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Solidarisch, aber in Sorge vor Flüchtlingen

Von Alexander Dworzak

Politik

Syriens Nachbarn fürchten ethnische Spannungen durch Flüchtlingsströme.


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Beirut/Damaskus/Ankara. Bloß keine Flüchtlingslager. Vehement wehrt sich der Libanon gegen deren Errichtung - obwohl bereits rund 34.000 Syrer laut UNO-Flüchtlingswerk UNHCR im Land als Flüchtlinge registriert sind; Schätzungen gehen sogar von doppelt so vielen Personen aus. "Stattdessen werden so viele Personen wie möglich bei Verwandten, Bekannten oder in Schulen untergebracht", erklärt Andrea Reisinger vom Österreichischen Roten Kreuz, die sich momentan in Beirut aufhält, gegenüber der "Wiener Zeitung". Christen kämen dabei zu Christen, Muslime würden bei Muslimen einquartiert - auch aufgrund des derzeitigen Fastenmonats Ramadan.

Tief sitzt die Furcht vor ethnischen Spannungen, fragil ist der Frieden zwischen Christen, Sunniten und Schiiten im Land, das zuletzt 2008 am Rande eines Bürgerkriegs stand. Da der "Staat befürchtet, in den blutigen syrischen Bürgerkrieg hineingezogen zu werden, erhalten die syrischen Flüchtlinge oft nicht die notwendige Hilfe", sagt Kamal Sido von der Gesellschaft für bedrohte Völker.

Angst vor Datenweitergabe

Auch unter den Flüchtlingen herrsche Angst, berichtet Andrea Reisinger: Viele würden sich nicht offiziell registrieren lassen aus Furcht, ihre Namen und ihre Herkunft würden an Syrien weitergegeben; womit sie Verwandte und Familienmitglieder in Gefahr bringen würden. Denn als traditionell eng galten die Verbindungen zwischen Syrien und dem Libanon; 1976 bis 2005 waren zehntausende syrische Soldaten im kleinen Nachbarstaat am Mittelmeer stationiert.

Bei Syriens südlichem Nachbarn Jordanien ist die Furcht so groß, dass nicht einmal der Begriff Flüchtling verwendet wird. "Berichterstatter der Hohen Kommission zur Verwaltung der Angelegenheiten der Syrer, die sich auf jordanischem Territorium aufhalten" lautet der Titel des von der Regierung eingesetzten Flüchtlingsbeauftragten. Täglich strömen bis zu 2000 Personen über die Grenze. Wer diese passierte, wurde bislang zunächst in eines von vier Übergangslagern gebracht. Dort konnte er gegen eine kleine Gebühr regelrecht ausgelöst werden, berichtete die "Süddeutsche Zeitung". Ein Jordanier musste bürgen - nicht für den Unterhalt, sondern eher als eine Art Aufpasser.

Die nächste Flüchtlingswelle rollt bereits: Viele Einwohner der umkämpften Wirtschaftsmetropole Aleppo nutzten die vergangenen Tage, um nach Jordanien, in den Libanon und in die Türkei zu fliehen. Der Ansturm könnte in Regierungskreisen in Ankara Anstoß für eine Militärintervention der Türkei sein, so die Zeitung "Cumhuriyet" - seit Mai hat sich die Zahl der Flüchtlinge im Land verdoppelt. Demnach plane die Türkei die Einrichtung von fünf "Sicherheitszonen" rund 20 Kilometer tief in syrischem Gebiet.