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Showdown bei Start-up-Finanzierer SVB

Von Julian Kern

Wirtschaft

Für 30.000 Start-ups galt die Silicon Valley Bank in Zeiten der ultralockeren Geldpolitik als wichtiger Financier.


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Finanzdienstleister, Streamingdienste, Spieleplattformen und viele mehr: Der Kundenstamm der am vergangenen Freitag pleitegegangenen Silicon Valley Bank (SVB) war groß. Jahrelang galt die Technologiebranche als Wachstumsmotor für die US-Wirtschaft und brachte die globalen Player Amazon, Google, Facebook oder Apple hervor. Die Silicon Valley Bank unterstützte mehr als 30.000 Start-ups, die ihre Geschäfte über die sechzehntgrößte US-amerikanischen Bank mit Sitz in Santa Clara abwickelten. Am Freitag wurde die Bank nach rund 40 Geschäftsjahren geschlossen. Bis kurz vor ihrem operativen Ende verwaltete die Bank Einlagen im Wert von 175 Milliarden US-Dollar.

Das Ende der SVB ist somit die größte Bankenpleite seit dem Untergang von "Washington Mutual" im Jahr 2008. Als die Investmentbank "Lehman Brothers" vor vierzehneinhalb Jahren Insolvenz angemeldet hatte, überschlugen sich die Ereignisse: Die US-Immobilienblase platzte und das Vertrauen der Banken untereinander wurde stark beschädigt. Nun geht mit dem SVB-Zusammenbruch die Sorge vor einem ähnlichen Flächenbrand um.

Geschäftsmodell versus Zinswende

Dass es zum "game over" der Bank aus Kalifornien kam, hängt laut Experten vor allem mit deren Geschäftsmodell zusammen. Ausgerichtet auf die Nullzinspolitik der letzten Jahre soll dieses in etwa so ausgesehen haben: Mit den Einlagen der Start-ups kauften die Banker vor allem Bundesanleihen mit oft langer Laufzeit. Geringes Kreditrisiko traf dabei auf hohes Zinsrisiko. Denn wenn die Zinsen steigen, fallen die Preise für festverzinsliche Wertpapiere. Und die Zinsen sind gestiegen: Der sprunghaft ansteigenden Inflation infolge der Corona-Pandemie und des Krieges in der Ukraine versuchen die Währungshüter weltweit mit dem Anheben der Leitzinsen entgegenzuwirken.

In den USA hat die Notenbank Federal Reserve (Fed) die Zinsen mittlerweile so stark angehoben wie seit den frühen 1980er-Jahren nicht mehr. Das aktuell bei einer Spanne von 4,50 bis 4,75 Prozent liegende Zinsniveau strahlt dabei in viele Bereiche aus. In den vergangenen Monaten kam es nicht nur zu Ausverkäufen bei Technologieaktien, auch Kryptowährungen sowie amerikanische und britische Immobilienfonds gerieten teils massiv unter Druck.

Cash statt Fremdkapital

Dieses Umfeld macht es Tech-Start-ups derzeit schwer, Fremdkapital durch wohlhabende Investoren, Investmentbanken und anderen Finanzinstituten zu lukrieren, weshalb viele Unternehmen auf ihr rasch verfügbaren Einlagen angewiesen sind. Um die Kunden auszahlen zu können, musste die SVB Anleihen verkaufen und dadurch Milliarden-Verluste in Kauf nehmen. Bevor an einem einzigen Tag 42 Milliarden Dollar an Einlagen abgehoben wurden und die kalifornische Aufsichtsbehörde dem Institut den Stecker zogen, sollen berechtigte Mitarbeiter allerdings noch ihre Leistungsprämien erhalten haben.

Seit dem Wochenende versuchen die US-Behörden nun, die Anleger mit einer Reihe von Maßnahmen zu beruhigen. Sämtliche Einlagen der Silicon Valley Bank sollen geschützt werden, wie die US-Notenbank Federal Reserve (Fed), der Einlagensicherungsfonds FDIC und das Finanzministerium am Sonntag gemeinschaftlich mitteilten. US-Präsident Joe Biden bekräftigte dies am Montag: "Die Amerikaner können darauf vertrauen, dass das Bankensystem sicher ist. Ihre Einlagen werden da sein, wenn Sie sie brauchen."

Die US-Notenbank möchte vor allem mit einem neuen Kreditprogramm der Gefahr einer größeren Finanzkrise entgegenwirken. Mit der neu geschaffenen Kreditlinie Bank Term Funding Program (BTFP) sollen Banken auch in Zeiten von Marktstress ausreichend Liquidität erhalten. Bis zu 25 Milliarden Dollar aus dem Börsenstabilisierungsfonds sollen als Backstop für den BTFP zur Verfügung stehen. Unklar ist indes, ob sich die Fed an ihren ursprünglichen Plan, den Leitzins zur Wochenmitte um einen weiteren halben Prozentpunkt anzuheben, halten wird.

Märkte europaweit nervös

Unruhe machte sich in der Zwischenzeit auch in Europa breit: Die Deutsche Bundesbank berief am Montag ihren Krisenstab ein, um die möglichen Auswirkungen auf den lokalen Markt zu bewerten, auch wenn in Europa keine Notfallmaßnahmen vorgesehen waren. Die Schweizer Finanzaufsichtsbehörde FINMA erklärte, sie beobachte die Situation rund um die gescheiterten US-Kreditinstitute genau und sondiere den Kapitalmarkt nach Anzeichen für weitere Ansteckungen durch den Zusammenbruch der Banken.

Die größte europäische Bank HSBC informierte unterdessen am Montag über ihre Kaufabsicht für den britischen Zweig der SVB zum Preis von einem symbolischen Pfund. Nach eigenen Angaben verfügte die Silicon Valley Bank UK am 10. März über Kredite in Höhe von rund 5,5 Milliarden Pfund und Einlagen in Höhe von rund 6,7 Milliarden Pfund. Die SVB ist im Vereinigten Königreich zwar nur sehr klein vertreten, mit dem Scheitern der Silicon Valley Bank wuchs auf der Insel dennoch die Sorge vor einem Zusammenbruch der britischen Start-up-Industrie.

Der Crash der kalifornischen Silicon Valley Bank hat den Bankensektor nach unten gerissen und die Aktienmärkte erschüttert. Der europäische Banken-Index sackte mehr als sechs Prozent ab, nachdem er bereits am Freitag 3,8 Prozent verloren hatte. Unter die Räder geriet vor allem die Commerzbank, die in Frankfurt um 12 Prozent abstürzte. Die an der Londoner Börse notierte HSBC fiel um rund vier Prozent, nachdem das Bankhaus angekündigt hatte, die britische Tochtergesellschaft der Silicon Valley Bank zu übernehmen.

Tiefrote Bankwerte

Der deutsche Leitindex DAX rutschte zum Start der Woche um knapp 3 Prozent und beendete den Handel mit knapp weniger als 15.000 Punkten. Der EuroStoxx büßte ähnlich stark auf 4100 Zähler ein. Besonders hart traf es auch den ATX. Der heimische Leitindex ging mit einem Minus von knapp 4 Prozent aus dem Handel. Tiefrot zeigten sich auch in Wien die Bankwerte. So waren Bawag-Aktien mit einem Minus von knapp 9 Prozent das klare Schlusslicht im prime market. Erste Group büßte 5,5 Prozent ein, Titel der Raiffeisen Bank International verloren 3,7 Prozent.

In den USA eröffneten die großen US-Indizes zwischen 0,3 und knapp ein Prozent schwächer, machten einen Teil der Verluste aber in den ersten Handelsminuten wieder wett. Unter Druck gerieten vor allem die US-Banken. Die Verluste bewegten sich bei den Großbanken JPMorgan, Wells Fargo, Morgan Stanley, Citigroup und Bank of America zwischen 1,6 und 6,0 Prozent. Bei kleineren Banken waren die Anleger zum Teil noch nervöser.