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Selenskyj nabelt sich von seinem Mentor ab

Von Gerhard Lechner

Politik

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj galt lange Zeit als eine Art Schützling des Oligarchen Ihor Kolomojskyj. Doch in letzter Zeit ist das Verhältnis merklich abgekühlt. Nun herrscht laut Beobachtern bereits eine Art "Kalter Krieg".


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Ihor Kolomojskyj ist nicht gerade dafür bekannt, dem Kreml besonders nahezustehen. Schließlich war es der 56-jährige Oligarch aus Dnipro im Südosten der Ukraine, der 2014 durch die Aufstellung und Finanzierung von Freiwilligenbataillonen der Ausbreitung des prorussischen Separatismus vom Donbass aus in weitere Regionen der Ukraine einen Riegel vorschob.

Beliebt gemacht hat das Kolomojskyj in Russland naturgemäß nicht. Der Umstand, dass manche seiner Bataillone sich aus radikalen Nationalisten rekrutierten, machte den Oligarchen zum beliebten Hassobjekt russischer Medien. Kolomojskyj wurde von Russland 2014 sogar international zur Fahndung ausgeschrieben - unter anderem wegen angeblicher Verschleppung und Ermordung russischer Reporter.

Mittlerweile könnte sich der Grimm gegen den Oligarchen in Moskau gelegt haben - spätestens Mitte November, als Kolomojskyj mit einem Interview in der "New York Times" aufhorchen ließ. "Die EU und die Nato werden die Ukraine nie aufnehmen, das müssen wir uns eingestehen", ließ der Geschäftsmann verlauten. Und er setzte nach: "Russland würde uns dagegen gerne in einen neuen Warschauer Pakt einbeziehen." Und überhaupt: "Die Menschen wollen Frieden, keinen Krieg. Ihr, die USA, zieht uns in einen Krieg und gebt uns nicht einmal Geld dafür."

Das Interview des Oligarchen sorgte in Kiew für einigen Wirbel. Denn Kolomojskyj ist nicht irgendein Geschäftsmann. Er gilt als Förderer und Mentor von Präsident Wolodymyr Selenskyj, der vor seiner Wahl Schauspieler und Kabarettist war. Selenskyj hatte seinen Aufstieg zum TV-Star auch dem Oligarchen zu verdanken: Seine Shows und Serien liefen im Sender 1+1, und der gehört Kolomojskyj. Selenskyjs mächtiger Chef des Präsidialamtes, Andrij Bohdan, gilt als Kolomojskyj-Mann und war jahrelang dessen Anwalt. Und auch in seiner Partei "Diener des Volkes" sitzen einige Kolomojskyj-Leute.

Kolomojskyj droht lange Haft

Vor allem aber: Selenskyj hat seit seiner Wahl einige Schritte auf Moskau zu gemacht. Die ukrainische Armee hat sich von der Frontlinie im Donbass zurückgezogen. Ein Gefangenenaustausch zwischen Russland und der Ukraine fand statt. Und am 9. Dezember könnte das persönliche Treffen zwischen Selenskyj und dem russischen Präsidenten Wladimir Putin in Paris weitere Schritte Richtung Entspannung bringen.

Der Großteil der Ukrainer dürfte diese Entwicklung begrüßen - vor allem im russischsprachigen Süden und Osten des Landes ist man des Krieges müde. Die gut organisierten ukrainischen Nationalisten wittern in Selenskyjs Handlungen jedoch Verrat - und das Interview des vermeintlichen Einflüsterers Kolomojskyj verstärkt das Misstrauen gegenüber dem unerfahrenen Staatschef noch. Wendet sich die Ukraine wieder Russland zu?

Die meisten Politikbeobachter in Kiew verneinen das. Sie beobachten in letzter Zeit eine zunehmende Entfremdung zwischen Selenskyj und Kolomojskyj. Mehr noch: "Zwischen dem Präsidenten und seinem ehemaligen Förderer herrscht mittlerweile eine Art Kalter Krieg", sagt ein Politologe, der aus beruflichen Gründen nicht zitiert werden darf, der "Wiener Zeitung". Der Oligarch, der nach Selenskyjs Wahlsieg in die Ukraine zurückgekehrt war und sich von seinem Schützling mehr Macht und Einfluss versprach, stehe erheblich unter Druck. Der Grund: In den USA wird gegen Kolomojskyj unter anderem wegen Geldwäsche ermittelt. Die Untersuchungen werden bald abgeschlossen sein. Es ist wahrscheinlich, dass die USA die Ergebnisse der ukrainischen Staatsanwaltschaft übergeben werden mit der Bitte, Kolomojskyj vor Gericht zu bringen. Eine solche Bitte, heißt es in Kiew, könnte Selenskyj nur schlecht abschlagen. Kolomojskyj könnte dann bis zu zehn Jahre hinter Gittern landen - kein Wunder, dass der Oligarch seine Fühler Richtung Osten ausstreckt.

Freilich nur als letzte Option. Einstweilen wird noch hinter den Kulissen gerungen. Und hier soll Selenskyj die Wünsche des Oligarchen schon oft abgewiesen haben. Auch Bohdan stellt sich angeblich gegen seinen Ex-Mentor quer. Nach einem Streit per Telefon soll man kaum mehr miteinander reden.

Vergewaltigung aufgedeckt

Kolomojskyj wiederum könnte auf seine Art zurückgeschlagen haben: In letzter Zeit werden in Kiew auffällig viele Skandale rund um die Präsidentenpartei aufgedeckt. Meistens geht es um kleinere Dinge wie geleakte Handydiskussionen, wo über Kollegen gelästert wird. Manchmal aber auch um Schlimmeres: Einer der schnell ausgewählten Abgeordneten von "Diener des Volkes" ist in den 1990er Jahren wegen Vergewaltigung einer Frau im Gefängnis gesessen. Nachdem die kompromittierenden Dokumente meist aus anonymer Quelle im Internet auftauchen, vermuten viele Kolomojskyj hinter den Enthüllungen.