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Selbstbewusste Fische

Von Eva Stanzl

Wissen
© Alex Jordan

Blaustreifen-Putzerfische erkennen sich selbst im Spiegelbild. Aber sind sie deswegen auch fähig zur Selbsterfahrung?


Wien. Der Blaustreifen-Putzerlippfisch betreibt Putzstationen für andere Meeresbewohner. Größere Flossenträger kommen zu ihm, um sich reinigen zu lassen. Er wiederum ernährt sich von Parasiten auf ihren Köpern. Biologen beschreiben das Sozialverhalten von Labroides dimidiatus als komplex, seine Entscheidungen als ökonomisch. Zudem ist er ziemlich selbstbewusst, denn er erkennt sich offenbar selbst im Spiegel. Das berichtet ein deutsch-japanisches Team im Fachjournal "Plos Biology".

Die Forscher konfrontierten Blaustreifen-Putzerlippfische im Aquarium mit ihrer Reflexion. Zunächst überprüften die Tiere, was sie sahen. Sie schwammen kopfüber und wiederholten atypische Bewegungen unzählige Male, ähnlich wie Primaten und andere Tiere in Spiegel-Experimenten. Doch dann bestanden die Fische den wissenschaftlichen Lackmustest für das Vorhandensein von Ichbewusstsein. Sie versuchten, Flecken, die sie nur im Spiegelbild erblicken konnten, vom eigenen Körper zu entfernen.

Fleckentest

Die Fähigkeit, sich im Spiegel wahrzunehmen gilt als Gütesiegel der Kognition. Bei Fischen wird dies mit dem Fleckentest nachgewiesen. Dabei wird den Kiementrägern Farbstoff an einer Stelle injiziert, die für sie nur im Spiegelbild sichtbar ist. Um den Test zu bestehen, müssen die Tiere versuchen, den Fleck am eigenen Körper zu berühren oder sonst wie bei sich zu inspizieren. Was für ein Tier ohne Arme und Hände eine große Herausforderung darstellt, gilt für die Forscher als Beweis, dass es die Reflexion als Spiegelbild seiner selbst wahrnimmt.

Das Team des Max Planck Instituts für Ornithologie und der Universität Osaka konnte beobachten, dass die Fische versuchten, die Flecken sogar zu entfernen, indem sie ihre Schuppen an härteren Flächen rieben, nachdem sie sich selbst im Spiegel gesehen hatten. Ohne Spiegel versuchten sie in keinem Fall, etwaige Flecken zu entfernen. Auch wenn ein gefleckter Fisch im Aquarium einem fleckenlosen begegnete, aber kein Spiegel in der Nähe war, geschah nichts. Flecken, die direkt auf den Spiegel aufgetragen worden waren, lösten ebenfalls keine Reaktion aus. Nur, wenn die Blaustreifen-Putzerlippfische die Flecken auf sich selbst reflektiert sahen, starteten sie ihre Reinigungsversuche.

Für die Forscher legt die Entdeckung nahe, dass Blaustreifen-Putzerlippfische höhere kognitive Fähigkeiten besitzen als angenommen. Aber sind sie deswegen auch fähig zur Selbsterfahrung? "Zweifellos haben die Fische in allen Testkriterien bestanden. Weniger klar ist jedoch, ob dies als Nachweis für Ichbewusstsein gelten kann, wiewohl die gleichen Verhaltensmuster bei anderen Tieren als solches interpretiert wurden", sagt Studienautor Alex Jordan.

Das Experiment wirft Fragen auf, wie sich die Intelligenz von Tieren bewerten lässt, die sehr anders als der Mensch zu sein scheinen. In einem Kommentar zur Studie warnt Frans B. M. de Waal, Primatologe an der Emory University in Atlanta im US-Bundesstaat Georgia, vor einer Über-Interpretation der Ergebnisse. "Vielleicht entwickeln sich Ichbewusstsein und die Fähigkeit, sich selbst zu erfahren, Schicht um Schicht so wie eine Zwiebel.

Um sie genauer zu untersuchen und ihr Vorhandensein nachzuweisen, sollten wir uns vermutlich mehr anschauen als bloß Reaktionen beim Fleckentest. Nur eine reichere Theorie des Selbst mit mehreren Tests könnte ermöglichen, das Ichbewusstsein in seiner Komplexität zu erfassen und auch zu begreifen, wo Fische ins Bild passen."