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Smarte Stadt? Smarte Städter!

Von Judith Belfkih

Leitartikel
Judith Belfkih.

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Die Urbanisierung schreitet in unglaublicher Geschwindigkeit voran. Und nicht nur die neuen Städter brauchen neuen Wohnraum. Die Lösungen, die der Wohnbau dafür derzeit anbietet, verursachen dabei weltweit mehr Probleme, als sie lösen - ökologisch, sozial und finanziell. "Wenn Bauen auf all diesen Ebenen versagt, sozial nicht verträglich, nicht leistbar und umweltschädlich ist - dann ist es in sich falsch."

Die Analyse der indischen Architektin Anupama Kundoo ist ernüchternd. Die Resultate der gängigen Praxis sind vereinsamte und im Eigentum oft lebenslang verschuldete Bewohner, ein Raubbau an natürlichen Ressourcen und massive Umweltschädigungen. Dabei gehen Wissen und Gemeinschaft verloren. Die in Madrid lehrende Expertin für leistbares Wohnen plädiert für eine Kehrtwende und fordert staatliche Verantwortung für Wohnen, verbunden mit Preisbegrenzungen. Sie setzt sich für ein Durchforsten des Paragrafendschungels, eine Abkehr von High-Tech um jeden Preis und die (Rück-)Besinnung auf einfache, lokale Praktiken ein.

Die Grenzen des technisch Möglichen verschieben sich auch beim Bauen täglich. Und alles, was möglich ist, scheint schon allein des blinden Fortschritts wegen auch angewendet zu werden. Die smarte Stadt dämmert als Leitstern am Horizont herauf. Darin sollen Technologien immer klüger und vernetzter werden - die Menschen analog dazu dümmer und einsamer. Eine fragwürdige Definition von Fortschritt.

Wir sind der Perfektion unserer Produkte nicht gewachsen. Wir stellen mehr her, als wir uns vorstellen und als wir verantworten können.

Wir glauben, dass wir alles, was wir können, auch dürfen. Diese drei analytischen Thesen über den Zustand der Welt formulierte der deutsche Philosoph Günther Anders bereits in den 1950ern. An Brisanz und Relevanz haben seine Aussagen nicht verloren - im Gegenteil.

Die Lösungen, die Anupama Kundoo hier anbietet, sind bestechend wie einfach: ein stärkerer Einsatz von menschlichen anstelle von natürlichen Ressourcen - einerseits in der Erforschung von alternativen Materialien und stabilen sozialen Strukturen, andererseits durch die Möglichkeit für künftige Bewohner, die Baukosten durch die eigene Arbeitskraft zu senken. Dadurch wird niemand arm, es schadet der Umwelt nicht. Und es wird aufgebaut, was gerade dabei ist, uns verloren zu gehen: Wissen und Gemeinschaft.