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Selfies aus Donezk

Von WZ-Korrespondentin Simone Brunner

Politik

Langsam kehrt das Leben ins umkämpfte Donezk zurück. Es ist ein Alltag der Extreme.


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Die Aufständischen verweilen weiter im zerstörten Flughafen.
© Brunner

Donezk. Teenager-Mädchen flanieren durch den Park, sie lachen und singen. Eine kalte Februar-Brise weht durch ihre frisch gedrehten Locken, sie posieren für ein Selfie. Ein Einschlag aus der Ferne durchschneidet die Stille: Bumm. Dann noch einmal: Bumm. Bumm, bumm. Die Mädchen nehmen davon nicht Notiz, tippen über ihre Displays, kichern und ziehen weiter.

Die Stadt Donezk liegt fast direkt an der Frontlinie. Seit September des vergangenen Jahres hat eine Waffenruhe die Kämpfe maßgeblich eingedämmt. Doch der Krieg, der bald in sein drittes Jahr geht, bestimmt hier immer noch alle Sinne: Vor allem in den Randbezirken reihen sich ausgebombte Häuser aneinander, und dass der Wind immer wieder Geschützdonner bis in das Stadtzentrum trägt, ist in Donezk längst nichts Besonderes mehr.

Aber es sind die kleinen Gesten, die die Bewohner hoffen lassen. Neue Restaurants und Shops haben zuletzt geöffnet, und auch die leeren Straßen füllen sich wieder mit Passanten und Autos. 600.000 Menschen sollen laut Schätzungen heute wieder in der ehemaligen Millionenstadt leben, darunter viele Menschen aus dem Umland und der Provinz, wo die Lage prekärer ist als in Donezk.

Eine eigenartige Normalität

"Ich liebe DNR", die Volksrepublik Donezk, steht auf dem Schild im Park. Im Hintergrund: die Lenin-Statue.

Das Leben kehrt wieder zurück - doch es ist ein Leben im Ausnahmezustand, das zur Normalität geworden ist: Die meisten Gassenlokale sind verriegelt, Bankomate und Kreditkarten funktionieren nicht. Viele Bergbau-Schächte sind geschlossen, internationale Unternehmen haben die Region ohnehin verlassen. Seitdem Unbekannte vor wenigen Wochen die Lenin-Statue stürzen wollten, gilt eine strenge abendliche Ausgangssperre.

Manche sind aber überhaupt erst wegen des Kriegs hier hergezogen. Janus Putkonen sitzt in einem schicken Bürogebäude im Stadtzentrum, zwei Anstecker glänzen auf seinem schwarzen Anzug: das Wappen der selbstproklamierten "Donezker Volksrepublik" und die Flagge von Finnland. Er beschreibt sich als "geopolitischen Analysten" gegen die westliche Hegemonie. Sein Herkunftsland Finnland? Besetztes Gebiet. Der Maidan? Ein US-Putsch gegen Russland. Zuletzt hat er auf Facebook ein Selfie mit dem Verteidigungssprecher der Separatisten hochgeladen, in seinem Profil beschreibt er sich als "Verteidiger der Wahrheit im Donbass sowie auf allen Fronten des Informationskrieges". Heute sei der "Donbass jener Ort, an dem sich die Großmächte gegenüberstehen", sagt Putkonen, "ich wollte, dass die Stimme der Leute aus dem Donbass auch gehört wird." Deswegen ist er im vergangenen Sommer nach Donezk gezogen und hat mit der "Donbass News Agency" eine internationale News-Agentur gegründet - auf Englisch.

Krieg gegen die Globalisierung

Nebenbei kooperiert er mit den örtlichen Behörden und möchte ausländischen Journalisten helfen, "die Wahrheit zu sehen": "Natürlich sagen wir niemandem, was sie schreiben sollen", sagt Putkonen lächelnd. "Niemand will hier Nordkorea haben." Die Wahrheit sehen: Das heißt, die westliche Hegemonie in Frage stellen. Die Erkenntnis, dass die Ukraine bald zerfallen wird. Und aus der Not - dass die Separatistengebiete vom internationalen Zahlungsverkehr abgeschnitten sind - eine Tugend zu machen: "Zum ersten Mal seit der Französischen Revolution wird der Ausgang eines Konfliktes nicht vom Finanzsystem bestimmt. Jetzt sind wir endlich frei von der Sklaverei der Schulden. Das ist ein Krieg gegen die Globalisierung, und dafür kämpfe ich!"

Eine derartige Euphorie über die "Donezker Volksrepublik" ist dieser Tage dennoch eher die Ausnahme. Wenige Kilometer von Donezk liegt Horliwka, eine der am meisten zerstörten Städte des Donbass. Vor einer Bank haben sich lange Schlangen gebildet. Da Geldautomaten nicht mehr funktionieren, werden die Pensionen direkt am Schalter ausgezahlt. "Zwei Tage bin ich zuletzt in der Schlange gestanden!", klagt eine alte Frau. Weil ihre Wohnung zerbombt ist, müssen sie jetzt zu sechst in einer Ein-Zimmer-Wohnung hausen, eine andere. "Aber das Wichtigste", sagt eine Dritte, "ist wohl, dass nicht geschossen wird!" Alle stimmen zu. Es ist eine Litanei aus Unruhe, Schimpftiraden und Elendsgeschichten.

Doppelbezüge reichen kaum

Auf den Handflächen der Frauen stehen Nummern für die Reihenfolge in der Schlange. Tatjana hat die Nummer 315. Die Pensionen wurden unter den Separatisten zwar verdoppelt, zugleich sind aber die Preise um das Dreifache gestiegen. Deswegen fährt Tatjana einmal im Monat über die Grenze, in ukrainisch kontrolliertes Gebiet. Dort, wo sie als Flüchtling registriert ist, bezieht sie auch eine ukrainische Rente. Sie rechnet vor: 1000 Hrywnja von den ukrainischen Behörden, 2000 russische Rubel von den Separatisten, das macht umgerechnet insgesamt rund 60 Euro im Monat. "Das reicht gerade mal so zum Leben", sagt sie.

Über die Grenze - das bedeutet über einen der wenigen zivilen Kontrollpunkte zwischen den Separatistengebieten und der Ukraine. So wie über Saizewe, der Checkpoint in der Nähe. Infolge von Beschuss war der Checkpoint zuletzt tagelang geschlossen. Vielen Bewohnern fehlt schlichtweg das Geld oder die Kraft, auf andere Checkpoints auszuweichen. Und selbst hier ist die Reise beschwerlich: Menschen stehen oft stunden- oder tagelang in der Schlange, von vermintem Kriegsgebiet umschlossen. Tatjana will trotzdem nicht die Hoffnung verlieren. "Alles wird gut, wenn es nur keinen Krieg gibt!"

Es sind vor allem alte Menschen, Pensionisten, die in den Separatistengebieten geblieben sind. Knapp 700.000 Renten haben die Separatisten laut eigenen Angaben zuletzt in der "DNR" ausgezahlt, Schätzungen zufolge ist jeder zweite oder dritte Bewohner ein Pensionist. Für das Budget kommt fast ausschließlich Russland auf, wie die International Crisis Group recherchiert hat. Junge und gut ausgebildete Menschen haben hingegen versucht, woanders Fuß zu fassen - in der Ukraine oder in Russland.

Aufständische am Flughafen

Selbsternannter "Verteidiger der Wahrheit": Janus Putkonen.

Doch auch für manche junge Menschen gibt es kein Zurück mehr. Kaum dem Teenager-Alter entwachsen, da haben sich Maksim und Wadim schon dem "Aufstand", dem bewaffneten Kampf der Separatisten gegen die ukrainische Armee, angeschlossen. Heute wärmen sie ihre Hände vor einem kleinen Ofen, sie scherzen und trinken Energy Drinks. Sie sitzen aber nicht in einem der kleinen Häuschen, die abseits von Donezk so zahlreich die Dorfstraßen säumen. Sondern in einem feuchten Eck am Donezker Flughafen.

Einst war der Flughafen von Donezk ein Symbol einer stolzen, wohlhabenden Stadt, erst vor vier Jahren wurde der neue Terminal anlässlich der Fußball-Europameisterschaft eröffnet. Heute ist der Flughafen eine Ruine, ein zerfledderter Kadaver aus Metall, Blech und Stahl. Bruchstücke der Fassade krächzen im Wind, das Areal ist vermint. Monatelang war der Flughafen umkämpft, bis er vor etwas mehr als einem Jahr von den Separatisten zurückerobert wurde. Scharmützel mit den ukrainischen Truppen gibt es hier immer noch, vor allem nachts. "Ping-Pong-Shelling" hat das zuletzt der OSZE-Chef Alexander Hug genannt. Am Abend des Feiertages, dem "Tag der Vaterlandsverteidiger", hallten besonders viele Schüsse durch die Nacht. "Wer weiß", sagt Wadim. "Vielleicht war es nur ein Gruß zum Feiertag?"

Eigentlich ist die Heimat von Maksim und Wadim so nah, aber doch so fern. Beide kommen aus Artemiwsk, die Stadt wird allerdings von der ukrainischen Armee kontrolliert. "Wenn ich die Grenze überquere, komme ich gleich 15 Jahre ins Gefängnis", sagt Maksim. "Ich habe schon den Einberufungsbefehl zum ukrainischen Heer erhalten", erzählt Wadim, "mein Bruder war damals schon bei den Aufständischen, also habe ich auch mich ihnen angeschlossen, um nicht gegen meinen eigenen Bruder zu kämpfen." Mittlerweile ist der Flughafen zum neuen Zuhause für die Burschen geworden. "Ich habe hier schon meinen Geburtstag, Weihnachten und Neujahr gefeiert", sagt Maksim. "Zu Neujahr war es aber ziemlich kalt - da hatte es minus 25 Grad!", erinnert sich Wadim.

Und so sind sie gestrandet, die "Aufständischen", wie sie genannt werden, und haben sich in den Ruinen eingenistet. Mit ihren Familien sind sie zumindest telefonisch und über soziale Netzwerke verbunden. Es ist ungewiss, ob und wann sie wieder nach Hause können und was die Zukunft bringt. Nur eines weiß Maksim genau: "Den Flughafen geben wir nicht mehr her."