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"Sie rettet mich, nicht ich sie"

Von Bettina Figl

Politik

Wohnraum für Flüchtlinge dringend gesucht - Simon Hadler erzählt, wie eine syrische Mitbewohnerin seinen Alltag bereichert.


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Wien. Wir befinden uns auf einem alten Bauernhof im Burgenland: Unter einem Nussbaum rauchen junge Männer und Frauen Shisha, am Lagerfeuer werden syrische Volkslieder und - was anderes ist den Österreichern nicht eingefallen - Ambros’ "Schifoan" gesungen. Auf den Heurigentischen stapeln sich fluffige Spinattaschen, gekochte Hühnerhaxen und dampfender Reis mit Mandeln und Rosinen. Würde man einen Werbefilm zu gelungener Integration drehen wollen, sollte man sich an Simon Hadler wenden.

Die oben beschriebene Szene hat sich zu Hadlers Geburtstags abgespielt, es war zugleich ein Willkommensfest für seine neue Mitbewohnerin: Im Juli 2015 ist die 28-jährige Alima mit ihrem neun Monate alten Baby in die Wiener Wohnung der Hadlers eingezogen. Seither teilen Hadler, seine Frau und die 13- und 15-jährigen Söhne ihre Altbauwohnung mit Alima und ihrem Kind. Das Ehepaar ist in ein Kabinett mit Hochbett gezogen, das Schlafzimmer wurde zum Mutter-Kind-Zimmer. Vorab gab es ein Kennenlernen, bei dem es gleich "Klick" gemacht habe, sagt Hadler: Die Familie und Alima verstanden sich blendend auf Anhieb.

Hadler ist Journalist bei orf.at, wo er den "Faktencheck" veröffentlicht hat. Dieser Bericht, in dem er sachlich und klar mit Mythen in der Flüchtlingsdebatte aufräumt, wurde in den sozialen Netzwerken hunderttausend Mal geteilt. Aus seinen Besuchen in Traiskirchen und dem Flüchtlingslager Saatari in Jordanien sind eindrückliche Reportagen entstanden, seit dieser Woche liegen seine Recherchen und Erkenntnisse als E-Book vor. In "Die Angst vor dem ‚Ansturm‘" (Hanser Verlag) erklärt er, warum es wenig bringt, Hasspostern Analphabetismus vorzuwerfen, wie man der Angst vor dem Fremden durch persönlichen Kontakt den Wind aus den Segeln nimmt und warum es wichtiger wäre, eher Zeit- und Wohnraum zu spenden als Sachgüter.

Leid, Tod und Schmerz

Flüchtlinge waren in Hadlers Leben immer schon präsent; seine Kindergartenjahre hat er in Jordanien verbracht, wo er mit seinem Vater Flüchtlingslager besucht hat, später sind sie während der Kriegsjahre nach Jugoslawien gefahren. "Permanent mit Leid, Tod und Schmerz konfrontiert zu sein macht traurig", sagt Hadler. Wenn er nun nach Hause kommt, trifft er oft auf Alima, die gemeinsam mit ihrer besten Freundin am Küchentisch sitzt, lacht und Geschichten von Familien und Freunden erzählt.

"Das rettet mich vor dem ganzen Elend", sagt Hadler, der sich nicht in der Rolle des Retters sieht: Bei Behördenwegen würden Alima eher ihre syrischen Freunde unterstützen, das Zusammenleben gestalte sich gemeinschaftlich und unterscheide sich kaum von einer gewöhnlichen Wohngemeinschaft. Einmal kocht Alima, dann kochen die Hadlers. Und während in den ersten Wochen noch mit Händen, Füßen und dem Wörterbuch kommuniziert wurde, spricht Alima inzwischen etwas Deutsch, Hadler einige Worte Arabisch.

Doch wie gestaltet sich der Alltag mit traumatisierten Menschen? "Wir haben ein falsches Bild über den Umgang mit Leid", sagt Hadler. Kein einziger der Flüchtlinge, mit denen er gesprochen hat, sei vor ihm in Tränen ausgebrochen.

Aber auch er hatte Zweifel, wie sich das Zusammenleben gestalten wird, so Hadler. Wird er sich in seiner eigenen Wohnung nicht mehr so frei bewegen können? Die Vorbehalten hätten sich in Luft ausgelöst; Hadler beschreibt Alima als aufgeweckte, moderne Frau. Wäre sie gefragt worden, hätte sie auch einem Interview zugestimmt, glaubt Hadler, doch er wollte sie nicht in die Situation bringen, sich verpflichtet zu fühlen ihre Lebensgeschichte zu erzählen - sie habe schon genug durchgemacht.

Das Innenministerium rechnet damit, dass bis Ende des Jahres 30.000 Betten zusätzlich gebraucht werden, und man hofft auf private Unterstützung. Diese Zahl bezieht sich aber nur auf jene Menschen, die in der Grundversorgung sind. Rechnet man jene hinzu, die einen positiven Asylbescheid haben oder bekommen, benötigen viel mehr Menschen eine dauerhafte Bleibe.

Am freien Wohnungsmarkt etwas zu finden, scheitert oft an bürokratischen Hürden: Vermieter verlangen einen Gehaltsnachweis, Arbeitgeber wiederum setzten einen festen Wohnsitz voraus. Viele Menschen wollen ihren Wohnraum anbieten, haben aber Vorbehalte: Bin ich dann für sie verantwortlich? Wie gestaltet sich das Zusammenleben? Darf man von Flüchtlingen Miete verlangen? "Das ist Ausmachungssache, wie in jeder WG", sagt Hadler. Menschen, deren Asylantrag noch läuft, haben 320 Euro pro Monat zur Verfügung, 120 Euro davon für Wohnzwecke. Nun haben der Verein "Vielmehr für Alle", die Österreichischen Hochschülerschaft und Respekt.net eine österreichweite Kampagne gestartet.

Wohnungsvermittler

Das Ziel: Mindestens 1000 Flüchtlinge privat in Wohngemeinschaften, bei Einzelpersonen, Paaren oder bei Familien unterzubringen. Durch den Verein gibt es die Möglichkeit, die fehlende Summe, die es von 120 Euro bis zur Gesamtmiete braucht, via Crowdfunding zu finanzieren. Während des Zusammenwohnens bleibt der Verein Ansprechpartner, begleitet bei Behördenwegen und übernimmt die Mediatorrolle. Die Kampagne soll die Bevölkerung animieren, Wohnraum zur Verfügung zu stellen - aber auch an die Bürgermeister geht ein Brief.

E-Book von Simon Hadler "Angst vor dem Ansturm"
"Flüchtlinge Willkommen" ist ein Projekt des Vereins "Vielmehr für alle" und vermittelt geflüchtete Menschen in Privathaushalte. www.fluechtlinge-willkommen.at und www.1000xwillkommen.at. Melden können sich sowohl Private mit Räumlichkeiten als auch Flüchtlinge auf der Suche nach einer Unterkunft. Auch auf der von ORF und NGOs gestarteten Plattform www.helfenwiewir.at werden Menschen, die Wohnraum zur Verfügung stellen wollen, und Flüchtlinge zusammengebracht.