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Selber denken ist nicht modern

Von Christina Böck

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Es ist eine Frage, die man sich nicht alle Tage stellen muss. Ist es legitim, eine Menge an unschuldigen Menschen zu töten, wenn man dadurch eine größere Menge von Menschen retten kann? Die ARD möchte genau das von ihren Sehern im Oktober wissen. Da wird an einem Themenabend Ferdinand von Schirachs Theaterstück "Terror" gezeigt. Es handelt von einem Kampfpiloten, der ein Passagierflugzeug abschießt, weil es von Terroristen gekapert wurde, die es über einer Arena mit 70.000 Menschen abstürzen lassen wollen. Das Stück ist eine Gerichtsverhandlung, bei der der Pilot beweisen soll, dass seine eigenmächtige Entscheidung die richtige war. Nach den Plädoyers wird das Publikum in einer Telefonabstimmung nach seinem Urteil gefragt. Die FDP hätte gern, dass die ARD diesen Themenabend wieder absetzt. Sie findet, frei übersetzt, mit einer solchen Entscheidung sei das Publikum überfordert und man solle gerade in Zeiten wie diesen kein effekthascherisches Spiel mit solchen Szenarien machen. Die Sender-Verantwortlichen lassen sich aber nicht abbringen. In eine andere, aber ähnliche Kerbe schlägt die Aktion von Fans des Actionfilms "Suicide Squad". Sie sind über die schlechten Kritiken des Films erbost und wollen deshalb via Petition die altbekannte Filmwertungs-Website "Rotten Tomatoes" verbieten lassen. Das mit der Selbstbestimmung und dem Recht auf eine eigene Meinung scheint heutzutage wirklich nicht besonders in Mode zu sein. Sowohl FDP als auch die Filmfans übersehen aber, dass erst die Beschäftigung mit ungewohnten Fragen und anderen Meinungen eine kultivierte Zivilisation ausmacht.