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Slowenien macht Schleusen auf

Von Magdalena Meergraf

Politik
Der slowenische Grenzort Scredice ob Dravi: Tausende duften am Montag passieren.
© Christian Bruna

Ljubljana ermöglicht unlimitierte Einreise aus Kroatien. 2000 Flüchtlinge erreichten bis Montagabend Österreichs Südgrenze.


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Zagreb/Ljubljana. Slowenien hat am Montag überraschend seine Politik geändert und den Weg für aus Kroatien kommende Flüchtlinge freigegeben. Auch Kroatien hat tausenden Schutzsuchenden die Passage erlaubt. Zuvor waren zahllose Schutzsuchende in der Kälte und unter unmenschlichen Bedingungen festgesessen.

Slowenien hatte nur Kontingente von 2500 Menschen täglich passieren lassen. Allein am Montag dürften dann mit einem Schlag mehr als 5000 Vertriebene die Grenze überquert haben. Sie sollen laut slowenischen Angaben schleunigst ins Landesinnere gebracht werden, um die Grenzen zu entlasten. In der Folge werden Tausende nach Österreich weiterreisen. Montagabend überquerten 2000 Flüchtlinge in Spielfeld und Bad Radkersburg die steirische Grenze. Hunderte weitere würden in der Nacht erwartet, sagte Polizeisprecher Fritz Grundnig kurz vor 22.00 Uhr. Da in Spielfeld ein Teil der Menschen über die Bahngleise gekommen sei, habe die Strecke zwischen Maribor und Spielfeld ab den Abendstunden gesperrt werden müssen. Aktuell sei die Lage in Bad Radkersburg mit lediglich 20 Flüchtlingen "sehr ruhig", sagt Grundnig zur apa. In Spielfeld befänden sich jedoch rund 600 Menschen. Diese versuche man möglichst schnell in Notquartieren unterzubringen.

Neue Route

Nachdem Ungarn zuletzt seine Grenze zu Kroatien dichtgemacht hat, führt die Fluchtroute nun über Slowenien, das Land ist zum neuen Brennpunkt in der Flüchtlingskrise geworden. Zwischen Ljubljana und Zagreb nahmen die Spannungen zu, als der Transport ins Stocken geriet: Kroatien schickte mehr Leute, als Slowenien aufnehmen wollte. Bisher brachten die kroatischen Behörden die Ankömmlinge von der serbischen an die ungarische Grenze. Einer davon ist Mohamed Fayad (44) aus dem Irak: "Wir wussten nicht, dass Ungarn die Grenze geschlossen hat. Als uns gesagt wurde, dass wir nicht weiter können, bekamen es alle mit der Angst zu tun. Wir dachten wir müssen zurück." Zwar gibt es noch zwei Transitzonen, in denen Asylanträge gestellt werden können, die Chancen auf einen positiven Bescheid gehen aber gegen null. Das spricht sich auch unter den Flüchtlingen schnell herum.

Vom kroatischen Grenzort Tovarnik, wo täglich um die 5000 Menschen ankommen, führt der Weg mit Zügen und Bussen Richtung Slowenien. Als Sonntagabend die slowenischen Flüchtlingsunterkünfte 2370 Menschen zählten, wurde ein Aufnahmestopp ausgesprochen. Trotzdem wurden in der Nacht auf Montag 1800 weitere Flüchtlinge in die nordkroatischen Stadt Cakovec gebracht. Die slowenische Polizei stelle Barrieren auf. Als die Flüchtlinge versuchten den Weg zu Fuß fortzusetzen, kam es zu Tumulten. Den frierenden und durchnässten Menschen blieb nichts anderes übrig, als im Freien zu campieren.

Medienberichten zufolge seien die Grenzübergänge bis in die Morgenstunden geschlossen gewesen. Dem widerspricht Caroline Van Buren, die für das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR vor Ort war: "Die slowenische Polizei brachte die Menschen in kleinen Gruppen über die Grenze, um mit dem großen Andrang umgehen zu können. Zuerst 150 Menschen, dann 300 und so weiter." Darunter waren zunächst besonders schutzbedürftige Menschen wie Frauen und Kinder. Ljubljana bezeichnete das Vorgehen Zagrebs indes als " unakzeptabel". Melita Sunjic vom UNHCR beobachtet die Lage am serbischen Übergang Berkasovo. Bevor Kroaten und Slowenen ihre Grenzen öffneten, war die Lage mehr als trüb: Rund 2000 Flüchtlinge mussten in strömendem Regen auf matschigen Feldwegen ausharren.

Mit Planen, Decken und kleinen Feuerstellen versuchten sie, sich warm zu halten. Doch Slowenien ließ weiter nur beschränkt Flüchtlinge passieren. Man müsse berücksichtigen, dass das kleine Land nur begrenzte Unterkunftskapazitäten habe, hieß es. Doch in Slowenien blieb man vorerst dabei: "Auf einer Seite fordert Kroatien, dass wir täglich 5000 Migranten aufnehmen. Auf der anderen Seite haben wir aber die Forderungen seitens Österreichs, dass sie angesichts ihrer Notsituation auf keinen Fall mehr als 1500 Migranten aufnehmen können", sagt Staatssekretär Bostajn Sefic. Im slowenischen Sredisce ob Dravi kam am Samstag der erste Zug mit 1800 Menschen aus Tovarnik an. "Wir arbeiten eng mit den Kollegen aus Kroatien und Österreich zusammen, alles ist gut organisiert", zeigte sich Bojan Kitel von der Polizeidirektion Maribor vorerst zufrieden. John Engedal Nissen vom Roten Kreuz, das an dem Grenzort mit nur acht Helfern vertreten war, räumt ein, man müsse die Mittel aufstocken, sollte der Andrang größer werden. Neun Stunden hatten die eintreffenden Flüchtlinge in dem Zug verbracht. Da es sich um eine Außengrenze des Schengen-Raumes handelt, werden sie registriert und dann in Bussen nach Sentilj an die österreichische Grenze gebracht.

Die Menschen waren bei ihrer Ankunft bereits gut versorgt, sie trugen warme Kleidung und Proviant mit sich. "Egal ob in Mazedonien, Serbien oder Kroatien, die Polizisten waren zwar streng, aber nie aggressiv", erzählt Radwan Hasan aus Syrien. "Wir bekamen immer Essen, Trinken und ein Dach über dem Kopf. Freiwillige Helfer versorgten uns mit Informationen über die nächsten Schritte." Seine Flucht hat den 44-jährigen Radwan von seiner Heimat Syrien über Libyen und die Türkei nach Europa geführt. Solange Präsident Bashar al-Assad Assad an der Macht bleibt, sei eine Heimkehr keine Option, so der Konsens unter Hasans Landsleuten: "So sehr ich mir das wünsche, denn es ist mein Zuhause. Doch solange Assad da ist, wird es immer diesen ethnischen Konflikt geben. Jetzt mischt auch noch Russland mit, das hat das alles noch viel schlimmer gemacht." Nur vier Personen haben am Wochenende Asyl in Slowenien beantragt. Alle anderen wollten weiter nach Österreich und Deutschland. Dort trifft man jetzt Vorbereitungen, Tausende aufzunehmen.