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Sommerferien auf Deutsch

Von Yordanka Weiss

Politik
Schon nach drei Tagen Gespräche - auf Deutsch.

In einigen Wiener Schulen lernen Kinder derzeit Deutsch. | Die Initiative „Sowieso mehr” beinhaltet Sport- und Freizeitprogramm.


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Wien. Schön schreiben, fleißig sein, zusammenhalten, lebensfroh sein, viel lesen, nicht kämpfen. Diese Vorsätze hängen an der Türe eines Klassenzimmers in der Kooperativen Mittelschule Sechshauser Straße im 15. Wiener Gemeindebezirk. Dort, im ersten Stock, sitzen 15 Kinder, um innerhalb von zwei Wochen ihre Deutschkenntnisse zu verbessern. Im Rahmen des Sommerangebots der Stadt Wien, „Sowieso mehr”, können sie somit die Basis für eine erfolgreiche Bildungskarriere in der neuen Heimat schaffen.

„Schreiben, neue Spiele und viele Freunde” zählt die siebenjährige Gabrielle das Gelernte auf. Der neunjährige Afsar ergänzt „Schwimmen, Ballspiele, Zeichnen” und zeigt mit dem Finger auf die Wand - dort lachen ihn von seiner Zeichnung seine Eltern und Geschwister an.

„Die Worte selbst sind nicht schwer, sondern die Artikel”, berichtet die Deutschlehrerin Anna Zeindlhofer über den Unterricht. Sie betreut die Gruppe für sieben- bis zehnjährige Anfänger. Doch was kann man schon in zwei Wochen lernen? „Viel, weil die Kinder ein großes Aufnahmevermögen haben und der Wortschatz sich schnell erweitert”, so Zeindl-hofer. Die Themen reichen von sich vorzustellen über die Familie und die Berufe der Eltern bis hin zu den Schulsachen.

Die Gruppe im 15. Bezirk ist eine von 68 in ganz Wien. Die Sommerkurse finden in drei Etappen statt. Der Start erfolgte im Juli, und weitere Kurse werden bis zum 2. September abgehalten. Die Zielgruppe sind Kinder von sieben bis 14 Jahren, die in Wien leben, jedoch in Deutsch nicht beurteilt wurden oder schlechte Noten haben.

„Das Angebot gibt es seit 2009. Es wird über die Schulen beworben und „fast alle von den 1000 Plätzen sind bereits vergeben”, sagt Clara Ferstl. Sie ist für die Anmeldungen zuständig. Gemeinsam mit dem Wiener Arbeiter Turn- und Sportverein und dem Verein „Zeitraum” setzt der Verein „Interface” die von der Stadt Wien geförderte Initiative um.

„Die Sommerkurse sind für alle Wiener Kinder gedacht, jedoch sind wenige ohne Migrationshintergrund”, so Ferstl. Über 50 Muttersprachen zählt sie zusammen. Die meisten Kinder haben Türkisch als Erstsprache (15 Prozent) gefolgt von Arabisch mit neun Prozent und Polnisch, Farsi und Chinesisch mit je fünf Prozent. Es gebe auch Kinder, die nicht alphabetisiert sind. Für sie sei man bemüht, spezielle Gruppen zu organisieren.

13 Prozent der Kinder kommen aus dem zehnten Wiener Gemeindebezirk, zehn Prozent aus dem 20. und acht Prozent aus dem zweiten Bezirk - der Rest aus anderen Teilen der Stadt. Die Anzahl der Buben und Mädchen ist fast gleich.

Wie man Sprache über Spiel und Spaß in den Ferien lernen kann, weiß Sozialbetreuerin Serif Obayeri. Sie begleitet die Kinder durch den Kurssommer. „Es gibt zwei Möglichkeiten: halbtags nur die Deutschkurse zu besuchen, oder das Ganztagsangebot wahrzunehmen. Letzteres bevorzugen fast alle Kinder - und zwar von 9 bis 17 Uhr”, erzählt Obayeri. Vormittags wird drei Stunden spielerisch Deutsch gelernt, nachmittags gibt es Sport- und Freizeitaktivitäten. Die Kinder lernen schwimmen oder besuchen Wiener Wahrzeichen. Stadtrundgänge durch den Prater, das Kindermuseum, Parks oder Gärten lassen den Ort erleben, an dem die Sprache gesprochen wird.

Essen fördert Integration

„Die Klassen sind bunt gemischt, manchmal stammen die 15 Kinder aus zehn verschiedenen Ländern”, erzählt die Sozialbetreuerin. Beim Mittagsmenü nimmt man Rücksicht auf muslimische Kinder. Das Fleischangebot beinhaltet Putenfleisch. Man könnte die Speisen auch als Integrationsinstrumente sehen. „Viele Kinder lernen erst bei uns Gulasch, Apfelstrudel oder Schnitzel kennen”, meint Obayeri.

Obwohl viele Kinder Anfänger sind, führen sie bereits nach drei Tagen im Klassenzimmer intensive Gespräche. Sobald die erste Schüchternheit überwunden ist, sind sie neugierig, was auf sie zukommt, und stellen Fragen aller Art - etwa, ob man in der Stadt die Früchte von den Bäumen essen darf . Das zweiwöchige Ganztagsangebot kostet 60 Euro. Für das Halbtages-Angebot bezahlt man hingegen 30 Euro - oder einen Euro pro Stunde. Die Standorte für die Sommerkurse befinden sich im vierten, zehnten, 15. und 20. Bezirk.