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Solidarität mit Alten bröckelt

Von Alexandra Barone

Wissen

Italien altert. Nach Angaben des italienischen Statistischen Bundesamtes (ISTAT) sind rund 18,5 Prozent der Einwohner über 65 Jahre. Mit der steigenden Lebenserwartung hat allerdings auch der Egoismus in der Gesellschaft zugenommen. Ausgerechnet im Land der Großfamilie bröckelt die Solidarität mit alten Menschen und deren Integration.


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Viele Senioren vereinsamen, die sozialen Dienste in Italien werden von der Entwicklung überrollt. Die Auswirkungen des rapiden Alterungsprozesses zeigen sich auch in der Wirtschaft: Es wird langfristig weniger Arbeitskräfte geben, das Geld für die Renten wird knapp, die sozialen Dienste werden gekürzt.

"Seit 1950 bis heute ist die Lebenserwartung pro Jahr um vier Monate gestiegen", sagt Demograph Antonio Golini von der Universität "La Sapienza" in Rom. "Von fünf Frauen, die sterben, ist eine über 90 Jahre alt, insgesamt leben rund 4.000 über Hundertjährige in Italien." Mit der zunehmenden Veralterung seien Gesellschaft und Wirtschaft überfordert. Laut einer Studie, die das Nationale Institut für Forschungen (CNR) gemeinsam mit der römischen Universität "La Sapienza" im März veröffentlicht hat, wird angenommen, dass in den nächsten Jahren rund 22 Prozent der Einwohner Italiens über 65 Jahre alt sein werden.

Wer die 75-Jahre-Hürde überschritten hat, kann statistisch gesehen davon ausgehen, dass er noch weitere 11,1 Jahre lebt - die Männer 9,9 Jahre, die Frauen 12,4 Jahre. Davon werden allerdings laut Statistik nur 1,8 Jahre in guter Gesundheit verbracht. Das wiederum belastet das Gesundheitswesen. Wie aus der CNR-Studie hervorgeht, machen die über 75-jährigen nur sieben Prozent der Einwohner Italiens aus, es werden aber rund ein Drittel der gesamten staatlichen Ausgaben für sie investiert. Hinzu kommt ein wirtschaftliches Problem: In den nächsten 20 Jahren, so die CNR-Studie, wird die Zahl der Erwerbstätigen im Alter zwischen 20 und 40 Jahren um 40 Prozent abnehmen.

"Es könnte sein, dass wir in einigen Jahren nicht nur eine verwahrloste Jugend vorfinden, sondern auch verwahrloste alte Menschen", sagt Golini. Die egoistische Gesellschaft kümmere sich nicht mehr um die Alten. "Eine Lösung wäre, die Solidarität zwischen den Alten aufzubauen." So würde auch das ohnehin schon überlastete staatliche Gesundheitswesen entlastet, und man könnte der Vereinsamung entgegenwirken. Die Stadt Rom hat auf die zunehmende Zahl älterer Menschen, die verarmen, reagiert. Neben den üblichen Alterswohnheimen gibt es auch "soziale Leistungen frei Haus". Diese beinhalten häusliche Pflege, Tageszentren, Transporte und Essen auf Rädern. Seit dem 17. September haben nicht nur die älteren Menschen mit einem Minimal-Einkommen ein Anrecht darauf. Die Kosten der Pflege werden bemessen an der monatlichen Rente. Diese Neuerung soll von November bis Juni kommenden Jahres erprobt werden.

Eine Initiative, die bereits breiten Anklang gefunden hat, wird es wieder mit dem Schulanfang geben: das Projekt "Ein Freund für die Stadt". Insgesamt 1.800 Senioren werden entlang der 240 römischen Schulen postiert, um die Kleinen auf ihrem Schulweg zu begleiten. "Wir wollen auch die älteren Menschen in die Gesellschaft integrieren, die keine eigenen Enkelkinder haben," erklärt Francesca Marchetti von der Gemeinde Rom. "Durch diese tägliche Aufgabe haben sie eine Aufgabe zu erfüllen, tragen Verantwortung und fühlen sich gebraucht. Oft schließen sie Freundschaften mit ihren kleinen Schützlingen und natürlich auch untereinander." Gerade diese Solidarität untereinander sei angesichts der mangelnden Sozialdienste sehr wichtig für die älteren Menschen, sagt Marchetti. "Falls mal einer von ihnen krank ist, kümmern sich die anderen um ihn."