Sind alle Tiere schützenswert?

Von Eva Stanzl

Artenschutz

Jede Woche verlängert sich die Liste der vom Aussterben bedrohten Arten, doch Naturschutz ist auch eine Frage des Abwägens.


2017 war ein schlechtes Jahr für Waldelefanten. In den Republiken Kongo und Zentralafrika sank ihre Zahl auf 10.000 Tiere. Auch Koalabären, Seepferdchen, Insekten und Schuppentiere wurden empfindlich weniger, geht aus einer Bilanz des World Wildlife Fund (WWF) zum Artenschutz hervor. Mittlerweile stehen auf der Roten Liste der Weltnaturschutzunion 25.800 Tier- und Pflanzenarten als bedroht. "Wilderei, Klimawandel und die Übernutzung natürlicher Ressourcen vernichten biologische Vielfalt", erklärt WWF-Artenschutzexperte Georg Scattolin. Im Gang sei das "größte Artensterben seit dem Ende der Dinosaurier".

Seit 541 Millionen Jahren lebt auf unserem Planeten eine diverse und komplexe Tierwelt. Zum ersten der fünf Massenaussterben kam es vor 444 Millionen Jahren. Vor 252 Millionen Jahren ging dann die Welt unter: Beim größten Massensterben aller Zeiten kamen 95 Prozent aller marinen Lebensformen und 75 Prozent der Landfauna und sogar Insekten ums Leben. Brände, Hitze- und Dürreperioden, Luftverschmutzung und Bodenversauerung ruinierten die Vegetation, der atmosphärische Sauerstoffgehalt sank. Als Hauptursache für den Zusammenbruch der Ökosysteme gilt ein gigantischer Vulkanausbruch. Vor 66 Millionen Jahren soll schließlich ein Asteroiden-Einschlag auf der Erde das Aussterben der Dinosaurier verursacht haben - was den Aufstieg der Säugetiere erst ermöglichte.

Mammuts und Terrorvögel

Noch vor 10.000 Jahren bevölkerten Mammuts, Terrorvögel, Säbelzahntiger, sieben Meter hohe Faultiere und gepanzerte Gürteltiere von der Größe eines Autos die Erde - heute regiert der Mensch. Er rodet Wälder, pflanzt Getreide an, baut Dörfer, Straßen und Städte. Von den weltweit neun Millionen Arten gehen derzeit jährlich zwischen 11.000 und 58.000 Arten an die Zivilisation verloren, schätzt ein Team um Rodolfo Dirzo von der Universität Stanford im Fachmagazin "Science": Der Mensch dränge die Arten ins Aus. Jedes Jahr kommen neue Flügel-, Kiemen-, und Schuppenträger, Insekten und Säugetiere auf die Rote Liste: Neuzugänge diese Woche sind die australische Mary-River-Schildkröte, die bis zu drei Tage unter Wasser bleibt, und Totholzkäfer-Arten in Europa, wo abgestorbene Bäume wohl doch etwas zu akribisch aus den Wäldern entfernt werden.

Die schiere Listenlänge wirft die Frage auf, ob die Menschheit in der Lage ist, alle gefährdeten Arten zu retten. Können und müssen wir alles Leben schützen? Oder könnten wir manche Lebensformen ihrem Schicksal überlassen? "Sollten manche Arten aussterben dürfen?", titelte jüngst das "New York Times Magazine". Hintergrund des Berichts sind streng gefasste, aber nicht immer umsetzbare Übereinkommen zum Artenschutz und im Speziellen die US-Gesetzeslage.

Der "Endangered Species Act" von 1973 dient vielen Ländern in Europa als Vorbild. Er sieht vor, dass staatliche Behörden zur Rettung von jeder vom Aussterben bedrohten Art schreiten müssen. Wegen Geld- und Personalknappheit warten jedoch allein in Nordamerika mittlerweile um die 2000 Tiere darauf, beschützt oder besser gesagt von uns in Frieden gelassen zu werden.

Haben alle Recht auf Leben?

Kritiker des US-Gesetzes hinterfragen, ob die Kosten immer den Nutzen rechtfertigen. Ihnen erscheint es wenig sinnvoll, wenn Waldflächen nicht der Landwirtschaft zugeführt werden dürfen, damit ein Vogel, auf dessen Existenz innerhalb von drei Jahren bloß 14 Eier hindeuten, sein Habitat behalten kann. Unter der Regierung von US-Präsident Donald Trump gewinnen solche Argumente Boden. Sechs Anträge zur Lockerung des "Endangered Species Act" warten derzeit auf Prüfung im Kongress.

Haben alle Tiere das Recht zu leben? Wenn dem nicht so ist, wer soll entscheiden, wer nicht am Leben bleiben soll? Tierschutz steht immer in Verbindung zum Menschen, darin waren sich die Redner bei der ersten Internationalen Tierschutz-Konferenz in Wien am Dienstag einig. "Wir können Leben nicht auseinanderdividieren. Menschliches Leben, Tierleben - das ist alles Leben", sagte der Künstler und Stargast Ai Weiwei vor rund 300 Teilnehmern des vom Tierschutzverein von Vier Pfoten organisierten International Animal Welfare Summit (IAWS).

Manche Wissenschafter sehen es differenzierter. "Naturschutz ist immer ein Abwägen, welcher Aufwand vertretbar ist", erläutert der Biologe Bernhard Splechtna vom Institut für Integrative Naturschutzforschung der Universität für Bodenkultur in Wien: "Aus diesem Grund gibt es EU-weit strenge Artenschutzgesetze."

In Österreich sieht die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie auf der Basis der EU-Vorgaben unterschiedliche Schutz-Bestimmungen für wildlebende heimische Pflanzen und Tiere vor. Auch hier ist die Umsetzung kein Honiglecken. Denn die EU verpflichtet ihre Mitglieder, "Natura 2000"-Schutzgebiete auszuweisen, in denen die Land- und Forstwirtschaft weiterhin möglich ist. Konflikte zwischen Naturschützern und Landwirten sind vorprogrammiert, auch weil die meisten Beteiligten nicht alle Funktionen aller Arten im Ökosystem kennen können.

Intakte Ökosysteme verhindern Überflutungen und Bodenerosion, sorgen für sauberes Trinkwasser, Bestäubung und einen funktionierenden Nahrungskreislauf. Wenn jemand fehlt, ändert sich das. "Damit Ökosysteme all ihre Funktionen erfüllen können, müssen sogar sie artenreicher sein als angenommen", berichtet ein deutsch-österreichisches Team in "Nature Ecology and Evolution": Je mehr Funktionen eine Lebensgemeinschaft zu erfüllen hat, desto mehr Mitglieder müssen ihre Arbeit machen. Bloß einzelne Arten zu schützen, habe somit keinen Sinn: Für einen erfolgreichen Umweltschutz müsse man die Biodiversität erhalten, schreibt Robert Ptacnik vom Wassercluster Lunz.

"Weniger gutes Marketing"

"Jede Art entwickelt sich über eine Zeitdauer. Eine Linie aufzugeben bedeutet, sie in der Evolution für immer zu verlieren. Aber mit begrenzten Ressourcen kann man nur so viel Gutes wie möglich tun - sprich den bestmöglichen Artenschutz gewährleisten", sagte Tierschutz-Aktivist Paul Waldau, Professor für Anthrozoologie am Canesius College in Buffalo im US-Staat New York, zur "Wiener Zeitung" am Rande der IAWS-Konferenz. Er empfiehlt eine pragmatische Vorgangsweise, die "Brückenpfeiler" der Evolution an erste Stelle setzt. Darin müssten jene Arten, deren Aussterben ganze Ökosysteme beschädigen würde und ein weiteres Absinken der Biodiversität zur Folge hätte, oberste Priorität bekommen. Beispiele: "Elefanten reißen Bäume aus, an deren Stelle Pflanzen wachsen, von denen sich andere Tiere ernähren, deren Exkremente wiederum die Pflanzen düngen. Und Bisons zertrampeln den Boden, was Samen absinken und Wiesen wachsen lässt." Auch unauffälligere Käfer oder Würmer, "die ein weniger gutes Marketing genießen", seien in den meisten Fällen zu erhalten.

Doch haben Käfer die gleichen Rechte wie Katzen oder das Tier Mensch? "Intellektuell gesehen ja. In der Praxis ist das aber nicht umsetzbar. Wir können nicht-menschlichen Tieren nur Rechte einräumen, die sie schützen", findet Waldau. In erster Linie müsste Menschen aber "wieder zu verantwortungsvollen Mitgliedern der Gesellschaft werden, die sich in ihre Umwelt einfinden und den angerichteten Schaden wieder gutmachen. Wenn wir das tun, wird es eine schöne Welt sein. Der Artenreichtum reflektiert das menschliche Befinden als Ganzes." Somit ist der Artenschutz, egal ob wir alle retten oder nicht, immer auch die Arbeit des Menschen an sich selbst.

Mehr zum Thema "Artenschutz" in unserem Dossier.