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Shall we?

Von Lea Luna Holzinger

Politik

Theater plant moderne Produktion jenseits von Shakespeare und Wilde.


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Wien. Generationen von Schülern pilgerten mit ihren ambitionierten Englischlehrern in die Porzellangasse 8 im Alsergrund. Hier im Vienna International Theatre sollten sie jene Sprache live erleben, die sie nur aus spröden listening comprehensions, assignments und presentations kannten. Mit Hilfe von William Shakespeare, Oscar Wilde oder Jane Austen sollten sie ihr Englisch verbessern. Mehr als drei Jahrzehnte gab es das Theater im 9. Bezirk. 2012 musste es zusperren. Die Leiterin des seit 1980 bestehenden Theaters, Marilyn Wallace, ging in den Ruhestand.

Eine junge Theatertruppe übernahm danach die Tradition des englischen Theaters. Die "Open House Theatre Company" wurde von Eric Lomas gegründet, der zuvor sechs Jahre beim International Theatre gearbeitet hatte. Seiner Meinung nach fehlte dem Haus die Innovation. Als das Theater gegründet wurde, habe das International Theatre einen großen Aufwind gehabt, da es etwas komplett Neues war. "Doch die sind auf dieser Welle weitergeritten und haben nicht geschaut, was das Publikum will, sondern haben alle fünf Jahre dieselben Stücke gespielt", sagt Lomas.

Er will es mit seiner Company anders machen. Die Arbeit soll auf dem basieren, was das International Theatre gemacht habe, aber es soll jung und dynamisch sein. Als Lomas vor zwölf Jahren mit der Schauspielerei begann, war es sein Traum, ein eigenes Theater zu haben. Er machte seine Schauspielausbildung in England. Da sein Vater Österreicher war, pendelte die Familie zwischen England und Österreich. Als er vom International Theatre ein Jobangebot bekam, zog er nach Wien. "Es ist ein guter Ort um stecken zu bleiben", meint Lomas. Er spielte in englischen, aber auch in deutschen Produktionen mit. Dabei habe er große Unterschiede bemerkt.

Den Text zu können, ist verpönt

Besonders der Zugang zur Probenarbeit sei beim deutschsprachigen Theater ganz anders. Es werde verlangt, dass die Schauspieler bei der ersten Probe den Text beherrschen. Auf englischen Bühnen sei das laut Lomas hingegen ganz verpönt. "Auf keinen Fall den Text lernen - dann ist man schon so eingeschränkt und kann nicht auf das reagieren, was einem der Schauspielpartner anbietet." Auf der Bühne würde man mitunter diesen unterschiedlichen Zugang sehen. Es würde deutlich, dass auf deutschsprachigen Bühnen vieles vorgegeben sei und nicht organisch gewachsen.

Das möchten Lomas und die drei anderen Mitglieder der "Open House Theatre Company" vermeiden. Sie wollen dem Publikum auf Augenhöhe begegnen. "Wir wollen nicht mit erhobenem Zeigefinger eine Moral aus den Stücken herausheben, sondern dem Publikum die Möglichkeit geben, sich selbst ein Bild zu machen", sagt Lomas.

Insgesamt müsse man dem Publikum viel mehr zutrauen und nicht alles schön verpacken. Das sei der Grundgedanke der "Open House Theatre Company". Deshalb gebe es auch keine "wahnsinnigen Bühnenbilder". Die Kulisse ist nur angedeutet, den Rest muss sich das Publikum selbst dazudenken. Genau deshalb seien die Stücke der Company bei jungen Leuten beliebt, meint Lomas. Wie zuvor das International Theatre besuchen viele Schulklassen die Stücke der Company. Doch auch viele Senioren seien unter den Zuschauern. Viele von ihnen hätten einen Englischkurs an der Volkshochschule besucht und wollten nun schauen, wie gut ihre Sprachkenntnisse sind.

Das International Theatre führte jedes Jahr zur Weihnachtszeit das Stück "A Christmas Carol" von Charles Dickens auf. Diese Tradition führt die "Open House Theatre Company" weiter. "Es kommen viele Erwachsene, die vor dreißig Jahren ,A Christmas Carol‘ zum ersten Mal sahen und sich nun das Stück mit ihren Kindern anschauen", erzählt Lomas.

Die Company wagt sich auch an neue Stücke heran: Im März hat das Stück "The Timekeepers" von Dan Clancy Premiere. Dabei geht es um einen jüdischen Häftling, der im KZ Sachsenhausen Uhren reparieren soll. Ihm wird ein homosexueller Häftling zur Seite gestellt. Zwischen den beiden entsteht eine angespannte Situation, da jeder den anderen, für das, was er ist, verachtet. Schließlich entwickelt sich jedoch ein Vertrauen, das zu Freundschaft führt.

Lomas spielt den homosexuellen Häftling. Für ihn ist das Interessante an dem Stück, das es sich nicht um eine Schilderung von Gräueltaten handelt, sondern um die Geschichte zweier Menschen. "Dass man zwei Einzelschicksale herausgreift, betrifft einen viel mehr, als wenn man die zehnte Dokumentation über Auschwitz sieht - obwohl das auch packend und ergreifend ist."

Da die "Open House Theatre Company" kein Theaterhaus hat, werden die Stücke an verschiedenen Orten aufgeführt. Im Februar hat das Stück "The Picture of Dorian Gray" von Oscar Wilde im Café Prückel am Stubenring Premiere.

Eine Weltstadt braucht ein englisches Theater

Anfangs überlegte die Company, das Theaterhaus des International Theatres im Alsergrund zu übernehmen. Diesen Gedanken hätten sie allerdings schnell verworfen. Einerseits aus finanziellen Gründen, andererseits habe Lomas während seiner Zeit beim International Theatre gemerkt, dass oft Stücke aufgeführt wurden, die nicht in den Raum gepasst hätten. "Wir suchen ein Theater, das zum Stück passt, und versuchen nicht ein Stück irgendwie so hinzubiegen, dass es auf eine bestimmte Bühne passt."

Die "Open House Theatre Company" ist nicht alleine auf dem Markt des englischen Theaters in Wien. Da gebe es noch das "Vienna’s English Theatre" oder das "Vienna Theatre Project." Lomas sieht sie nicht als Konkurrenz. Man betrachtet die englischen Theater Wiens als eine Community. Lomas ist ein Verfechter der Vielfalt - besonders des englischen Theaters in Wien: "Es wäre eine Schande, wenn es in Wien als Weltstadt kein englischsprachiges Theater gäbe."