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Seit Jahrzehnten Außenseiter der französischen Politik

Von Uwe Gepp

Politik

Paris - Jean-Marie Le Pen hat die Sensation geschafft. Der Vorsitzende der rechtsextremistischen Nationalen Front fordert in der Stichwahl um die Präsidentschaft am 5. Mai Amtsinhaber Jacques Chirac heraus. Auch wenn er gegen Chirac chancenlos sein dürfte, kommt der von kaum jemand für möglich gehaltene Erfolg des 73-Jährigen einem politischen Erdbeben gleich.


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Immer wieder hatte Le Pen erklärt, er werde den Einzug in die zweite Runde schaffen. Er sei nicht überrascht, versicherte der Triumphator am Sonntagabend. Doch trotz guter Umfrageergebnisse in den letzten Wochen hatte fast niemand außer seinen Anhängern nur einen Pfifferling auf den bulligen Bretonen gegeben.

Ende der 90er Jahre schien er sogar schon am Ende zu sein: Nach dem Bruderkampf mit seiner ehemaligen Nummer zwei, Bruno Megret, musste er eine Schlappe bei der Europawahl 1999 einstecken, wenig später verlor er sogar sein passives Wahlrecht, weil er eine sozialistische Politikerin vor laufenden Kameras geschlagen hatte. Doch er kam triumphal zurück. Der einst polternde Radikale Le Pen, der die Gaskammern als "Detail in der Geschichte des Zweiten Weltkriegs" bezeichnete und Aids-Infektionen auf Sodomie zurückführte, gab sich in diesem Wahlkampf betont zahm. Geschickt stilisierte der 73-Jährige sich in seiner Lieblingsrolle als "Opfer des Systems", weil er lange nicht die für seine Kandidatur nötigen 500 Unterschriften von Mandatsträgern zusammenbekam.

Er sprach von einem Komplott: Chirac wolle nicht, dass er antrete, wetterte Le Pen gegen den Staatschef, den er als den "schlimmeren Jospin" bezeichnete. Der Neogaullist hat stets jedes Bündnis mit den Rechtsextremisten abgelehnt. Der Bretone wurde deshalb nie hoffähig und blieb ein Paria der Politik.

Der Wahlkampf war wie auf Le Pen zugeschnitten. Chirac setzte ganz auf die Angst der Franzosen vor der wachsenden Kriminalität, den Schwachpunkt in Jospins Regierungsbilanz. Die Attentate vom 11. September und Bluttaten wie der Amoklauf von Nanterre waren Wasser auf den Mühlen Le Pens. Zudem gelinge es ihm immer wieder, soziale und wirtschaftliche Ängste der Menschen auszubeuten, analysierte der Politologe Pascal Perrineau in "Le Monde". Ihm zugute kam auch, dass die Sozialisten mit Lionel Jospin einen zwar erfolgreichen Regierungschef, jedoch zugleich einen blassen Technokraten als Kandidaten aufboten.

Mit Parolen wie "Frankreich und die Franzosen zuerst" setzt der Rechtsextremist auf diffuse Ängste vor Einwanderung und Überfremdung. Er macht Front gegen das Europa von Maastricht und verspricht die Wiederherstellung von Recht und Ordnung. Über die Wiedereinführung der Todesstrafe will er die Franzosen per Referendum abstimmen lassen.

Er sei das Modell für Silvio Berlusconi in Italien und Jörg Haider in Österreich, sagte Le Pen. Nicht er habe sich geändert, sondern die anderen Politiker hätten sich "lepenisiert".

Le Pen ist seit fast zwei Jahrzehnten eine feste Größe der französischen Politik. Zwar wurde er schon in den 50er Jahren Abgeordneter der populistischen Bewegung von Pierre Poujade, doch sein Aufstieg gründet sich auf die Gründung der Nationalen Front 1972. Den Durchbruch schaffte der ehemalige Fallschirmjäger bei der Europawahl 1984 mit elf Prozent der Stimmen den Durchbruch. Bei den Präsidentschaftswahlen 1988 und 1995 erzielte er 14,4 beziehungsweise 15 Prozent.