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Silberstreif am Horizont

Von Hermine Schreiberhuber

Politik

Kabul - Das Dach des riesigen Zeltes glänzt silbrig in der Abendsonne. Vom Vorplatz des Hotel Intercontinental öffnet sich der Blick auf das Zelt der Loya Jirga tief unten im Zentrum von Kabul, wo im Juni mehr als eintausend Repräsentanten Afghanistans über das künftige Schicksal des leidgeprüften Landes entscheiden werden. Zwischen Hoffen und Bangen - so präsentiert sich die afghanische Hauptstadt vor der Großen Ratsversammlung. Das Loya Jirga-Zelt wird zum sprichwörtlichen Silberstreif am Horizont.


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Noch herrscht Ruhe im Hotel Intercontinental, dem besten Hotel der Stadt, wo adäquate Herbergen nach westlichen Verhältnissen rar sind. Doch es ist wie die Ruhe vor dem Sturm. Tausende ausländische Beobachter, Organisationen wie Medien, haben sich zum Auftakt der Loya Jirga angesagt. Und im Vorfeld der Versammlung sind schon Tausende afghanische Flüchtlinge nach Kabul zurück gekehrt, bei Freunden und Verwandten Unterschlupf suchend, in der Hoffnung, die Loya Jirga werde ihnen eine Zukunft eröffnen.

Das Regierungs- und Diplomatenviertel in der City wirkt nicht so übel zugerichtet wie viele andere Stadtbezirke. Die großen Komplexe der US-Botschaft und der türkischen Botschaft ducken sich hinter massiven Mauern und Stacheldraht. Nur ein Gebäude, das als El-Kaida-Gästehaus galt, hat den exakten Treffer eines US-Marschflugkörpers abbekommen. Weiträumig ist das Umfeld der Residenz des Ex-Königs Mohammed Zahir gesichert, der zur Vorbereitung der Loya Jirga täglich Stammesführer empfängt.

An den Straßensperren wird offenkundig, dass die Tadschiken die eigentliche Macht in Kabul besitzen. Der ermordete Tadschiken-Führer Ahmed Schah Massud ist omnipräsent. Sein Bildnis, umrahmt von Plastikrosen, hängt über jedem Straßenposten und kontrastiert seltsam mit den raubärtigen, oft blutjungen Wächtern im Tarnanzug, die Kalaschnikow im Anschlag. Massud ist zu einem Heiligen, einem Märtyrer geworden. In Kabul heißt es, sein aus dem Ausland zurückgekehrter Bruder werde nun als politischer Führer aufgebaut.

Massuds Konterfei hängt aber auch in den Amtsräumen von Vizepremier und Verteidigungsminister Mohammed Fahim. Das Ministerium strahlt DDR-Flair aus, überall wimmelt es von martialischen, bärtigen Uniformierten, die Gläser oder Laptops herumtragen. Noch vor kurzem haben diese Männer für den bulligen Tadschiken-Führer Fahim in den Bergen gekämpft. Ihre geschäftige Präsenz im Dunstkreis des starken Mannes von Kabul ist als persönliche Belohnung zu werten.

Der Kontrast zum Amtssitz des Ministerpräsidenten Hamid Karsai könnte nicht größer sein, von den Personen wie vom Ambiente her. Der smarte, weltgewandte Paschtune empfängt seine ausländischen Gäste im begrünten Innenhof. Am runden Tisch unter Bäumen und Rosen werden Tee und Mandelgebäck gereicht, während Karsai in tadellosem Englisch, untermalt von Vogelgezwitscher, über die Fortschritte seiner Regierung berichtet. Für Momente vergisst der Besucher das Elend ringsum.

Doch draußen wird man rasch wieder von der Kriegsrealität eingeholt. Die Fahrt geht an dem Platz vorbei, wo der von den Sowjets eingesetzte Präsident Mohammed Najibullah öffentlich aufgehängt wurde. Das Fußballstadion, in dem die Taliban ihre Schau-Hinrichtungen zelebrierten, ist auch nicht weit.

Am schlimmsten zerstört wurden einige Wohnbezirke von Kabul, vor allem das Hazara-Viertel. Ganze Straßenzüge bestehen aus zerschossenen, zerbombten, eingestürzten Häusern. Doch überall stehen, hocken, laufen Menschen, die wie Ratten in diesen Löchern hausen; ohne Wasser, ohne Strom. Die Menschen in Kabul versuchen, so etwas wie Normalität in ihren Alltag zu bringen. In schäbigen Hütten aus Wellblech oder Lehm werden allerlei Waren feilgeboten.

Von den Hügelketten im Umfeld der Stadt, wohin die ISAF-Patrouillen regelmäßig führen, kann man die weitläufige Stadt überschauen. Von hier wurden einzelne Stadtviertel beschossen. Reste von Taliban-Stellungen und Bunkern sind noch sichtbar, Bombenkrater ebenfalls. Es ist ratsam, den Konvoi nicht zu verlassen, denn Minen lauern überall. Das Mausoleum, das Ex-König Zahir Schah seinem Vater errichten ließ, ist völlig zerschossen. Es dürfte zeitweilig als Munitionsdepot gedient haben.

Noch schlimmer ist es um den ehemaligen Darulaman-Königspalast draußen vor der Stadt, auf der Route nach Bagram, bestellt. Der imposante Bau, der einen Hügel krönt, wurde Mitte der 20er Jahre erbaut und im Bürgerkrieg (1992-96) zerstört. Die Ausfallstraße von Kabul, die zu dem Palast führt, ist gesäumt von desolaten Gebäuden.

Die Kinder winken den patrouillierenden Panzern und Militärfahrzeugen zu, rufen den Soldaten zu "How are you?" Die ISAF-Soldaten winken zurück. Als Beschützer und Helfer sind sie gekommen, und sie tun alles, um im Bewusstsein der Bevölkerung nicht mit den US-geführten Kampftruppen, die im Osten Afghanistans die Taliban- und El-Kaida-Nester bekämpfen, in einen Topf geworfen zu werden. Zur Aufgabe der ISAF gehört es auch, ein gesichertes Umfeld für die Loya Jirga zu schaffen, damit die Afghanen ihr Schicksal eines Tages selbst in die Hand nehmen können.