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Sind Ausländerklassen Alternative?

Von Katharina Schmidt

Politik

ÖVP fordert eigene Ausländerklassen. | SPÖ, Grüne, FPÖ und BZÖ dagegen. | Wien. Hohe Wellen hat am Montag ein Vorschlag von ÖVP-Wissenschaftssprecherin Gertrude Brinek geschlagen. Sie forderte eigene "Welcome-Klassen" für Zuwandererkinder: Jene, die bei ihrer Ankunft in Österreich über schlechte oder gar keine Deutschkenntnisse verfügen, sollten in eigenen Klassen zusammengefasst werden. Nach einem Jahr als außerordentliche Schüler könnten sie in den Regelschulbetrieb wechseln.


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Auf wenig Gegenliebe stößt der Vorschlag bei den anderen Parlamentsparteien: Der Koalitionspartner BZÖ vermutet dahinter "reines Wahlkampfgeplänkel". SPÖ-Bildungssprecher Erwin Niederwieser hält den Vorschlag für "unausgegoren", die Grünen erneuerten ihre Forderung nach mehr Stützlehrern. FPÖ-Vizebundesparteiobmann Norbert Hofer nannte Brineks Idee, bevorzugt männliche Stützlehrer mit Migrationshintergrund einzustellen, "eine Kapitulation vor dem Diktat des islamistischen Fehlglaubens".

Auch für Wiens Stadtschulratspräsidentin Susanne Brandsteidl (S) kommen "Ghetto-Klassen nicht in Frage". In Wien werde ohnehin viel für die Integration getan, sagt Brandsteidl. Im kommenden Schuljahr etwa würden Kinder mit schlechten Deutschkenntnissen fünf (Volksschule), beziehungsweise elf Stunden (Hauptschule) isoliert unterrichtet.

Verständigung schwer

Für eine Volksschul-Lehrerin im Wiener 20. Bezirk (Name der Redaktion bekannt) ist dies jedoch nicht ausreichend: In ihren Klassen käme oft nur ein Österreicher auf 24 Ausländerkinder. "Wir sind schon froh, wenn wir uns mit den Kindern halbwegs verständigen können", sagt sie zur "Wiener Zeitung". An ihre Schule kämen manchmal Kinder, die "überhaupt noch nie eine Schule besucht haben. Die wenigen Förderstunden reichen da nicht aus." Schwierigkeiten gebe es vor allem mit muslimischen Eltern: "Die verhätscheln ihre Buben oft sehr. Wenn das Kind nicht in die Schule gehen möchte, dann wird halt einfach nichts unternommen", sagt die Pädagogin.

Eigene Klassen für Kinder mit sehr schwachen Deutschkenntnissen hält sie daher für sinnvoll - "muslimische Schulen sind aber keine Alternative, denn die Ausländer müssen ja auch unsere Tradition respektieren lernen".

Herbert Langthaler, Bildungsexperte der Asylkoordination Österreich, hält hingegen nichts von isolierten Klassen: "Viel sinnvoller ist ein muttersprachlicher Unterricht", meint er. Denn bevor die Kinder eine zweite Sprache erlernen könnten, müssten sie zuerst ihre Muttersprache beherrschen. Langthaler fordert vor allem die "interkulturelle Öffnung" der Institutionen. Viel mehr junge Menschen mit Migrationshintergrund müssten dazu animiert werden, einen Lehrberuf zu ergreifen, sagt er. Jetzt sei der Moment, die geburtenschwachen Jahrgänge zu nutzen: "Wenn weniger Kinder eingeschult werden, soll man nicht die Lehrer wegschicken, sondern das größere Personalangebot für integrative Maßnahmen nutzen."

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