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Soziale Welt im Eigenbau

Von Stefan Meisterle

Wirtschaft
Im Ring mit Facebook & Co.: Österreichische Start-ups reüssieren beim Aufbau und der Entwicklung sozialer Netzwerke.
© © © Randy Lincks/Corbis

Sankt Onlein, Tupalo und Talenthouse machen Facebook & Co. Konkurrenz.


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Wien. Sie zahlen nicht und sind doch begehrt: Mit jedem Klick, den Internet-User in sozialen Netzwerken, Bewertungsplattformen oder Community-Seiten tätigen, werden sie zum Teil eines Geschäftsmodells, das im Web seinen Siegeszug feiert und trotz verschiedener Ausgangsbedingungen, Ziele und Erscheinungsformen immer um eine Konstante kreist: den Aufbau und die Pflege einer Online-Gemeinschaft.

Vier Euro Umsatz spült jeder Facebook-User dem US-Konzern Jahr für Jahr in die Kassen, 24 Euro war Google der einzelne Nutzer 2011 wert. Zahlen, die spätestens dann beeindrucken, wenn man sie mit den Nutzerzahlen der entsprechenden Online-Gemeinden multipliziert. Denn die gehen in die hunderte Millionen. Klar, dass angesichts dieser Aussichten das Geschäftsfeld Internet-Community rund um die Welt für Aufmerksamkeit sorgt. Und auch in Österreich eine Gruppe von Unternehmen entstehen ließ, die mit ihren eigenen Web-Gemeinschaften reüssieren wollen.

"Unter’m Schlapfn"

"Sankt Onlein" nennt sich eines dieser Unternehmen, das auszieht, um die digitale Welt zu erobern. Oder zumindest jene Österreichs. Denn um sich im globalen Wettbewerb zu behaupten, will Sankt Onlein mit einem rot-weiß-roten Anstrich punkten. "Den Zuckerberg (Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, Anm.) kennen wir zwar vom Hörensagen, den Großglockner aber persönlich", stellt sich das Wiener Unternehmen vor. Und das scheint seit dem öffentlichen Start Ende Februar auch Programm zu sein. "Wir sind ein soziales Netzwerk, bauen dabei aber auch auf unsere tief verwurzelte Regionalität", sagt Geschäftsführer Georg Kandutsch der "Wiener Zeitung". Das beziehe sich zwar auch auf Themen wie die Anwendung des österreichischen Rechts oder die Sicherheit regionaler Datenspeicher, vor allem aber will man die Regionalität in die Nutzererfahrung integrieren.

Für die inzwischen 24.000 Nutzer bedeutet das zunächst eine sprachliche Vertrautheit: Auf Sankt Onlein finden sich Buttons wie "Meine Leut’", man kann den Beziehungsstatus "unter’m Schlapfn" wählen oder quittiert eine Meldung mit "Ned so meins".

Die Regionalität soll bald aber auch eine weitere Funktion erfüllen: die des digitalen Nahversorgers. Neben sozialem Netzwerk sowie einem redaktionellen Teil wird das Internetportal bald ein weiteres Standbein erhalten. "In den nächsten Wochen wird auf Sankt Onlein eine eigene Social-Media-Shopping-Welt online gehen", kündigt Kandutsch an, "hier werden Unternehmen vom Waldviertler Schnitzer bis zum steirischen Weinbauern die Möglichkeit haben, ihre regionalen Produkte überregional darzustellen." Eingebettet in die Kommunikationswelt des sozialen Netzes sowie in den redaktionellen Bereich soll so gewährleistet sein, dass Unternehmenskunden - gegen die Entrichtung einer Gebühr im einstelligen Euro-Bereich - die Plattform als Vertriebsweg nutzen. Und zugleich die Finanzierung der Seite, die bisher auf Werbung fußt, auf eine breitere Basis stellen.

Pflege der Web-Community

Weniger Bedenken, von Werbung allzu abhängig zu sein, hat man bei Tupalo: Die Wiener Bewertungs- und Empfehlungsplattform unterstützt Besucher seit 2007 bei der Suche nach Lokalen, Restaurants, Dienstleistern und anderen Lokalitäten. Subjektivität und Neutralität der Bewertungen kann die Seite dabei dank einer Web-Gemeinde, die inzwischen weltweit mehr als 160.000 Mitglieder zählt, versprechen. Kein Wunder, dass man bei Tupalo größten Wert darauf legt, diese Gemeinde zu hegen und zu pflegen. "Die Bewertungen müssen authentisch und hochqualitativ sein und dürfen keine Werbung darstellen", sagt Tupalo-Mitgründer Clemens Beer. Gegen Missbrauch etwa in Form getarnter Eigenempfehlungen gehen Community-Manager rigoros vor, ansonsten kann man aber auf loyale Nutzer zählen. "Wenn Leute bei uns Bewertungen schreiben, dann bleiben sie auch bei uns", sagt Beer.

Um diese Loyalität zu belohnen, erstellt Tupalo Ranglisten der eifrigsten Bewerter und pflegt Kontakt mit diesen. "Wir machen regelmäßig kleinere Events mit 15 bis 30 Leuten, in Wien gibt es darüber hinaus einmal im Jahr eine große Community-Party mit hunderten Teilnehmern. Das ist unser Dankeschön", so Beer.

Es sind Akzente wie diese, die einem sozialen Netz dabei helfen, sich von der Masse der Mitbewerber abzusetzen. Und die auch in anderen Größenordnungen durchaus Sinn machen. So berichtet Roman Scharf, der ins Silicon Valley ausgewanderte österreichische Gründer der Künstlervermittlungsplattform Talenthouse, dass es gerade beim Aufbau eines sozialen Netzes eines gewissen Mehrwerts bedarf. "Wir bauten unsere Community auf, indem wir Möglichkeiten anbieten, die es sonst nirgendwo gibt", so Scharf. Bei Talenthouse, das als Bindeglied zwischen Kreativen und Auftraggebern fungiert, gelang es mit realen Projekten wie der Organisation von Ausstellungen oder Konzerten, mittlerweile 1,5 Millionen Künstler zu erreichen - um diese Kontakte zugleich für den virtuellen Geschäftsraum zu nutzen.

Wichtiger Bezug zur Realität

Unterm Strich dürften viele soziale Netzwerke also irgendwann zu einer Schlussfolgerung finden: Ganz egal, ob es sich um eine Social-Media-Shopping-Welt, eine Bewertungsplattform oder eine Vermittlungsbörse handelt, Erfolg hat man mit sozialen Web-Gemeinden vor allem dann, wenn man auch den Bezug zur ganz realen Welt herzustellen vermag.

www.sanktonlein.at
tupalo.com
www.talenthouse.com