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Sie wollten nur Spaß

Von Tamara Arthofer

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Tamara Arthofer
Tamara Arthofer ist Sport-Ressortleiterin.

Mit ihrer Räubersg’schicht haben die US-Schwimmer eine Grenze überschritten. Doch die Causa lehrt auch etwas über den Umgang mit Sportlern.


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Mit dem erhobenen Zeigefinger ist man schnell zur Hand. Mario Andrada wählte einen anderen Weg im Umgang mit der Affäre um vier US-Schwimmer rund um Superstar Ryan Lochte, die einen vermeintlichen Raubüberfall vom vergangenen Wochenende frei erfunden haben sollen, um damit einen von ihnen selbst begangenen Akt des Vandalismus zu vertuschen. Während sich das US-amerikanische Olympische Komitee kleinlaut entschuldigte, das Verhalten der vier Athleten in einer schriftlichen Stellungnahme "weder zu akzeptieren noch die Werte des US-Teams widerspiegelnd" nannte und über Sanktionen nachdachte, erklärte Andrada: "Wir müssen verstehen, dass diese Burschen Spaß haben wollten. Manchmal machst du Sachen, die du später bereust. Sie sind große Sportler, sie hatten ihren Spaß und haben einen Fehler gemacht. Aber das Leben geht weiter." Solche Nachsicht hätte man von vielen erwartet, am wenigsten aber von Andrada, dem Sprecher des Organisationskomitees. Rio stand ohnehin nicht nur, aber auch wegen der hohen Kriminalitätsrate unter enormer Beobachtung. Offenbar, darauf deutet jedenfalls alles hin, erlogene Berichte über einen Raubüberfall auf Athleten, der noch dazu - so deren erste Aussagen - von jemandem begangen worden sein soll, der als Polizist verkleidet war, schaden da enorm. Rio hat genug Probleme, da hätte es ein paar wildgewordene Sportler, die Öffentlichkeit und Behörden zum Narren halten, nicht gebraucht. Vielleicht wollte Andrada nur beschwichtigen, zum Abschluss der Spiele einen offenen Streit mit dem US-Team will man schließlich auch nicht riskieren. Vielleicht ist sein Verständnis aber zum Teil auch echt. Spitzensportler leben nicht selten in einer Blase, die, wenn Emotionen und Hormone überschäumen, schnell platzen kann. Wenn der Druck von vier Jahren Vorbereitung und dem einen, vielleicht alles entscheidenden Wettkampf abfällt, dazu womöglich nicht nur Sieges-Rausch die Sinne benebelt, brechen schon einmal die Dämme. Eigenverantwortung, bei Lochte und Co. offenbar nicht stark ausgeprägt, ist das eine. Doch auch das IOC, die Medien, die Gesellschaft sind nicht unschuldig daran: Olympia, das ist nicht nur sportlich Ausnahmezustand. Olympia wird zu einer Bühne stilisiert, auf der Heldensagas und Tragödien gleichermaßen aufgeführt werden, auf der die Sportler zu Marionetten diverser nationaler und wirtschaftlicher Bedürfnisse wider Willen avancieren. Zertrümmerte Hotelzimmer bei Rockstars gehören fast zum guten Ton, das Image von einem Leben voll von Sex, Drugs and Rock’n’Roll will gepflegt werden. Sportler aber müssen Vorbilder sein. Sie müssen an ihre Grenzen und darüber hinaus gehen, sie müssen in das Korsett passen, das irgendwer für sie geschneidert hat, müssen in einer Art Stellvertreterkrieg für ihr Land das Beste geben und dabei den Weltfrieden propagieren. Nur zu brav dürfen sie bitte auch nicht sein, dann sind sie als glattgebürstete und angepasste Langweiler abgestempelt. Das alles entschuldigt nicht das Verhalten der Schwimmer, die die Grenzen klar überschritten haben. Aus Spaß wurde Ernst, und der ist jetzt zu Recht bei den Behörden. Doch vielleicht ist die Causa auch ein lehrendes Beispiel: Superhelden sind auch Sportler nicht.