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Bucharische Gemeinde wünscht sich einen sefardischen Gemeinderabbiner.
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Wien. Eine deutliche Kräfteverschiebung brachte die Wahl des Vorstands der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Wien am Sonntag: "Atid" (hebräisch: Zukunft), die Partei des amtierenden Präsidenten Oskar Deutsch, blieb zwar stärkste Fraktion, verlor aber drei der bisher zehn Sitze im 24-köpfigen Kultusvorstand. Knapp an "Atid" heran kam dafür die Fraktion der Bucharen ("Bucharische Juden - Sefardim") mit nunmehr sechs Mandaten statt bisher fünf Mandaten. Auch die Grusinen konnten einen Zuwachs verzeichnen: Sie halten nun zwei Mandate statt bisher eines.
Damit kommen jene beiden Fraktionen, die die Interessen der Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion und ihrer in Wien geborener Kinder vertreten, nun mit acht Sitzen auf ein Drittel der Mandatare im Kultusvorstand. Ihre tatsächliche Stärke spiegelt das Wahlergebnis allerdings noch nicht wider: Rund 2500 Bucharen leben in Wien und an die 550 Grusinen. Insgesamt zählt die IKG Wien rund 7700 Mitglieder.
Man freue sich zwar über den Gewinn eines Sitzes im Kultusvorstand, "wir könnten aber natürlich noch mehr Mandate haben", betonte Josef Sarikov, Vorsitzender des Vereins Bucharischer Juden und Spitzenkandidat der Bucharen bei IKG-Wahl, gegenüber der "Wiener Zeitung". Innerhalb der vergangenen fünf Jahre habe es innerhalb der bucharischen Gemeinde Meinungsverschiedenheiten gegeben, die manche Mitglieder der Comunity dazu bewogen hätten, "Atid" zu wählen oder aber eine der orthodoxen Fraktionen. In diesem Segment konnte übrigens der "Block der religiösen Juden" um einen Sitz auf zwei Mandate zulegen, während "Khal Israel" ein Mandat verlor und die "Misrachi" den Einzug in den Kultusvorstand überhaupt nicht mehr schaffte.
"Vielleicht stellen wir in zehn Jahren den Präsidenten"

In den kommenden fünf Jahren werde man daher versuchen, "alle Wähler wieder zurückzuholen", betont Sarikov. Was bei dieser Wahl ins Auge fiel: das starke Engagement vieler junger Bucharen. Hier sieht Sarikov, der noch der ersten Zuwanderergeneration angehört, das große Potenzial. Schon jetzt gingen immer mehr junge Bucharen nach der Matura an die Uni. In fünf, zehn Jahren würden jene, die heute frischgebackene Akademiker seien, sich auch inhaltlich stark innerhalb der IKG einbringen können. "Vielleicht stellen wir dann in zehn Jahren auch den Präsidenten."
Dezoni Dawaraschwili war bis jetzt der einzige Mandatar der georgischen Juden im Kultusvorstand - und bekommt nun grusinische Gesellschaft. Für ihn spiegelt das zweite nun errungene Mandat "das Selbstbewusstsein unserer Gemeinde innerhalb der Gemeinde" wider.
Deutsch hatte noch am Wahlabend erklärt, er wolle die bisherige Koalition fortsetzen. Bucharen, Grusinen und Atid hatten schon in der nun zu Ende gehenden Legislaturperiode eng zusammengearbeitet. Sowohl Dawaraschwili als auch Sarikov betonten ebenfalls, dass man in diesem Sinne weiterarbeiten wolle. Zwischen Atid und Bucharen war bereits während des Wahlkampfs ein Koalitionsabkommen unterzeichnet worden. Zuletzt hatte es dem Vernehmen nach Unstimmigkeiten innerhalb der bucharischen Gemeinde gegeben, ob man sich an dieses Abkommen halte. Doch Sarikov stellte am Montag klar, er stehe zu seiner Unterschrift. "Das Koalitionsabkommen steht. Wir werden gemeinsam mit Atid viele wichtige Dinge voranbringen." Damit dürfte Oskar Deutsch weiter IKG-Präsident bleiben. Der neue Kultusvorstand konstituiert sich offiziell im Laufe des Dezember.
IKG-Vizepräsident Chanan Babacsayv, ebenfalls Vertreter der bucharischen Gemeinde, betonte, in der Vergangenheit seien sämtliche Vereinbarungen, die man mit "Atid" getroffen habe, eingehalten worden. Habe es bis vor einigen Jahren teils noch Sprachprobleme der Mandatare gegeben und dadurch weniger Partizipation, habe man inzwischen "eine Partnerschaft auf Augenhöhe".
Inhaltlich wollen die Bucharen nun unter anderem für Verbesserungen in der Zwi-Perez-Chajes-Schule kämpfen, betont Sarikov. Viele Eltern könnten ihren Kindern zum Beispiel in Deutsch oder Englisch nur schwer helfen. Hier solle es eine entsprechende qualifizierte, pädagogische Betreuung auch am Nachmittag geben. Darüber hinaus falle es vielen bucharischen Familien, die oft drei, vier Kinder hätten, schwer, das Schulgeld zu bezahlen. Hier müsse man eine Änderung überlegen. Babacsayv nannte als weiteres wichtiges Anliegen einen sefardischen Gemeinderabbiner innerhalb des Rabbinats der IKG. Renovierungsbedürftig ist zudem das rund 20 Jahre alte sefardische Zentrum in der Tempelgasse.
Die nächste Generation im Blick haben auch die Georgier. Dawaraschwili betonte gegenüber der "Wiener Zeitung": "Die Integration unserer Kinder ist kein einmaliger Prozess. Es bedarf tagtäglicher Arbeit, dies voranzutreiben. Wir haben die Verpflichtung, diese selbstbewusste jüdische Gemeinde noch weiter zu forcieren, um langfristig die jüdische Existenz in Österreich zu sichern."
Nicht nur die sefardischen Gruppierungen legten bei dieser Wahl zu, auch zwei neue Fraktionen zogen in den Kultusvorstand ein: "Chaj - Jüdisches Leben", angeführt vom Psychoanalytiker Martin Engelberg, errang auf Anhieb drei Mandate, die "Initiative Respekt" mit der Journalistin Sonia Feiger an der Spitze zwei Sitze. Beide Fraktionen wandten sich an alle Gemeindemitglieder, ihre Wähler werden aber eher dem aschkenasischen beziehungsweise säkularen Teil der Gemeinde zugerechnet. Sie formulierten im Wahlkampf vor allem Kritik an der derzeitigen Atid-Führung. Den Einzug in den Kultusvorstand nicht geschafft hat die dritte neue Fraktion, die bei dieser Wahl angetreten ist: die kaukasischen Juden.
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