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Showdown im Märchenschloss

Von Walter Klier

Wissen

Der amerikanische Kriegshistoriker Stephen Harding hat eine unglaubliche, aber wahre Geschichte recherchiert: Wie Wehrmacht und US-Truppen in den letzten Kriegstagen in Tirol gemeinsam gegen die SS kämpften.


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Wir schreiben Anfang Mai 1945. Das Deutsche Reich hat noch nicht kapituliert, doch seine Streitkräfte befinden sich bereits in völliger Auflösung. Die alliierten Armeen stoßen aus allen Richtungen vor, der Alptraum soll so schnell wie möglich ein Ende finden. Doch noch immer gibt es deutsche Truppen, die weiterkämpfen, nicht zuletzt im westlichen Österreich, jenem Gebiet, das die gerüchteumwobene "Alpenfestung" beherbergen soll.

Dass diese eine eher phantomhafte Existenz führt, ist zu diesem Zeitpunkt niemandem so recht klar. Und so gehen auch die amerikanischen Truppenteile, die in den ersten Maitagen Kufstein erreicht haben, vorsichtig ans Werk, auch wenn Innsbruck bereits befreit ist - und das Ende in Sicht. Zur selben Zeit formiert sich in Wörgl der österreichische Widerstand und findet mit dem Major Sepp Gangl, der mit ein paar versprengten Kameraden auf dem Rückzug hier gelandet ist, einen versierten militärischen Leiter. Die deutschen Truppen ziehen sich weiter zurück, doch die Befreiung von Wörgl steht auf wackligen Beinen.

Die ganze Gegend steckt voller gut bewaffneter Einheiten der SS-Division "Götz von Berlichingen", die trotz ihrer hoffnungslosen Lage offenbar zum Letzten entschlossen sind. Im Detail weiß aber kein Mensch, wer welche Gebiete unter Kontrolle hat, wo allfällige Frontlinien verlaufen oder wie es um Bewaffnung und Motivation der Rest-Wehrmacht steht. Und überdies ist das Land voll mit Flüchtlingen aus aller Herren Länder . . .

Inmitten dieses Durcheinanders sitzt wenige Kilometer weiter in dem idyllisch abseits der Verkehrswege gelegenen Schloss Itter eine Gruppe gefangener französischer Politiker und zittert um ihr Leben. Itter, eine alte Burg, um 1880 als historisierendes Märchenschloss wiederaufgebaut, mit illustren Gästen wie Richard Wagner oder Tschaikowski, fungierte in den 1920er Jahren als Luxushotel.

Die Nazis richteten hier ein "Außenlager" des KZ Dachau ein, um prominente Häftlinge unterzubringen, damit sie als Geiseln sozusagen greifbar waren. Darunter waren Édouard Daladier, der vorletzte Premierminister der französischen Republik, Paul Reynaud, deren letzter Premier, Maurice Gamelin, der als Generalstabschef die militärische Niederlage von 1940 verantwortete, sein Nachfolger im Amt, Maxime Weygand, oder aber der Gewerkschaftsführer Léon Jouhaud mit seiner Lebensgefährtin.

Es handelte sich also um lauter Prominente, und lauter politische Gegner, die hier in erzwungener Gemeinsamkeit auf engstem Raum zusammenleben mussten. "Wir können uns nur ausmalen, zu welch hitzigen Wortgefechten es zwischen diesen einst mächtigen und noch immer gekränkten Persönlichkeiten kam und welche Freude die Deutschen am Gezänk der Gefangenen und daran hatten, dass diese sich entlang politischer Überzeugungen entzweiten und einander so weit wie möglich aus dem Weg gingen", schreibt Stephen Harding in "Die letzte Schlacht". Man kann auch vorwegnehmen, dass die Zwistigkeiten durch die gemeinsame Haftzeit und die dramatischen Umstände der Befreiung keineswegs beendet wurden, sondern nach dem Krieg munter weitergingen, genau genommen etwa fünf Minuten, nachdem ihnen das Leben gerettet worden war.

Tollkühne Rettung

Am 30. April traf zu allem Überfluss auch noch der letzte Dachauer Lagerkommandant mit seinem Gefolge hier ein, der sich am 2. Mai erschoss. Dies war für den Schlosskommandanten offenbar ein deutliches Signal dafür, dass die Sache wirklich schlecht stand; am Morgen des 4. Mai lief er zusammen mit den Wachmannschaften auf und davon.

So schwebten die internierten Franzosen plötzlich in höchster Lebensgefahr: deren aufgrund der geschilderten Umstände riskante, geradezu tollkühne Rettungsaktion bildet das Kernstück von Stephen Hardings Buch. Es ist die Geschichte einer Handvoll ungemein mutiger Männer, die dabei ihr Leben aufs Spiel setzten. Das geschieht im Krieg unablässig; angesichts des zum Greifen nahen Endes berührt es einen aber noch stärker. Jeder der Beteiligten hätte sich aus dem Staub machen oder ein bisschen zuwarten können, denn wer stirbt schon gerne als Letzter in einem Krieg; dass es der mörderischste aller Zeiten war, macht für den Einzelnen nicht wirklich einen Unterschied.

Anhand dieses Buches erklärt sich ein weiteres Mal die ungebrochene Faszination von Kriegsgeschichten: bei allem Pazifismus und dem frommen Wunsch, die Menschheit möchte endlich einmal zu friedlicheren Formen der Konfliktbearbeitung finden, kann es einen nicht kalt lassen, wie Menschen in solchen Extremsituationen sich verhalten, in denen es in jedem Augenblick um das nackte Leben geht und Begriffe wie Verantwortung, Moral und geradezu Gut und Böse plötzlich eine so handgreifliche Gestalt annehmen. Im Fall der "letzten Schlacht" gründet die Faszination nicht zuletzt in der ungewöhnlichen Mischung von Menschen, die sich da ad hoc zusammenfinden, um unter Hintanstellung der eigenen Gemütlichkeit die Rettung der französischen Gefangenen ins Werk zu setzen.

Da ist der serbische KZ-Häftling Zvonimir Cuckovic, als Hilfskraft auf Schloss Itter eingeteilt. Er schlägt sich unter Lebensgefahr nach Innsbruck durch, um die dort bereits etablierten Amerikaner um Hilfe zu bitten. Der polnische Koch Andreas Krobot schafft es nach Wörgl, wo sich der erwähnte Sepp Gangl, Karrieresoldat der Wehrmacht und bis dato braver Nationalsozialist, bereit erklärt, mit seinem Unteroffizier die Fahrt nach Kufstein zu wagen. Das heißt: im Kübelwagen in voller Montur durch die Straßensperren deutscher Truppen und im genau richtigen Moment die weiße Fahne auspacken und hoffen, dass die Amerikaner nicht zuerst schießen - und erst dann fragen.

Mit nur einem Panzer

Der Bravourakt gelingt. Jack Lee, Kommandant einer Panzerkompanie, erklärt sich sofort bereit, die Rettungsmission zu leiten, und im Endeffekt trifft eine höchst ungewöhnliche, aus amerikanischen GIs, Wehrmachtssoldaten und Tiroler Widerstandskämpfern zusammengewürfelte Truppe mit einem (!) Panzer auf dem Schloss ein, wo, um die Mischung komplett zu machen, sich auch noch SS-Hauptsturmführer Kurt-Siegfried Schrader befindet, der sich dem Widerstand angeschlossen hat. Er bestätigt, was alle schon befürchtet haben: In der Gegend wimmelt es von schwer bewaffneten und immer noch zum Kampf bereiten SS-Verbänden, die es jedenfalls auf eines abgesehen haben, nämlich sich der Prominenz von Schloss Itter zu bemächtigen.

Nun galt es die Verteidigung gegen die phantomhaft in den Wäldern herumgeisternde SS zu organisieren, deren Angriff tatsächlich nicht lange auf sich warten lässt. Die "letzte Schlacht", tatsächlich die letzte größere Kampfhandlung des Krieges auf europäischem Boden, beginnt am frühen Morgen des 5. Mai und dauert zwölf lange Stunden voll nervenzerfetzender Dramatik.

Der vor dem Schlosstor postierte Panzer geht in Flammen auf, die Munition zur Neige, es gibt Verwundete und einen Toten - den Major Gangl -, und im Lauf des Nachmittags wird die Lage zunehmend brenzliger, endlich unhaltbar. Buchstäblich und filmreif in letzter Sekunde, als die SS-Soldaten schon zum Sturm auf die Schlossmauer ansetzen, hört man plötzlich aus dem nahe gelegenen Dorf automatische Waffen und Panzerkanonen. Sekunden später, als ein amerikanischer Panzer am oberen Ende des Schlosswegs stehenbleibt, ist der Spuk vorbei.

Second Lieutenant Jack Lee setzt eine filmreife Pointe an den Schluss des Abenteuers: "Lee tat so, als sei er verärgert, blickte dem jungen Panzersoldaten in die Augen und fragte nur: Was zum Teufel hat euch aufgehalten?"

Ein paar Tage später ist alles zu Ende, allerdings nicht gerade so, als sei nichts gewesen. Wie Jack Lee es Jahre später formulieren wird: "Es war schlicht das Ungewöhnlichste, was ich je erlebt habe." Aus ihm, dem frechen, wagemutigen Kerl auf seinem Panzer, dem jungen Helden der Erzählung, wird später - nichts. Beruflich erfolglos, säuft er sich irgendwann in den fünfziger Jahren buchstäblich zu Tode.

Solche Geschichten kann man nicht erfinden, sondern nur finden. Bei dieser hat der himmlische Drehbuchschreiber sich in jeder Hinsicht ganz besondere Mühe gegeben, und der amerikanische Kriegshistoriker Stephen Harding hat sie mit großem Gusto für uns in Buchform gebracht. Er verfügt über die bekanntlich bei englischsprachigen Sachbuchautoren verbreitete Fertigkeit, anschaulich und spannend zu erzählen, ohne dabei auf die Fakten und historischen Querbezüge zu vergessen. Er verzichtet auf Belehrungen und sonstiges Moralisieren, und überlässt es im Wesentlichen dem Leser, sich Gedanken über die Motivation der handelnden Personen in seiner Geschichte zu machen. Und diese Geschichte bietet Stoff dazu, mehr als genug.

Walter Klier lebt als Schriftsteller und Maler in Innsbruck.

Stephen Harding
Die letzte Schlacht
Als Wehrmacht und GIs gegen die SS kämpften. Aus dem Englischen von Andreas Wirthensohn. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2015, 319 S., 25,60 Euro.