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"Situation wird immer schlimmer"

Von Emanuela Hanes

Politik

Ute Bock kritisiert vor allem, dass Asylwerber nicht arbeiten dürfen. | Das "Flüchtlingsprojekt Ute Bock" bietet Beratung, Unterkunft, Verpflegung.


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"Wiener Zeitung": Wie beurteilen Sie das Asylwesen in Österreich?

Ute Bock: Es wird immer schlimmer. Ich verstehe nicht, dass die Situation für Einwanderer immer schwieriger gemacht wird. Einerseits können Asylwerber praktisch nichts tun, außer zu warten, andererseits heißt es, sie fressen unsere Sozialtöpfe auf. Aber das wird in den Medien nicht erklärt. Die meisten Österreicher wissen gar nicht, dass viele Asylwerber beispielsweise nicht arbeiten dürfen.

Was entgegnen Sie dem Vorwurf, Asylwerber würden das Sozialsystem belasten?

Niemand gibt sein Leben im Heimatland auf und nimmt eine Flucht in Kauf mit dem Gedanken, in Europa Sozialtöpfe zu leeren. Ich arbeite so lange in diesem Bereich. Bisher hat jeder, der zu mir kam, darauf gehofft, hier ein neues Leben aufzubauen, zu arbeiten und eine eigene Wohnung zu zahlen. Erst das Fremdenrecht nimmt Asylwerbern diese Möglichkeit. Ich denke auch an die Kinder: Welches Kind nimmt sich bei der Flucht aus dem Krieg vor, die österreichische Sozialhilfe zu missbrauchen?

Ein Beispiel: Ein Bub hier bricht sich den Arm. Der Arzt weist ihn ab, da er nicht versichert ist. Wenn der Bub nicht behandelt wird, heilt sein Knochen nicht, er wird jeden Monat Untersuchungen machen und der Krankenkasse zur Last fallen. Man kann doch nicht ernsthaft behaupten, der macht das absichtlich!

Wie viele Menschen betreuen Sie zurzeit?

Im Moment wohnen in den 120 Wohnungen über dem Büro mehr als 400 Leute. Das sind alles Menschen, die sonst nirgends hinkönnen. Darüber hinaus organisiere ich alles - von Deutschkursen bis Kinderbetreuung. Zusätzlich habe ich etwa obdachlose 1000 Asylwerber, die keinerlei staatliche Unterstützung erhalten, aber auch nicht arbeiten dürfen. Ich organisiere für sie zumindest eine Meldeadresse und juristische Beratung, damit sie ihre Asylverfahren weiterführen können.

Die Kosten für das Wohnprojekt und die Ausgaben für individuelle Unterstützungen wie Studium, Deutschkurse oder medizinische Behandlungen belaufen sich monatlich auf Tausende von Euros. Die Unterkünfte für obdachlose Asylwerber bezahle ich von meiner Pension, Erspartem, Preisgeldern und Spenden. Ich stehe also immer kurz vor dem Bankrott und bin stark von Spendengeldern abhängig. Früher habe ich den Leuten Fahrscheine gekauft, heute überlege ich mir, ob ich mir zu Mittag eine Wurstsemmel leisten soll oder nicht.

Welche Fälle berühren Sie besonders?

Das kann ich nicht beantworten, es sind zu viele. Ich habe fast jeden Tag eine Familie mit Kindern, die kein Dach über dem Kopf haben. Asylwerber, die an öffentlichen Plätzen schlafen, lasse ich dann in meinem Büro auf dem Boden schlafen. Über dem Büro wohnt eine tschetschenische Familie mit zwei Kindern, die so gescheit sind, dass sie besser Deutsch können als jeder Österreicher. Der Junge der Familie kommt immer ins Büro, um meine Katze zu streicheln. Seine ist bei einem Bombenanschlag verschwunden und er weiß nicht, ob sie noch lebt oder tot ist.

Diese Menschen brauchen psychische Behandlung, keine weitere Drangsalierung! Letzte Woche haben sie endlich die Niederlassungsbewilligung bekommen, und ich bin so froh darüber. Aber solche Fälle sind leider Ausnahmen. So viele werden wieder abgeschoben. Das ist irrational.

Warum irrational?

Die Flüchtlinge lösen sich doch nicht in Luft auf! Die Abgeschobenen kommen alle wieder, und es kostet den Staat immer mehr Geld. Es ist lächerlich. Im hintersten China sehen die, wie gut es uns geht. Natürlich kommen sie hierher! Solange die Kluft zwischen Arm und Reich so groß ist, wird das nicht aufhören. Da können wir Grenzen um Grenzen bauen; die Armen lassen sich nicht ruhigstellen.

Was wäre eine Lösung?

Jeder kann in seinem Umfeld etwas verbessern. Man darf nicht zulassen, dass Menschen diskriminiert werden. Man muss wieder mehr teilen. Es kann mir nur so gut gehen, wie es meiner Umgebung geht. Man muss aufhören mit dem Angstmachen und im Gegenteil die Angst nehmen. Die Medien müssen über diese Menschen so schreiben, wie sie sind: als Individuen, die versuchen, zu überleben wie jeder andere auch.

Warum wird der Umgang mit Asylwerbern so kritisch gesehen?

Ich weiß es nicht. Jeder lädt seinen persönlichen Frust auf jeden ab, der auch nur einen Millimeter unter ihm ist. Die Medien verbreiten die Angst über "die", die unser Geld wegnehmen, unsere Arbeitsplätze. Aber über Erfolgsgeschichten wird nicht berichtet.

Was wäre für Sie der Idealzustand?

Erst einmal müsste die Gesetzgebung geändert werden. Die Einreisenden kommen für drei Monate in ein freundliches Traiskirchen (Anm.: Flüchtlingslager). Dort wird ihr Antrag bearbeitet, sie bekommen drei Monate Staatsbürgerkunde und Deutschunterricht. Man sagt ihnen, was sie dürfen, sollen, können. Danach werden sie entlassen, suchen sich eine Arbeitsstelle und eine Unterkunft. Und wenn es dann nicht funktioniert, kann man wirklich sagen: Bitte, du musst wieder gehen. Aber die Realität ist weit davon entfernt.

Link: Ute-Bock-Website