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Autor arbeitete über Jahre verdeckt als Pharma-Referent. | "Es geht nur noch um Gewinn, kaum noch um Forschung!" | Pharmaindustrie distanziert sich. | Wien. Mit Aufdecker-Büchern wie "Bittere Pillen" versetzt der Journalist Hans Weiss seit den 1980er Jahren die internationale Pharma-Szene in Aufruhr. Um nachzuweisen, wie massiv Medikamentenhersteller die Arbeit von Ärzten steuern, ließ sich der 58-Jährige zuletzt gar als Pharmavertreter ausbilden, recherchierte drei Jahre lang in der Branche und gründete eine eigene Beraterfirma.
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Die Quintessenz seines am Montag in Wien präsentierten neuen Werkes "Korrupte Medizin - Ärzte als Komplizen der Konzerne" ist brisant: Massiv überteuerte Arzneien, die Patienten und Krankenkassen belasten, Gewinne daraus fließen in aggressives Marketing statt in Forschung, lauten die Hauptvorwürfe.
Die Betroffenen weisen erwartungsgemäß die Vorwürfe empört von sich. So warnt Österreichs Ärztekammerpräsident Walter Dorner "vor ungerechter Pauschalverurteilung" und fordert Weiss auf, Vorwürfe besser beim ärztlichen Ehrenrat anzuzeigen, anstatt mit dem Thema Korruption "Imagepflege als Aufdecker und Enthüller" zu betreiben. Dorner verweist auf den "strengen Verhaltenskodex" der Ärzteschaft über den Umgang mit der Pharmawirtschaft, wobei es "null Toleranz gegenüber Schwarzen Schafen" gebe.
Dorner verwies aber auch auf die seitens der öffentlichen Hand "seit Jahren forcierte Drittmittel-Forschung an den medizinischen Universitäten", mit der man staatliche Forschungsausgabe einspare.
Von einem "fragwürdigen Rundumschlag eines selbsternannten Experten" spricht gar der Hersteller-Verband Pharmig in einer ersten Stellungnahme: Auch hier gebe es "einen sehr klaren Verhaltenskodex", der die Zusammenarbeit mit Ärzten regelt. "Leistungen dürfen nur auf Grundlage eines schriftlichen Vertrages erbracht werden, aus dem sich auch Gegenleistungen ergeben, deren Vergütung nur in Geld bestehen darf", heißt es in einer Stellungnahme. Die erfolgreiche Erforschung von Medikamenten sei ohne Zusammenarbeit mit Medizinern überhaupt nicht möglich.
Gute Berater-Verdienste
Genau das bezweifelt aber Weiss, der nachzuweisen versucht, dass "von den großen Pharmafirmen kaum noch geforscht wird, sondern hauptsächlich in sogenannte me too-Produkte, also ähnliche Arzneien, wie sie bereits andere Hersteller anbieten, investiert wird", sagte Weiss bei der Präsentation. Daher hätten auch die Besuche der Pharmavertreter bei Ärzten kaum noch beratenden Charakter, sondern nur noch den Zweck, das eigene Produkt unterzubringen.
Um dies zu untermauern, würden "Beratungsverträge" mit Ärzten abgeschlossen, die den Medizinern laut Weiss "ein Zusatzeinkommen bis zu 250.000 Euro im Jahr bescheren" und für die das bezahlende Unternehmen natürlich eine Gegenleistung wolle - in Form von Verschreibungen der eigenen Produkte.
Die Gewinnmargen der Pharmakonzerne seien zudem unverschämt hoch, weil "der tatsächliche Wert der Wirkstoffe nur ein Prozent vom Arzneipreis beträgt", so Weiss. Damit würde die Pharmaindustrie zwischen 20 und 45 Prozent ihrer Umsätze als Gewinne verbuchen, was die höchste Spanne überhaupt sei. Im Vergleich mache etwa der erfolgreiche deutsche Kfz-Hersteller BMW sieben Prozent Gewinn. Auch die angeblich hohen Forschungsaufwendungen seien laut Weiss "durch nichts belegbar", das Geld fließe, wenn, dann in massive Vermarktung gängiger Produkte.
Seitens des Gesundheitsministeriums will man den Buchinhalt mangels Kenntnis noch nicht konkret kommentieren. "Es gibt aber klare Spielregeln in dieser Branche, die wir auch unauffällig, aber konsequent kontrollieren", betont der Generaldirektor für öffentliche Gesundheit, Hubert Hrabcik. Sollte an den Vorwürfen etwas dran sein, "wird es Konsequenzen geben; wenn nötig, müssen wir das Regelwerk nachschärfen", so Hrabcik.
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