Sinnsuche in sinnentleerter Zeit

Von Edwin Baumgartner

Wissen

Am 2. September jährt sich der Todestag Viktor Frankls zum 25. Mal - seine Logotherapie war nie wichtiger als jetzt.


Viktor Frankl hätte dem Titel sofort heftig widersprochen, wenngleich mit dem ihm eigenen Lächeln der Gelassenheit: Es gäbe, hätte er wohl gesagt, keine sinnentleerte Zeit, wie es ja auch, hätte er gesagt, kein sinnentleertes Leben gäbe, allenfalls, hätte er gesagt, gäbe es falsche Fragestellungen.

Am heutigen 2. September jährt sich der Tod von Viktor Frankl zum 25. Mal. Dennoch ist der österreichische Neurologe und Psychiater so präsent wie eh und je. Das Viktor Frankl Zentrum Wien etwa verankert seine Lehre im Bewusstsein von Fachleuten wie Laien. Die Vorträge sind mitunter so gut besucht, dass sie in Hörsäle der medizinischen Universität verlegt werden.

Weltweit bekannt ist Frankl für seine Entwicklung der Logotherapie. "Logos" bedeutet im Altgriechischen - ja, was denn nun? Sogar Martin Luther soll bei der Übersetzung der Bibel am "Logos", das sich zu Beginn des Johannes-Evangeliums auf Christus bezieht, verzweifelt sein. Denn "Logos" bedeutet nur an der Oberfläche Wort. "Sinn", "Vernunft" und Grund aber sind die Bedeutungen, um die es auch geht: im Neuen Testament wie bei Frankl.

Die Logotherapie - Philosophie oder eine Methode der Psychologie?

Beides?

Angewandte Philosophie

Die Klärung ist müßig und letzten Endes ohne Bedeutung. Vielleicht ist Logotherapie angewandte Philosophie, die aus der Praxis entwickelt ist. Jedenfalls ist sie wirkungsvoll und hat zahllosen Menschen geholfen, ein entglittenes Leben wieder in den Griff zu bekommen.

Viktor Frankl, geboren am 26. März 1905 in Wien, hatte ein Medizinstudium absolviert und regen Gedankenaustausch mit Sigmund Freud uns Alfred Adler gehabt. Frankls Spezialgebiet war von Anfang an die Suizidprävention. 1928 gründete er in Wien die Jugendberatungsstellen mit dem Zweck, Schülersuiziden zuvorzukommen. Die hatten sich nämlich gehäuft, zumal, wenn die Matura nicht bestanden wurde. Friedrich Torbergs Roman "Der Schüler Gerber" ist die literarische Aufarbeitung dieser Zustände.

Tatsächlich glückte es Frankls Jugendberatungsstellen, die Zahl der Schülersuizide auf null zu drücken. Eine der wichtigsten Lehren formulierte Frankl so: "Es ist keine Schande, sein Ziel nicht zu erreichen, aber es ist eine Schande, kein Ziel zu haben!"

Das Ziel, das sich Frankl selbst vorgeben musste, war das schiere Überleben: Am 25. September 1942 wurde er mit seinen Eltern ins Ghetto Theresienstadt deportiert. Sein Vater starb dort 1943, seine Mutter und sein Bruder wurden in Auschwitz ermordet, seine Frau kam im Konzentrationslager Bergen-Belsen um. Frankl selbst wurde nacheinander in mehrere weitere Konzentrationslager verschleppt, ehe er am 27. April 1945 in Türkheim, einem Außenlager des KZs Dachau, von der US-Armee befreit wurde.

Die Bestialität des Nationalsozialismus - sie zerbrach an Viktor Frankl. Seine Erfahrungen in den Konzentrationslagern verarbeitete er in dem Buch "... trotzdem Ja zum Leben sagen". Und kurz nach Ende der nationalsozialistischen Diktatur postulierte Frankl, dass nur eine Versöhnung einen sinnvollen Ausweg aus den Katastrophen von Krieg und Schoah weisen könne. Vor allem wendete sich Frankl dabei gegen die Kollektivschuld: "Der Nationalsozialismus hat den Rassenwahn aufgebracht. In Wirklichkeit gibt es aber nur zwei Menschenrassen, nämlich die ‚Rasse‘ der anständigen Menschen und die ‚Rasse‘ der unanständigen Menschen. Und die ‚Rassentrennung‘ verläuft quer durch alle Nationen und innerhalb jeder einzelnen Nation quer durch alle Parteien."

"Trotzmacht des Geistes"

Die "Trotzmacht des Geistes" hatte ihn aber nicht nur am Leben erhalten, sie begleitete ihn, der unter Höhenangst litt, auf seinen Bergtouren und wohl auch, als er, um sie endgültig zu überwinden, mit 67 Jahren den Pilotenschein machte: "Muss man sich denn auch alles von sich gefallen lassen? Kann man nicht stärker sein als die Angst?"

Viktor Frankl heute: Selbsttranszendenz und Selbstdistanzierung wären in einer gespaltenen Gesellschaft für alle von hohem Nutzen. Selbsttranszendenz bedeutet den hohen ethischen Wert der Hingabe an eine Aufgabe oder Person - und zwar im ausschließlich positiven Sinn, nicht im zerstörerischen, wie er auf den sozialen Medien bis zur Hetze ausgelebt wird.

Vor allem aber wäre in der gegenwärtigen Ich-Gesellschaft die Selbstdistanzierung, das humorvolle Absehen von sich selbst, geboten: "Nichts lässt den Patienten von sich selbst so sehr distanzieren wie der Humor. Der Humor würde verdienen, ein Existential genannt zu werden."

Es ist die heitere Gelassenheit der antiken Stoiker, die Frankl als Methode der von Psychologie und Psychiatrie vorschlägt - und als Ideal einer Grundeinstellung: "Humor ist die Waffe der Seele im Kampf um Selbsterhaltung."

Ein wichtiges Instrument dabei ist die Dereflexion: Man beachtet das störende Symptom möglichst nicht und denkt an ihm vorbei, indem man sich auf ein besseres, lohnenderes Ziel ausrichtet. Das störende Symptom wird mit ziemlicher Sicherheit verschwinden oder zumindest marginalisiert. Dass Derartiges nicht mit Absolutheit möglich ist, wusste Frankl selbst: "Anscheinend verträgt der Mensch auf Dauer die absolute Unbeschwertheit im psychologischen Sinne ebensowenig wie die absolute Schwerelosigkeit im physikalischen Sinne, und anscheinend kann er im sinnlosen Raum ebensowenig wie im luftleeren Raum existieren."

Das ist sie wieder, die Sinnfrage. "Wer um einen Sinn seines Lebens weiß, dem verhilft dieses Bewusstsein mehr als alles andere dazu, äußere Schwierigkeiten und innere Beschwerden zu überwinden", sagt Frankl.

Wie aber den Sinn finden? Frankl würde angesichts dieser Frage nur den Kopf schütteln, denn: "Die Frage ist falsch gestellt, wenn wir nach dem Sinn unseres Lebens fragen. Das Leben ist es, das Fragen stellt; wir sind die Befragten, die zu antworten haben." Nämlich: "Leben", so Frankl, "heißt letztlich eben nichts anderes als: Verantwortung tragen für die rechte Beantwortung der Lebensfragen, für die Erfüllung der Aufgaben, die jedem einzelnen das Leben stellt, für die Erfüllung der Forderung der Stunde."

Dem Leben Sinn geben

Damit verbindet die Logotherapie Psychiatrie und Psychologie mit Philosophie, denn, so Frankl: "Der Sinn des Lebens besteht darin, dem Leben einen Sinn zu geben." Und: "Das Leben hat einen Sinn und behält es unter allen Umständen, auch im Leiden."

In letzter Konsequenz bedeutet es, dass der Sinn des Lebens das Leben selbst ist.

Diese Erkenntnis führt zwangsläufig zu einer Liebe zum Leben an sich, die Mensch und Natur gleichermaßen umfasst.

Man sollte gerade in einer Zeit der Unruhe mehr auf Viktor Frankl hören, denn jedem ist es gegeben, in seinem Umfeld die Welt zu einem etwas besseren Platz zu machen.