an einen schwimmenden Wiener Gemeindebau erinnert, von wütenden Demonstranten in Empfang genommen. Bei der vom "Verband der Stadtteile für einen nachhaltigen Tourismus" (ABTS) organisierten Kundgebung wurde gegen die Auswüchse des Kreuzfahrtourismus Stimmung gemacht. "Man muss diesen Wahnsinn stoppen", sagte die Bürgermeisterin Ada Colau, die bereits einen Hotelbaustopp verhängt hat und auch gegen die illegale Vermittlung von privaten Ferienwohnungen vorgeht. Es gebe immer mehr Stadtteile in Barcelona, in denen aufgrund des Touristenansturms das Leben für die Einheimischen fast unmöglich geworden sei. Deshalb will Colau eine Regulierung des Kreuzfahrttourismus durchsetzen.<p>Von Jahr zu Jahr wächst in Spanien die Zahl der Kreuzfahrtschiffe. 3918 waren es im Jahr 2016 - 61 mehr als im Jahr davor. Insgesamt 8,5 Millionen Passagiere ergossen sich in die Straßen und Gassen der spanischen Städte. Barcelona war mit knapp 2,7 Millionen und einem Zuwachs von fast sechs Prozent das beliebteste Ziel der Kreuzfahrt-Touristen. Die Gegner dieser Entwicklung warnen vor irreparablen Umweltschäden, der Zerstörung des Charakters der Innenstädte und der Beeinträchtigung der Lebensumstände von Einheimischen.<p>Auch auf der Insel Malta ärgert man sich über die Schiffe, die im Hafen der Hauptstadt Valletta einlaufen und ihre menschliche Fracht an Land bringen. Wegen der politischen Lage in den traditionellen Reiseländern Tunesien, Ägypten und Türkei erlebt der Tourismus des Inselstaats im Mittelmeer derzeit einen Höhenflug.<p>"In Valletta bricht der Ausnahmezustand aus, wenn auf einen Schlag Tausende von Landgängern in die schmalen Gassen einfallen und alles verstopfen", schilderte unlängst die deutsche Tageszeitung "Die Welt".<p>Ähnliches lässt sich an der kroatischen Küste in Dubrovnik beobachten. Anfang Juni kamen hier an einem einzigen Tag 9000 Touristen mit Kreuzfahrtschiffen an, obwohl die Altstadt nach Berechnungen von Fachleuten maximal 7000 Besucher am Tag vertragen kann. "Die Touristenmassen lassen Dubrovnik langsam sterben", notierte der Journalist Luko Brailo in der Zeitung "Slobodna Dal-
macija".<p>

Proteste in Venedig

<p>In der Arte-TV-Dokumentation "Tourist Go Home!", die im Rahmen des Themenabends "Tourismus extrem: Fluch und Segen einer boomenden Branche" im vergangenen April gezeigt wurde, kamen Bewohner der Lagunenstadt Venedig zu Wort. Ihre Sorgen: zu viele Touristen, zu große Kreuzfahrtschiffe, der einst so romantischen Lagunenstadt droht der Untergang.<p>Nirgends ist der Protest gegen die Meeresriesen so groß wie in Venedig. Die Lagunenstadt lebt vom Tourismus - und leidet unter den Menschenmassen. Pro Jahr besuchen 30 Millionen Touristen die Stadt, doch laut offiziellen Daten bleiben nur 2,6 Millionen Gäste über Nacht. Viele der umstrittenen Tagestouristen, die kaum Geld in der Stadt lassen, werden von den Kreuzfahrtschiffen angeliefert, die noch immer in die Stadtmitte hineinfahren dürfen, obwohl dies das Ökosystem erheblich gefährdet.<p>Längst hat die UN-Kulturorganisation UNESCO ein Verbot für die haushohen Schiffe im San-Marco-Becken gefordert und mit dem Entzug des Weltkulturerbe-Status gedroht. Die massiven Wellenbewegungen, die das historische Mauerwerk schädigen, sowie der Feinstaub, der aus den Schornsteinen geblasen wird, führten am 18. Juni zu einem Volksbegehren. Ob sich die Politik in Rom davon beeindrucken lässt, ist derzeit noch unklar.<p>Welche Auswirkungen der Kreuzfahrtboom auf Umwelt und Klimawandel hat, lässt sich heute noch nicht einwandfrei feststellen. Fest steht, dass traditionelle Kreuzfahrtschiffe die Umwelt erheblich belasten.<p>Der Naturschutzbund Deutschland (NABU) wirft den internationalen Kreuzfahrt-Reedereien vor, zu wenig für den Umweltschutz zu tun. Die Anbieter gäben Unsummen für Bespaßung und gastronomischen Service an Bord aus, während beim Umweltschutz weiterhin gespart werde, "wo es nur geht. Diese Verantwortungslosigkeit geht vor allem auch zu Lasten der menschlichen Gesundheit, insbesondere von Anwohnern in Hafenstädten", sagt NABU-Bundesgeschäftsführer Leif Miller.<p>Den Reedereien ist das Pro-blem bekannt. TUI-Cruises-Umweltmanagerin Lucienne Damm war früher selbst NABU-Aktivistin und hat schließlich die Seiten gewechselt. Die ehemalige Aktivistin sagt: "Wenn man sich für die Umwelt engagiert, sollte man dort arbeiten, wo man etwas bewegen kann." Obwohl die neuen Grenzwerte für den Ausstoß von Stickoxiden bei Kreuzfahrtschiffen erst für Neubauten ab 2016 gesetzlich vorgeschrieben waren, baute TUI Cruises auf der "Mein Schiff 3" bereits vorher moderne Katalysatoren ein, um die Stickoxide zu reduzieren.<p>Auch bei AIDA Cruises setzt man jetzt auf Umweltschutz. Zwei Neubauten der sogenannten Schiffsklasse "Helios" sollen im Herbst 2018 und Frühjahr 2021 fertiggestellt sein. Unter dem Konzept-Namen "Green Cruising" steht vor allem die Energieeffizienz im Fokus. Als echte Innova- tion werden die beiden neuen Schiffe bis zu 14 Tage rein mit Flüssigerdgas fahren können. Damit greift die deutsche Reederei auch konsequent die lauter werdende Kritik auf, die vielen Kreuzfahrtschiffen mit Schwerölantrieb eine massive Umweltbelastung vorwerfen. Die neuen Schiffe mit Flüssiggasantrieb sollen Emissionen von schädlichen Ruß-Partikeln und Schwefeloxiden fast vollständig vermeiden. "Das ist eine Reise in die Zukunft der Kreuzfahrt", sagt AIDA-Präsident Felix Eichhorn stolz.<p>Auch das Urlaubsland Österreich nascht am Kreuzfahrt-Boom mit. "Die Donau ist der Fluss mit den weltweit meisten Kreuzfahrten", sagt Mario Pulker von der ARGE Donau Österreich. Seit 2007 hat sich die Zahl der Passagiere und Schiffe fast verdoppelt. 166 Kreuzfahrt- und 18 Ausflugsschiffe durchfahren mit insgesamt mehr als 800.000 Passagieren jedes Jahr die Wachau. Dem Land Niederösterreich bringen die Kabinengäste aktuell 22 Millionen Euro im Jahr, 240.000 Passagiere haben 2016 allein Melk besucht.<p>

Boom auf der Donau

<p>"Sie haben einen Anteil von 45 Prozent an den Gesamtbesucherzahlen", rechnet Christoph Madl, Geschäftsführer der Niederösterreich Werbung, vor. "Nach Stift Göttweig kamen zuletzt immerhin 38 Prozent der Besucher per Schiff, das waren rund 30.000 Touristen."<p>Die Wertschöpfung der Flusskreuzfahrten zwischen Regensburg und Wien wird mit 110,7 Millionen Euro beziffert, knapp die Hälfte davon entfällt auf die gebuchten Ausflugspakete. "Noch sind viele kleine Reedereien auf der Donau unterwegs. In den kommenden Jahren wird es bestimmt zu Übernahmen kommen", referierte Studienautor Stefan Mang von CenTouris im März am Rande der Tourismusmesse ITB 2017 in Berlin. Schiffsneubauten würden stark zunehmen und mit ihnen die Kabinengrößen. Auf den Schiffen tummeln sich Gäste aus den USA und Australien, die oft auch noch einen Urlaub an die Schifffahrt anhängen.<p>

Durchschnittsalter 67

<p>Aus Sicht der Tourismusverantwortlichen entlang der Donau sind die Reedereien zudem ein willkommener Werbeträger auf englischsprachigen Fernmärkten. Davon profitieren vor allem die Anfangs- und Endstationen der Reiseroute.<p>"Es stimmt: Das Durchschnittsalter auf den Flusskreuzfahrtschiffen liegt bei 67 Jahren, nur fünf Prozent der Passagiere sind jünger als 50", weiß Mang. Doch was die Gastronomen und Händler entlang der Donau viel mehr interessiert, ist die Kaufkraft. Und die ist beachtlich. Denn 57 Prozent der Passagiere haben ein monatliches Haushaltseinkommen jenseits der 3500-Euro-Marke.<p>"Flusskreuzfahrten sind auf der ganzen Welt sehr beliebt", bestätigt Ruefa-Geschäftsführer Krahl. "Spezielle Familienangebote, individuelle Programme und kurze Transfers bei den Landausflügen, da die Anlegestellen meist im Stadtzentrum liegen, sorgen dafür, dass sich auch die Flussreisen steigender Beliebtheit erfreuen."

Georg Biron, geboren 1958 in Wien, ist Schriftsteller, Reporter, Regisseur und Schauspieler.