Zum Hauptinhalt springen

Serbien sitzt zwischen den Stühlen

Von Marijana Miljkovic

Wirtschaft

Der EU-Beitrittskandidat Serbien will keine Sanktionen gegen Russland verhängen und spielt nach eigenen Regeln.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 2 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Man soll nicht am Ast sägen, auf dem man sitzt", sagte Duan Bajatović, Direktor des staatlichen serbischen Energieunternehmens Srbijagas laut der Agentur Tanjug. Damit sprach sich der Spitzenmanager Mitte der Woche gegen Sanktionen seines Landes gegen Russland aus. Keine Sanktionen, das ist auch die offizielle Haltung des EU-Beitrittskandidatenstaates.

Damit sitzt Serbien einmal mehr zwischen den Stühlen: den EU-Beitrittsbestrebungen und Zugeständnissen an den Westen einerseits und der Loyalität zum "Bruderland" Russland andererseits. Nicht nur ist Serbien in hohem Maß vom russischen Erdgas abhängig. Russland stärkt Serbien auch politisch den Rücken, etwa im Kampf gegen die Unabhängigkeit des Kosovo, das sich 2008 von Serbien losgesagt hatte.

"Sowohl Serbien, als auch die EU befinden sich in einer heiklen Situation. Serbien wird seine guten Beziehungen zu beiden nicht aufrechterhalten können, wird sich aber schwer tun, sich für eine Seite zu entscheiden, weil es mit beiden wirtschaftliche Interessen hat", sagt Branimir Jovanović, Ökonom am Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW).

Serbien führt in der Region

Serbien avancierte dank großer Investitionen aus dem Ausland in den vergangenen Jahren zum Anführer in Südosteuropa. Zwischen 2010 und 2020 flossen laut WIIW 23 Milliarden Euro an Direktinvestitionen (FDI) nach Serbien, wobei allein 15 Milliarden auf die EU-Mitgliedsstaaten entfielen. Österreichische Unternehmen rangieren mit zwei Milliarden Euro an zweiter Stelle der größten Auslandsinvestoren in Serbien, überholt nur von den Niederlanden, die vier Milliarden Euro investierten. Laut Wirtschaftskammer Österreich (WKO) sind 400 heimische Unternehmen in Serbien vertreten und beschäftigen 22.000 Menschen. Deutschland und Luxemburg sind mit 1,7 Milliarden Euro in der FDI-Rangliste gleichauf, gefolgt von Russland mit 1,5 Milliarden Euro Investitionen. An dem Narrativ, dass aus der EU zwar Geld fließt und aus Russland nicht, Moskau aber trotzdem das bessere Image in der serbischen Bevölkerung genießt, ist jedoch etwas dran: Während in den vergangenen Jahren, mit Stand 2018, knapp drei Milliarden Euro an nicht rückzahlbaren Zuwendungen aus der EU nach Serbien flossen, wies Russland keine Hilfszahlungen aus.

Serbiens Präsident Aleksandar Vučić jedenfalls gibt dieser Tage den Gepeinigten: "Diese Tage sind für mich ein Alptraum", sagte er laut Medienberichten. Dennoch spielt Serbien nach eigenen Regeln, wie das Beispiel der serbischen Fluglinie Air Serbia zeigt: Die Airline will ab kommender Woche die Flüge nach Moskau intensivieren, von acht auf 15 Flüge wöchentlich, da die EU den Luftraum für russischen Flugverkehr gesperrt hat. Für Serbien gilt auch ein Sondertarif bei Gas aus Russland. Bis Juni zahlt das Land, in dem am 3. April Präsidenten-, vorgezogene Parlaments- und Kommunalwahlen stattfinden, laut Srbijagas-Chef Bajatović einen Sondertarif von 270 Dollar pro 1000 Kubikmeter. Das ist weit günstiger als die von Russland angedrohten 2.200 Dollar pro 1000 Kubikmeter, beziehungsweise umgerechnet 195 Euro pro Megawattstunde - und ein Wahlzuckerl, sofern es hält, obendrauf.

Und die EU? Laut dem Ökonomen Jovanović könne die EU Serbien nicht den Rücken kehren und Russland überlassen, weil das die Region destabilisieren könne. Die einzige Möglichkeit, die auch serbische Vertreter in der Vergangenheit betont hatten, sei, Serbien so rasch wie möglich in die EU aufzunehmen und Belgrad damit aus dem Einflussbereich Moskaus zu ziehen.