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Søren Kierkegaard: Wahrheit versus Leistungsbilanz

Von Otto A. Böhmer

Reflexionen
Zu Lebzeiten durchweg missverstanden: Søren Kierkegaard (1813-1855).
© Abbildung: Archiv

Der dänische Philosoph war ein Gottsucher eigener Art, indem er der vordergründigen Welt der Erscheinungen und Symbole misstraute.


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Was uns umtreibt, ist nicht die bloße Ruhelosigkeit, ist nicht nur das Ungenügen, das wir an der Welt empfinden, sondern das Wissen von uns selbst. Es spricht uns zu, unaufhörlich; auch im Schlaf gibt es keine Ruhe und durchzieht uns mit Träumen, die manchmal den Tag über noch anhalten. Das Bewusstsein macht jeden Einzelnen von uns, macht jedes kleine Ich zu einem Problemfall, an dem Selbsttherapie zu üben ist. Man kann dabei fündig werden, für überraschende, glückliche Momente; eine Beschäftigung, die auf Solidität und auf Dauer angelegt ist, lässt sich daraus nicht gewinnen.

Das Bewusstsein, das uns als Begleiter gegeben wurde, werden wir nicht los, was auch bedeutet, dass wir von unserem Dasein wie aus einer Geschichte erfahren, die wir uns ständig neu erzählen müssen - selbstredende Mutmaßungen über eine Existenz, die sich vermutlich nur abstellen lässt, wenn das kleine Ich jenen großen Schritt wagt, der als Ausweg gilt, ohne dass mit ihm eine Resultats- oder gar Erlösungsgarantie gegeben werden könnte: die eigenmächtige Beförderung vom Leben zum Tode.

Für den Menschen erweist sich sein Bewusstsein als ein Überraschungen aufbietendes Geschenk, das zwiespältige Gefühle hinterlässt: Zum einen eröffnet es ihm den Zugang zur Welt, zum andern macht es ihm deutlich, dass er von den Gegenständen seines Wissens getrennt bleiben wird.

Identität als Suchspiel

Das Ich arbeitet sich an einem lebenslangen Suchspiel ab, das einer Identität gilt, die nicht herzustellen ist. So erweist sich das wackere und durchaus berechtigte Bestreben, zu sich selbst zu finden, letztlich als zweifelhaftes Vergnügen, mit dem man die Zeit hinbringen kann; am Ende hat die Selbsterfahrung jedoch ihre Bestimmung nicht im Gelingen, sondern im produktiven Ungenügen: Das Ich trägt dem Rechnung, es ergeht sich in der fortwährenden Arbeit seines Bewusstseins und nimmt dafür existenzielle Erschöpfung in Kauf.

Obwohl sich Selbstfindung also als ein nicht ganz unproblematischer Zeitvertreib erweist und keine Garantien bietet, erfreut sie sich nach wie vor großer Beliebtheit. Sich selbst zu finden gilt als erstrebenswert, wobei der Weg dahin interessanter ist als die Ankunft am Zielort. Dort geht es nämlich eher langweilig zu; ein Mensch, der sich gefunden zu haben glaubt, hat nicht mehr viel zu erzählen und ruht lieber in sich selbst. Zudem erliegt er dem produktiven Irrtum, dass mit geglückter Selbstfindung seine Sache entschieden ist. In Wahrheit jedoch wird sie an die nächsthöhere Instanz überwiesen, die sich über alle Befangenheitsanträge erhaben zeigt.

In ihrem Tagesgeschäft erweist sich Selbstfindung als eher freudlose Veranstaltung; sie muss mit Wiederholungen auskommen und wirtschaftet in fremdem Auftrag. Das Ich nämlich, um das es geht, ist nicht von sich aus da; es steht im Dienst einer Macht, die sich am liebsten bedeckt hält. Man kann diese Macht, wie es der Philosoph Kierkegaard getan hat, Gott nennen, man kann sie aber auch einfach nur als Geheimnis nehmen, das unser Leben trägt, ohne sich wirklich offenbaren zu müssen. Das ist gut so, denn wüssten wir alles, vor allem den Grund unseres Daseins, hinter dem, letztlich, ein Anderer steht, der nicht erkannt werden will, wäre unser Weltbild-Apparat, der auf Berechenbarkeit setzt, heillos überfordert und müsste den Geist aufgeben.

Es gibt demnach zwei Arten der Selbstfindung. Die eine ist weitverbreitet und dient der Therapie am unglücklichen Bewusstsein, das in so vielen Köpfen lagert. Das Ich, das dabei befragt wird, ist auskunftsfreudig, hat aber wenig zu sagen, denn es neigt dazu, sich zu überschätzen und den eigentlichen Grund, warum es überhaupt da ist, außer Acht zu lassen. Die andere Art der Selbstfindung scheint eher ein Minderheitenvergnügen zu sein; sie setzt tiefer an und fragt, wer das Selbst, das da sucht und findet, überhaupt erst ermöglicht hat. Für Kierkegaard gibt es darauf nur eine Antwort: Es ist Gott, der hinter allem steht; er kommt zum Vorschein, wenn das Ich sich durchschaut hat und begreift, dass es im Normalbetrieb zwar ganz bei sich selbst sein kann, in Erst- und Letztbegründung jedoch an einer Urheberschaft hängt, die sich der Einsichtnahme entzieht.

Selbstfindung verlangt eine Entscheidung: Genügt mir mein Ich, oder öffne ich mich für das Umgreifende (Karl Jaspers), das von weit herkommt und keinen Namen braucht, um anwesend zu sein. Der Weg der Selbstfindung, den Kierkegaard einschlägt, lässt sich nur "auf die beschwerliche Weise" gehen; er ist von Zweifeln nicht frei, kennt auch die Verzweiflung, hat aber die Gewissheit für sich, dass es einen Gott gibt, der am Anfang und Ende unserer Erkenntnisbemühungen steht.

Einsamkeit der Existenz

Was Søren Kierkegaard, der am 5. Mai 1813 in Kopenhagen geboren wird und dort am 11. November 1855 stirbt, seinen Zeitgenossen sagen will, von denen er sich zu Lebzeiten durchweg missverstanden fühlt, ist ein Glaubensbekenntnis der eigenen Art. Es ruft zu einer Scharfsinnigkeit auf, die das Komplizierte einfach macht - und das Einfache einschneidend vertrackt. Es misstraut der gewohnten Sichtbarkeit der Dinge, der vordergründigen Welt der Erscheinungen und Symbole.

Nicht im stumpfen, auf alle Köpfe gelegten Gewohnheitsrecht kann man Gott für sich entdecken, sondern in der ergreifenden Einsamkeit der Existenz - dort wo der Mensch nur noch sich selbst hat und die Frage stellen muss nach dem wahren Grund des ihn angehenden Seins. Dass diese Frage erschütternd ist und ein ganzes Leben bestimmen kann, war für Kierkegaard unmittelbar einsichtig.

"Ist Gott", fragt er, "nicht so unbemerkbar, so verborgen in seinem Werk vorhanden, dass ein Mensch wohl sehr gut so dahinleben, heiraten, geachtet und angesehen sein könnte als Mann, Vater und Schützenkönig, ohne Gott in seinem Werk zu entdecken, ohne ein einziges Mal so recht einen Eindruck von der Unendlichkeit des Ethischen zu bekommen, weil er sich mit einer Analogie zu der spekulativen Verwechslung des Ethischen und des Weltgeschichtlichen half, indem er sich mit Sitte und Brauch in der Stadt half, in der er lebte?"

Wer den unsichtbaren Gott sehen will, darf nicht mit einer pompösen Ankunft rechnen oder nach Auffälligkeiten Ausschau halten, die zur schlagenden Einsicht werden: "Wenn Gott also die Gestalt eines seltenen, ungeheuer großen Vogels mit rotem Schnabel annähme, auf der städtischen Umwallung oben auf einem Baum säße und vielleicht auf ungewöhnliche Weise pfiffe, so würde der Gesellschafter gewiss die Augen aufmachen (. . .). Aber das wahre geistige Verhältnis zu Gott (. . .) ist durch den Durchbruch der Verinnerlichung bedingt, was der göttlichen Hinterlist entspricht, - ja, dass er vom Auffallendsten bis zur Unsichtbarkeit entfernt ist, so dass einem seine Anwesenheit gar nicht zu Bewusstsein kommt, während seine Unsichtbarkeit wiederum seine Allgegenwärtigkeit ist."

Auch Kierkegaards eigene, äußerlich nicht gerade ereignisreiche Biographie war von dieser Erkenntnis geprägt; sie führte vor, dass die Begegnung mit Gott kein sonntäglicher Pflichtbesuch ist, sondern ein immerwährender, schmerzhaft-einsichtiger Wahrnehmungsprozess, der den Einzelnen überwältigt und ohne Rücksicht auf Verluste an sich bindet.

Die Einsamkeit der Existenz, für die man nicht alt werden muss, um sie in ganzer Härte zu spüren, bringt es mit sich, dass man beizeiten das Interesse an Ausreden und Entschuldigungen verliert. Die Existenz des Einzelnen hängt nicht an seinem Wohlbefinden, auch nicht an äußeren Erfolgen und den Meinungen der anderen; ihr Resonanzboden ist der "Weltinnenraum" (Rilke), in dem er seine Wahrheit suchen und finden muss.

Fremdbestimmtes Glück

Die Menschen, meint Kierkegaard, zeigen sich fasziniert von ihrer eigenen Tüchtigkeit; überall herrscht Verständigkeit vor, die über Gott und die Welt nach den Maßstäben von Nutzen und Zweckmäßigkeit befindet. Die dazugehörige Leistungsbilanz, an welcher der Mensch geradezu besessen fortschreibt, mag eindrucksvoll sein, ist jedoch himmelweit entfernt von der Wahrheit: "Mit der wachsenden Verständigkeit nimmt eine gewisse Art von Menschenkenntnis zu, nämlich die Kenntnis, wie wir Menschen nun einmal sind oder wie wir es in diesen Zeiten sind, - ein naturwissenschaftlich-statistisches Wissen vom Zustand der menschlichen Sittlichkeit als Naturerzeugnis, erklärt aus der geographischen Lage, aus dem Klima, dem Wind, der Regenmenge, dem Wasserstand usw. (. . .) Sie gibt bloß genau an, wie wir sind, - sie gibt den Kurs und Marktpreis an, - um aus Klüglichkeit imstande zu sein, sich vorzusehen und die Menschen auszunutzen, ihr Glück zu machen und Vorteile in dieser Welt zu erringen (. . .) Aber danach, wie wir Menschen sein sollten, und nach der Gottesforderung und nach den Idealen wird immer weniger gefragt, je mehr die Verständigkeit zunimmt."

Verständigkeit, überhöht gedacht und nicht hinterfragt, stößt an ihre Grenzen; dennoch oder gerade deswegen bleibt sie unverzichtbar. Näher sollten uns allerdings die Ahnungen stehen, die, feinen Tagträumen gleich, auf uns kommen und uns ein Glück spüren lassen, das fremdbestimmt ist und gerade deshalb so tief in uns hineinreicht: "Das still Erhebende, in die anfangende Abenddämmerung zu fahren und einen Stern zu sehen, bis das Dunkel mehr und mehr herabfällt und man immer neue sieht, bis die ganze Gesellschaft sichtbar wird (. . .). Wenn der reiche Mann mit Lichtern an seinem Wagen in die dunkle Nacht fährt, sieht er um kleines Stück besser als der Arme, der im Dunkeln fährt - aber er sieht auch nicht die Sterne, daran hindern ihn gerade seine Lichter. So mit aller weltlichen Verständigkeit, sie sieht gut in der Nähe, aber raubt die unendliche Aussicht."

Otto A. Böhmer, geboren 1949, lebt als Schriftsteller in der Nähe von Frankfurt am Main. Soeben ist im Verlag Karl Alber sein neuestes Buch, "Brüder im Geiste – Heidegger trifft Hölderlin", erschienen.