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"Sex, Drogen und die Revolution"

Von Veronika Eschbacher aus Kiew

Politik

Radikale Demonstranten sind die große Unbestimmte in dem Konflikt.


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Kiew. "Er ist da, er ist da!" Vadim hüpft vor Freude in die Luft und rast in der nächsten Sekunde aus dem gut gewärmten Zelt auf dem Maidan. Vor Aufregung steigt er dabei dem kleinen Schäferhündchen, das auf den Namen "Maidan" hört und von den Demonstranten aufgenommen wurde, versehentlich auf die Vorderpfote. Als dieses noch vor Schmerzen quietscht, ist Vadim aber schon längst beim Auto von Andrej angelangt und zieht schwer schnaubend zwei prall gefüllte Säcke aus dem Kofferraum. "Das sind Stahlhelme aus den 1940er Jahren, richtige, nicht so Plastikdinger, wie wir sie vom Revolutionsstab bekommen haben", freut sich Vadim und reibt sich die Hände.

Zum Dank lädt er Andrej ins Zelt. Der Kiewer ist nicht zum ersten Mal hier. Seit Beginn der Proteste hat er Waren für gut 50.000 Dollar hierhergebracht - rund 3000 Dollar stammen von ihm, er koordiniert aber auch andere Unterstützer, die aus Furcht vor Repressionen selbst nicht auf das Protestgelände im Zentrum Kiews kommen wollen. Waren es anfangs noch Lebensmittel, Baumaterialien oder Aufkleber und Fahnen, so fordern die Demonstranten seit den gewaltsamen Zusammenstößen immer mehr "Amunizija" - Soldatenausrüstung. "Alles außer Waffen, versteht sich", sagt Andrej.

Der hervorragend gekleidete Mittvierziger, der leise und behutsam spricht, während er die Finger links und rechts des Pappbechers mit Tee rasten lässt, erzählt davon, warum er so viel Zeit und Mühen für den Maidan aufwendet. "Es ist mehr als an der Zeit, dieses Banditen-System abzuschaffen", sagt er. Es betreffe jede seiner Firmen und auch die, an denen er nur Teilhaber ist. "Otzhim" ist das Wort dafür. Es kommt von "otzhimat" - russisch für abpressen.

"Erst wird unter dem Vorwand, ‚Beistand‘ zu leisten, eine Person in dein Unternehmen gesetzt", erklärt Andrej. Diese sehe sich in Ruhe an, wie das Geschäft laufe. Danach werde die Summe festgelegt, die - ohne Beeinträchtigung der Geschäftstätigkeit - aus dem Unternehmen abgezogen werden könne. "Aber Geld abzugeben ist noch das geringere Übel. Wenn sie wirklich an der Firma interessiert sind, erpressen sie dich, diese für einen lächerlichen Preis zu verkaufen, auf eine andere Person zu registrieren oder Aktienpakete abzutreten", erzählt Andrej und zieht die Schultern hoch. Wer nicht mitspiele, dem werde eine Anzeige bei der Steuerfahndung angedroht. "Da kommt man nicht mehr aus." Business in der Ukraine sei eine Kette von Rechtsbrüchen - auch, weil die Gesetze hier einander alle widersprächen. "Es ist also bloß eine Frage der Zeit, bis sie etwas finden." Das Vermögen lande zumeist in Firmengeflechten rund um Präsidenten Wiktor Janukowitsch und seiner Mitstreiter.

Einer der jungen Männer, die im Zelt wohnen, springt plötzlich von seiner Holzpritsche, sodass der aufgeschnittene Käse und die selbstgebackenen Süßigkeiten auf dem kleinen Tisch wackeln. "Wir brauchen eine Änderung des ganzen Systems!", ruft er, und die Aufregung legt trotz Maske verfaulte Vorderzähne frei. Das Unrecht beginne schon im Kleinen. Wenn etwa Obdachlose und Jugendliche verbotenerweise auf öffentlichen Plätzen Alkohol trinken, würden die Polizisten sicherlich die jungen Leute einkassieren und bestrafen. "Bei denen ist was zu holen. Wo nichts zu holen ist, schreiten sie nicht ein", erklärt der "Biker". Beim Namen nennen sich die Männer nicht mehr, aus Sorge vor Mitarbeitern des Geheimdiensts, die sie belauschen könnten.

"Klitschko tanzt doch nur"

Andrej ist der Einzige im Zelt, der nicht vermummt ist. "Sie schreiben zwar die Autonummern der Leute auf, die die Demonstranten unterstützen", sagt er. "Aber ich bin ein zu kleiner Fisch, sie interessieren sich eher für die großen." Diejenigen, die Leuten aus dem ganzen Land helfen würden, auf den Maidan zu kommen. An Kontrollpunkten auf den Zufahrtsstraßen zu Kiew würden die Personalien von Menschen aus den Regionen aufgenommen, Busse ständig gestoppt und den Fahrern die Fahrzeugpapiere abgenommen.

"Wir brauchen die EU", sagt Vadim. Auch wenn er sich bisher zurückgehalten hat, ist er der Kopf der knapp zehn Männer, die in dem Zelt wohnen. Zu welcher Unterorganisation am Maidan er gehört, will er partout nicht preisgeben. "Wir wollen Rechtsstaatlichkeit und Demokratie, dafür kämpfen wir hier", sagt er und ballt die Hand zur Faust. Und während er Parolen drischt, die jedem Europäer das Herz höher springen lassen, schenkt hinter ihm der "Lehrer" Wodka in Plastikbecher. Eigentlich gelte am Maidan strengstes Alkoholverbot, aber wenn man Gäste habe, müsse man schon eine Ausnahme machen. "Auf Sex, Drogen und die Revolution", rufen die jungen Männer und stoßen an.

Und als Andrej schon längst wieder auf dem Heimweg ist, wälzen sie, inmitten der neuesten Mitbringsel, wieder Pläne. Sie träumen davon, das Land "auf den Kopf zu stellen". Zwei Pistolen haben sie schon, und unter dem, was für Tagesbesucher am Maidan Müllhaufen bei einem Eingang sind, liegen gut 70 Molotow-Cocktails, die sie im Schutz der Dunkelheit voller Stolz zeigen. Untertags werden sie von tschetschenischen Ex-Söldnern oder Afghanistan-Veteranen im Straßenkampf trainiert. "Witali Klitschko kommt doch nur auf den Maidan, um zu tanzen", sagen die Männer. Die bisherigen Zugeständnisse reichen ihnen nicht, den Neuigkeiten über die am Dienstag kolportierten Neuwahlen stehen sie skeptisch gegenüber. "Wir sind friedlich", beteuern sie immer wieder. Wenn aber nicht bald entscheidende Schritte passieren, wollen sie die Sache selbst in die Hand nehmen. Ob sie angeheitert nur fantasieren und Wichtigtuer sind, erschließt sich nicht. Auf Krawall gebürstet sind sie allemal.