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September 1977: Ein Alptraum beginnt

Von Thomas Seythal

Europaarchiv

Vor 30 Jahren wurde Hanns-Martin Schleyer von der RAF entführt. | Frankfurt/Main (ap) Die Terroristen zögern nicht einen Moment: Mehr als 100 Mal schießen sie am Montag, den 5. September 1977, also vor 30 Jahren, im Kölner Stadtteil Lindenthal auf die drei Polizisten und den unbewaffneten Chauffeur von BRD-Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer. Reinhold Brändle, Helmut Ulmer, Roland Pieler und der Fahrer Heinz Marcisz haben keine Chance und sterben noch am Tatort. Die Täter zerren Schleyer in einen VW-Bus und flüchten.


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Der 5. September 1977 ist der Beginn einer Entführung, die die Bundesrepublik Deutschland wochenlang in Atem hält und nachhaltig verändert.

Das ideale Opfer

Für die linksextreme "Rote Armee Fraktion" (RAF) war Schleyer das ideale Opfer: Nie zuvor war so viel Wirtschaftsmacht in einer Person vereinigt, denn der 62-Jährige war gleichzeitig Manager bei Daimler-Benz sowie Chef der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände und des Bundesverbandes der Industrie. Schleyer war außerdem schon in seiner Jugend Anhänger der Nazis und machte später im Dritten Reich Karriere.

Mit der Entführung will die RAF elf Häftlinge freipressen. In einem Schreiben vom 6. September stehen die Namen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe ganz oben auf der Liste. Sie gehören zur ersten Generation der RAF, wurden zu lebenslanger Haft verurteilt und sitzen in Stuttgart-Stammheim im Gefängnis. Kanzler Schmidt nimmt den Konflikt mit Schleyers Familie in Kauf, die verzweifelt versucht, die Forderungen der Terroristen zu erfüllen und damit das Leben des 62-Jährigen zu retten. Schleyers Sohn Hanns-Eberhard will sogar über das Bundesverfassungsgericht die Regierung zwingen, auf die Forderungen einzugehen. Ohne Erfolg.

Die RAF erhöht ihren Druck: Am 8. Oktober geht ein RAF-Foto des entführten Schleyer um die Welt - mit dem Schild und der Aufschrift "Seit 31 Tagen Gefangener" um den Hals. Dazu wird ein Brief Schleyers veröffentlicht, in dem dieser ein "Dahinvegetieren in ständiger Ungewissheit" beklagt. Eine knappe Woche später eskaliert der Konflikt vollends: Ein palästinensisches Kommando bringt die Lufthansa-Maschine "Landshut" auf dem Flug von Mallorca nach Frankfurt in ihre Gewalt und unterstützt die RAF-Forderungen.

Am 17. Oktober landet die "Landshut" in der somalischen Hauptstadt Mogadischu. Am Tag darauf befreit die nach den bitteren Erfahrungen des Münchner Olympia-Attentats von 1972 gegründete Elite-Einheit GSG 9, die Passagiere im Handstreich. Noch in der selben Nacht bringen sich Baader, Ensslin und Raspe in Stammheim um. Sie erfuhren von der gescheiterten Entführung und konnten trotz einer Kontaktsperre miteinander kommunizieren. Die Gewaltserie endet am Tag danach: Die Leiche Schleyers wird im Kofferraum eines Autos in der Nähe des elsässischen Mulhouse gefunden. Siehe auch "extra" am Samstag