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Die Einheitsuniform der Friseusen im Herrensalon Ma- | xymitsch im Herzen Moskaus besteht aus nicht mehr als einem Paar hochhackiger Pumps und einem breiten Lächeln. Wie die Haare gestutzt und Bärte beschnitten werden, merkt der angezogene Kunde meist gar nicht, und bestenfalls hart gesottene Friseurgänger klagen den nackten Friseusen ihr Leid über Familie oder sonstige Probleme des Alltags.
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Im Nebenraum können Kunden für 50 Dollar (53,5 Euro/736 Schilling) für 30 Minuten noch gegen eine nackte Gegnerin Billard spielen - Karambolagen erwünscht, Berühren dafür absolut verboten.
Maxymitsch ist ein herausragendes Beispiel für ausgefallene Unternehmen, die in den vergangenen zehn Jahren in Russland aus dem Boden geschossen sind. Nach 70 Jahren Unterdrückung des freien Unternehmergeistes durch das Sowjetsystem treibt der neue Kapitalismus jetzt wilde Blüten. So ziemlich alles scheint erlaubt und erwünscht - ob avantgardistisch, unmoralisch oder einfach verrückt. Bedarf danach besteht offensichtlich.
Die Zeitung "Iswestija" stellte in einer Auflistung ungewöhnlicher Firmen fest, dass der "Inoffizielle Moskauer Angler-Verein" florierenden Handel betreibt. Erfolglose Petri-Jünger lassen sich zuhauf mit frischen Fischen versorgen, die sie dann zu Hause stolz als eigenen Fang präsentieren.
"Leinwandhelden" im beschallten Sarg
Auch Bestattungsunternehmer beteiligen sich an dem Trend nach Verrücktheiten. Einige von ihnen bieten stereo-beschallte Särge an, um den Weg ins Jenseits mit Musik zu erleichtern. Einer von Moskaus Bestattern verdient sein Geld damit, dass er Verstorbene auf berühmte Leinwaldhelden umschminkt. Im Moment sind Pierce Brosnan und Marilyn Monroe die absoluten "Renner". "Wir wissen, dass Menschen mit derartigen Wünschen wohl ein paar psychiatrische Probleme haben", sagt der Manager. "Aber da es niemandem wehtut, kann man damit auch ruhig ein bisschen Geld verdienen."
An Eitelkeiten im Diesseits verdient die kleine Firma "Hymnen-Fabrik". Für "lumpige" 1.000 Dollar (1.069 Euro/14.712 Schilling) komponieren Musiker, die an Moskaus renommiertem Tschaikowsky-Konservatorium ausgebildet wurden, den Kunden persönliche Hymnen samt Texten. Dabei bricht bei den Kunden vielfach die Nostalgie durch. "Meist sollen die Hymnen so ähnlich klingen wie die alte sowjetische", sagt Direktorin Natalja Schweizer. Tierisch geht es dagegen im ukrainischen Restaurant "Schinok" (Schenke) zu. Dort sitzen die Gäste im Kreis um einen Bauernhof. Hinter Glas laufen Hühner, Ziegen und auch ein Pferd frei herum, daneben sitzt eine Oma und strickt in aller Seelenruhe.
Haben die Russen von heute nur einen exzentrischen Geschmack, oder haben sie nur mehr Geld als Verstand? "Vieles hängt natürlich mit dem Trieb der neureichen Russen zum Geldausgeben für ungewöhnliche Dinge zusammen, nachdem 70 Jahre weder besondere Waren noch Dienstleistungen zu erhalten waren", sagt dazu Peter Ekman, Professor am Amerikanischen Institut für Wirtschaft und Unternehmen in Moskau. "Aber genau so sollte Kapitalismus funktionieren", meint er. "Wenn derartige Unternehmen Pleite gehen, wie es 90% sicherlich auch tun werden, dann probiert man eben etwas Neues." Seiner Ansicht nach seien Russen ohnehin schon immer stolz darauf gewesen, Dinge anders anzupacken als im Westen.
"Die nackte Wahrheit" im Fernsehen
Innovativ sind russische Unternehmer in der freien Marktwirtschaft auf jeden Fall. Zuletzt wurden Zuschauer des kommerziellen Fernsehsenders M1 im Nachrichtenprogramm "Die nackte Wahrheit" mit nackten Tatsachen konfrontiert. Beim Verlesen der Nachrichten begann die Moderatorin plötzlich, Ringe und Schmuck abzustreifen, denen danach die Kleidungsstücke folgten...
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