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Sozialer Groll in Großbritannien

Von WZ-Korrespondent Peter Nonnenmacher

Politik

Millionen Briten haben schon jetzt nicht mehr genug zum Leben. Im Herbst und Winter aber droht ein nationaler Notstand.


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Es rumort heftig im Vereinigten Königreich in diesem Sommer. Ein kollektiver Groll gegen "die Oberen" beginnt sich Bahn zu brechen, von Ort zu Ort. Die Regierenden, ist der zornige Tenor, kümmere es offenbar nicht, ob Millionen Familien im Land ihre Strom- und Gasrechnungen noch bezahlen und sich weiter etwas zu essen kaufen könnten. Von massenhafter Zahlungsverweigerung, von Widerstand gegen "schändliche Ungerechtigkeit" ist die Rede. Arbeitskämpfe laufen überall an.

50 Protest-Veranstaltungen, quer über die ganze Insel, sind für die nächsten Tage geplant. Gewerkschaften, Bürgerinitiativen, Mieterverbände und rebellische Politiker haben eine nationale Kampagne ins Leben gerufen, unter der Parole "Enough is Enough".

Was den Betroffenen jetzt "wirklich reicht", ist der Mangel an ministeriellem Verständnis für so viele bedrohte Existenzen. Dafür, dass es eben an allen Ecken und Enden nicht mehr reicht, in einer sich dramatisch beschleunigenden Krise. Dass sich jetzt immer mehr Menschen plötzlich am Rande eines finanziellen Abgrunds sehen. Denn immer häufiger stößt man in diesem Sommer auf Familien, die ihre Lebensmittel-Einkäufe drastisch reduzieren müssen, weil Löhne, Pensionen und Sozialleistungen stagnieren, während die Inflation auf zehn Prozent geklettert ist und bald schon bei 15 Prozent liegen soll.

Zögerliche Tories

Bitter klagen mehr und mehr mittellose Briten, dass bei ihnen jetzt oft "nur noch eine Mahlzeit am Tag" auf den Tisch kommt - oder dass Eltern sich zum Hungern zwingen, damit wenigstens die Kinder genug zu essen haben. Manche Pensionisten haben damit begonnen, in ihren Wohnungen Glühbirnen aus den Fassungen zu schrauben und sich nur noch eine Tasse Tee am Tag zu gönnen, um den Stromverbrauch einzuschränken. Im April ist der Preis für Gas und Elektrizität für den Durchschnittshaushalt von 1.200 Pfund im Jahr (1.420 Euro) auf fast 2.000 Pfund geschnellt.

Im kommenden April aber soll die jährliche Rechnung schon mehr als 5.000 Pfund (5.900 Euro) betragen - was für Millionen Haushalte auf der Insel schlicht unbezahlbar ist. Denn die Hilfe, die die Regierung bisher anbietet, gleicht nur einen Bruchteil der Differenz zum Vorjahr aus. Und ein Einfrieren der Strom- und Gaspreise auf dem gegenwärtigen Stand, was die Oppositionsparteien vorschlagen, oder gar eine vorübergehende Nationalisierung des Energiesektors, wie der frühere Labour-Regierungschef Gordon Brown empfohlen hat, ziehen Noch-Premier Boris Johnson und die zwei Bewerber um seine Nachfolge, Außenministerin Liz Truss und Ex-Schatzkanzler Rishi Sunak, fürs erste nicht in Betracht.

Zwar haben alle drei Tory-Politiker versichert, dass sich die Bevölkerung mehr Beistand aus Downing Street erwarten dürfe - wenn im September erst einmal die Nachfolgefrage geregelt sei. Wie die Unterstützung aussehen könnte, wollen sie aber einstweilen nicht verraten. Sofortmaßnahmen sind jedenfalls nicht geplant.

Zornige Reaktionen bei den am dringlichsten auf Hilfe angewiesenen Familien hat ausgelöst, dass Favoritin Truss erklärte, von ihr bräuchten sich die Ärmsten "keine Almosen" zu erhoffen. Ihr Rivale Sunak prahlte vor Tory-Mitgliedern im wohlhabenden Tunbridge Wells damit, dass er als Finanzminister "städtischen Problemvierteln" - also meist Labour-Hochburgen - gezielt den Subventionshahn abgedreht habe, damit das Geld ländlichen Gemeinden wie Tunbridge Wells - und deren Tory-Wählern - zufließen kann.

Auch seither geäußerte besänftigende Worte Johnsons und der beiden Kandidaten haben den Verdacht nicht ausgeräumt, dass es Boris Johnsons Regierung nie wirklich ernst war mit ihrem groß angekündigten Vorhaben, ärmere Gebiete im Land aufs Niveau der wohlhabenderen zu heben. In Wahrheit, empören sich nun die Initiatoren der "Enough is Enough"-Proteste, sei es den Tories gleichgültig, was aus ihren benachteiligten Mitbürgern werde, solange nur "die Privilegierten" nichts zu klagen hätten. Als Beleg dafür gilt ihnen die Weigerung der Regierung, für einen Lohnausgleich im öffentlichen Dienst und für entsprechend mehr Sozialhilfe zu sorgen.

In der Tat sind sich britische Finanzexperten darin einig, dass sich ihr Land heute in einer ernsteren Krise befindet als viele vergleichbare Staaten. Das hat nicht zuletzt zu tun mit der wirtschaftlichen Ausgangslage - damit, dass die Produktivität geringer als in anderen Staaten ist und dass es eine lange Spanne rücksichtsloser Sparpolitik in den Jahren unter David Cameron und Theresa May gegeben hat.

"Der aktuellen Krise der Lebenshaltungskosten ist, was Löhne betrifft, das mieseste Jahrzehnt seit Kriegsende überhaupt vorangegangen", erklärt selbst das Blatt der Hochfinanz, die "Financial Times". Die Reallöhne von Krankenschwestern etwa seien seit 2010 - dem Jahr der Regierungsübernahme durch die Konservativen - nicht gestiegen, sondern um sieben Prozent gesunken. Nun stürzen sie weiter ab.

Sparen und Schuldenmachen

Den Kontrast zu anderen Staaten betont auch eine neue Studie der Stiftung Resolution Foundation und der London School of Economics (LSE). Ihr zufolge sind britische Haushalte im Schnitt um 8.800 Pfund (10.380 Euro) ärmer als Haushalte in Deutschland, Frankreich, den Niederlanden, in Australien oder Kanada. Zwar ist das reichste Zehntel der Briten wohlhabender als der vergleichbare Teil der Bevölkerung in diesen Ländern. Dafür liegen aber schon mittlere Einkommen um fast zehn Prozent niedriger als jenseits des Ärmelkanals - und die Bezüge des ärmsten Fünftels sogar um mehr als 20 Prozent.

Die Kluft zwischen Arm und Reich ist auf der Insel tatsächlich größer als in fast allen Staaten Europas. Und das soziale Netz ist weit löchriger als anderswo. Viele britische Familien erleben daher nun eine besonders dramatische Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen. Aktuellen Umfragen zufolge fürchten derzeit sieben Millionen Haushalte, dass sie in den nächsten Monaten nicht "über die Runden kommen" werden. Gespart wird in aller Eile, wo sich etwas sparen lässt. 800.000 britische Haushalte haben in den letzten drei Monaten Streamingdienste wie Netflix oder Amazon Prime abbestellt. Versicherungen werden nicht mehr erneuert. Haustiere wandern ins Tierasyl.

Immer mehr Menschen gehen statt im nahen Supermarkt in den billigeren Discount-Ketten einkaufen. Und der Gedanke an die Gas- und Stromkosten ist nie fern. Von den Familien, die am meisten sparen müssen, essen manche inzwischen eher Sandwiches als warme Mahlzeiten - um nicht kochen zu müssen. Einige schalten sogar, mitten in der größten Hitze, die Kühlschränke aus.

Die Banken melden, dass Ersparnisse überall rapide schrumpfen. Dafür häufen sich Schulden an. Allein zwischen Mai und Juni hat sich das Volumen neu aufgenommener Kredite und Darlehen im Land verdoppelt. "Immer mehr Menschen sehen keine andere Möglichkeit, als sich per Kreditkarte über Wasser zu halten", warnt Christine Jardine, Finanzsprecherin der britischen Liberaldemokraten. "Damit vergrößern sie, nur um sich durchzubringen, massiv ihre Langzeitkosten."

"Food Banks", die kostenloses Essen abgeben, sehen sich von Bedürftigen überlaufen. Nicht mehr nur von Sozialhilfe-Empfängern und von mittellosen Pensionisten wie früher. Sondern von Leuten mit geregelter Arbeit, zum Beispiel von Krankenschwestern und Pflegern, die zu Beginn der Covid-Epidemie noch als "Helden der Nation" gefeiert wurden, nun aber selbst auf Hilfe angewiesen sind. Das Problem der Wohlfahrtsstätten ist freilich, dass ihnen jetzt auch das Geld ausgeht: Die Spenden werden knapp.

Sorge ums Schulessen

Andere, die mit ihrem mageren Einkommen nicht mehr auskommen, versuchen, sich mit Zweitjobs durchzubringen. Und ältere Leute, die schon in den Ruhestand getreten waren, kehren wieder ins Arbeitsleben zurück. Die Schulen des Landes - zumeist Ganztagsschulen - fürchten unterdessen, dass sie ihren Schülern nach deren Rückkehr aus den Sommerferien keine ausreichend nahrhaften Mahlzeiten mehr anbieten können. Dabei, sagt der Ernährungsexperte Rob Percival, sei für viele Kinder "ein warmes Essen mitten am Tag oft die einzige gesunde Mahlzeit, die es für sie gibt". Die Lebensmittelpreise aber übersteigen häufig das Maß dessen, was sich die Schulküchen finanziell erlauben können. Kleinere Portionen, mit billigeren Zutaten, sind nun vielerorts geplant.

Betroffen haben manche Schulen darüber hinaus festgestellt, dass Schüler immer öfter Essen und andere Schul-Utensilien mitgehen lassen, um daheim auszuhelfen. Im Mai hatte es schon einen Eklat gegeben, als Andy Cooke, der Chefinspekteur der Polizei, seinen Beamten riet, bei Ladendiebstählen, bei denen Leute aus Hunger etwas entwendeten, "auf besonnene Weise" und "nach eigenem Ermessen" vorzugehen.

Nicht dass Cooke eine Amnestie für die Ärmsten empfahl. Aber schon sein Rat zur Berücksichtigung der Umstände und die Warnung vor einem Anstieg der Kriminalität im Zuge der Kostenkrise stießen auf Kritik in der Regierungspartei. Menschen begingen nicht einfach Verbrechen, weil sie finanzielle Probleme hätten, meinte der für die Polizei zuständige Staatssekretär Kit Malthouse entrüstet. Auch wenn jemand aus Hunger stehle, könne man das "keineswegs durchgehen lassen".

Völlige Blindheit werfen daher Oppositionspolitiker, Gewerkschafter und Wohlfahrtsverbände den mit ihren eigenen internen Rangeleien beschäftigten Tories vor. Wenn die Regierung nicht bald etwas unternehme, riskiere sie eine Katastrophe und soziale Unruhen im Herbst, warnen sie.

Eine "finanzielle Zeitbombe", die "spätestens im Oktober explodieren" und "Schockwellen" in ganz Großbritannien auslösen werde, prophezeite vor einigen Tagen schon Ex-Premier Brown. Ein Elend, wie es sich jetzt in seiner Heimat abzeichne, hätte er zu seinen Lebzeiten nicht mehr für möglich gehalten.