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Seuchengefahr steigt im Erdbebengebiet

Von Martyna Czarnowska

Politik
Das Ausmaß der Zerstörung in der türkischen Region Hatay.
© Heinz Wegerer

Unterkünfte, sauberes Wasser, Wärme: Hilfsorganisationen mühen sich in der Türkei und Syrien um das Nötigste.


Der Schutthaufen auf dem Foto war einmal ein neunstöckiges Wohnhaus. An die 120 Menschen haben dort geschlafen, als die Erde zu beben anfing. Aus ihren Betten gerissen, liefen sie in Panik ins Erdgeschoß. Doch die Türen müssen blockiert gewesen sein. Die neun Stockwerke stürzten über den Menschen ein. Das vermuten zumindest die Helfer, die noch Tage nach dem Erdbeben versuchten, in dem Gebäude in Iskenderun nach Überlebenden - oder auch bereits Toten - zu graben.

In der Zwischenzeit werde der Leichengeruch in den Straßen der südosttürkischen Stadt immer beißender, schildert Heinz Wegerer. Der Koordinator für humanitäre Hilfe von Hilfswerk International ist soeben von einem Einsatz in der Region Hatay zurückgekehrt. Bei einem Pressegespräch in Wien berichtet er von einem Ausmaß der Zerstörung und menschlichem Leid, das selbst erfahrene Helfer erschüttere.

Rettung geht zu Ende

Während die Todeszahlen nach den Erdbeben im türkisch-syrischen Grenzgebiet in der Vorwoche weiter steigen - mehr als 40.000 bestätigte Todesfälle bis Dienstag - und internationale Organisationen ihre Bergungsarbeiten beenden, braucht es weiter akute Nothilfe für die Überlebenden. Menschen harren vor den Trümmern ihrer Häuser aus, schlafen auf der Straße, in Autos oder Notunterkünften. Ein Ausbruch von Seuchen wie Cholera lasse sich nicht ausschließen, sagt Wegerer. Am dringendsten benötigen die Menschen nun "ein Dach über dem Kopf, Wärme in den bitterkalten Nächten, Zugang zu sauberem Trinkwasser sowie Sanitäranlagen". Daran arbeiten Hilfsorganisationen wie Hilfswerk International, zusammen mit lokalen Gruppen und Behörden. Auch die enorme Hilfsbereitschaft von Privatpersonen streicht Wegerer hervor.

An den zentralstaatlichen Institutionen hingegen - wie an der Katastrophenschutzbehörde Afad - gibt es in der Bevölkerung seit Tagen viel Kritik. Zu langsam sei die Reaktion gewesen, zu unkoordiniert das Handeln. Der Umgang mit dem Erdbeben hat auch politische Konsequenzen: Immerhin haben die Kampagnen vor den Parlaments- und Präsidentenwahlen in wenigen Monaten bereits begonnen. Die Opposition wirft der Regierung und dem um seinen Machterhalt kämpfenden Präsidenten, Recep Tayyip Erdogan, vor, in 20 Jahren an der Macht wenig bis nichts gegen die Missstände in der Bauwirtschaft unternommen zu haben. Zu oft werden in dem Land, das als Erdbebengebiet bekannt ist, Bauvorschriften umgangen.

Nun sind zehntausende Häuser zerstört und etwa eine Million Menschen obdachlos. Die Zahl der insgesamt von den Erdbeben betroffenen Personen ist ein Mehrfaches davon. Die Schäden gehen in dutzende Milliarden Euro.

Nadelöhr Grenze

Noch unübersichtlicher ist die Lage im Nordwesten Syriens, das ohnehin vom jahrelangen Krieg gezeichnet ist. Das Beben traf sowohl Gebiete, die von Rebellengruppen gehalten werden, als auch jene, die die Regierung kontrolliert. Die internationale Unterstützung wird außerdem massiv dadurch erschwert, dass lediglich ein Grenzübergang zwischen der Türkei und Syrien geöffnet war.

Zur Verbesserung der humanitären Hilfe will Machthaber Bashar al-Assad zwei weitere Übergänge in die Türkei passierbar machen lassen. Diese sollten für drei Monate geöffnet werden, berichtete UN-Nothilfekoordinator Martin Griffiths dem UN-Sicherheitsrat mehreren Diplomaten zufolge. Zuvor hatte Griffiths bei seinem Besuch in Aleppo Versäumnisse bei der Unterstützung der syrischen Bevölkerung eingeräumt. Mittlerweile passierte ein weiterer UN-Hilfskonvoi erstmals einen der neuen Grenzpunkte zwischen der Türkei und Syrien, wie die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf die Vereinten Nationen meldete. Offen bleibt, welchen politischen Preis Assad für sein Zugeständnis einfordern wird.