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Es war sehr still im britischen Unterhaus, als sich die an den Rollstuhl gefesselte Abgeordnete Anne Begg zu Wort meldete. Für sie selbst gebe es keine Hoffnung mehr, sagte die schottische Labour-Politikerin, die an der Knochenkrankheit Osteoporose leidet. Aber viele andere könnten vielleicht vor unerträglichem Leid und einem vorzeitigen Tod bewahrt werden, wenn die Parlamentarier an diesem Dienstag das Klonen von Embryos zu Forschungszwecken erlauben.
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In der selben Debatte verglich der konservative Abgeordnete Edward Leigh die Befürworter des sogenannten therapeutischen Klonens mit den Nazis. "Die Nazis haben gesagt, dass bestimmte Menschen Untermenschen und deshalb entbehrlich sind. Das ist das gleiche Argument wie jetzt. Jetzt sagen manche, dass diese Embryos keine richtigen Menschen sind." - Schon lange lagen die Standpunkte in Westminster nicht mehr so weit auseinander.
Vorreiter Großbritannien
Wenn es nach der Regierung von Premierminister Tony Blair geht, wird Großbritannien als erstes Land in Europa das Klonen mit Stammzellen von bis zu zwei Wochen alten Embryos erlauben. Nach den Worten von Staatssekretärin Yvette Cooper könnte das Verfahren der "Heilige Gral" bei der Entwicklung von Heilungsmethoden für Leukämie, Parkinson, Alzheimer oder Multipler Sklerose sein.
Da es um eine Gewissensentscheidung geht, werden die Abgeordneten in freier Abstimmung ohne Fraktionszwang über die Empfehlungen der Regierung beschließen. Es gilt als wahrscheinlich, dass sie zustimmen werden. Doch eine große Minderheit ist radikal dagegen. Sie fürchtet, dass damit der erste Schritt zum Klonen von Menschen getan ist.
Heftiges Pro und Kontra
"Der bequemste Weg in die Hölle ist der sanft abfallende Hang ohne plötzliche Kurven, ohne Warnschilder", mahnt Kardinal Thomas Winning, Vorsitzender des bioethischen Komitees der katholischen Bischofskonferenz von Großbritannien und Irland.
Für die Verfechter des therapeutischen Klonens wie der Kolumnist Boris Johnson sind Embryos im Alter von bis zu 14 Tagen nur "ein gefühlloser Klecks, eine Ansammlung von etwa 100 Zellen, kleiner als ein Punkt am Satzende". Doch ein Leser seines Artikels im "Daily Telegraph" hielt Johnson vor: "Hängen die Rechte eines menschlichen Wesens jetzt von seiner Größe ab?"
Ein Leser des "Guardian" forderte diejenigen, die einen Embryo für "noch nicht menschlich" halten, auf: "Ersetzen Sie das Wort 'Embryo' durch das Wort 'Behinderter', 'Schwarzer' oder jeden anderen, der in der Geschichte schon einmal als nur 'potenziell menschlich' betrachtet wurde, und Sie werden vielleicht verstehen, was für einen gigantischen Fehler Sie machen."
Im europäischen Ausland sieht sich Großbritannien schon jetzt herber Kritik ausgesetzt. Das Europaparlament in Straßburg hat sich in scharfer Form gegen das therapeutische Klonen ausgesprochen. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Hubert Hüppe warf der britischen Regierung vor, sich aus der europäischen Wertegemeinschaft zu verabschieden: Die massenhafte Erzeugung menschlichen Lebens zu medizinischen Zwecken sei "nichts als Kannibalismus".
Doch die britischen Abgeordneten haben noch die Worte ihrer Kollegin Anne Campbell im Ohr, deren Mutter mit 35 Jahren an Parkinson erkrankte. "Als ich zur Universität ging, kam sie schon nicht mehr ohne Hilfe die Treppe herauf", sagte Campbell in der Unterhausdebatte. Medikamente hätten ihre Mutter zusätzlich depressiv gemacht, aber nicht geholfen.
Die Erleichterung, die die Stammzellen- Forschung solchen Menschen vielleicht bringen könne, wiege die ethischen Bedenken gegen das Klonen und Zerstören von Embryos bei weitem auf.
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