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Soziologie der Ekstase

Von Nikolaus Halmer

Reflexionen
Professor Michel Maffesoli in seiner Pariser Wohnung.
© Maffesoli

Seit Jahrzehnten arbeitet der französische Soziologe Michel Maffesoli an einer Theorie des Dionysischen. Porträt eines Wissenschafters, der die Zweckrationalität der Moderne ablehnt.


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Michel Maffesoli gilt als Enfant terrible der französischen Soziologie. Sein Forschungsgebiet bezieht gesellschaftliche Randzonen mit ein, die von der universitären Soziologe sonst kaum betreten werden. Für ihn zählen konkrete Intensitätserlebnisse, die er bei Rave Parties, in Diskotheken oder bei Demonstrationen macht. Gegen die "Entzauberung der Welt", die vom Rationalismus betrieben wurde, verfolgt Maffesoli das Projekt einer "Wiederverzauberung der Welt", die "sich am Rhythmus des postmodernen Alltagslebens" orientiert.

Muss man sich Maffesoli als einen Adepten des Dionysos vorstellen, als einen hemmungslosen Apologeten des entfesselten Rausches, der sich mit Hip Hop und Heavy Metal eindröhnt, um so eine Vibrationsästhetik zu entfalten? Ein Besuch bei dem Soziologen im Quartier Latin - dem legendären Existenzialisten-Viertel - vermittelt einen gänzlich anderen Eindruck: Den Besucher erwartet ein elegant gekleideter, älterer Professor im farblich abgestimmten Anzug mit der obligaten Fliege. Man wird in die mit Büchern überfrachtete, weiträumige Wohnung gebeten, wo bereits die Ehefrau des Philosophen, Hélène Strohl, ein Glas Wein bereit gestellt hat.

Das Gespräch verläuft in einer betont freundlichen Weise, in dem jene Empathie zu bemerken ist, mit der sich der Soziologe den Themen und Objekten seiner Forschungen widmet. Geduldig beantwortet Maffesoli, assistiert von seiner Frau, mit der er mehrere Pamphlete gegen den herrschenden Zeitgeist der Nivellierung verfasst hat, die Fragen, die seine Arbeit betreffen. Im Wesentlichen sind dies Themen wie das Dionysische und die Tribalisierung, die er immer weiter überdenkt und neu arrangiert, ähnlich einem Legospiel, das immer neue Kombinationen ermöglicht.

Schöpferisches Leben

Für Maffesoli ist die Fixierung auf den wissenschaftlichen Rationalismus, wie er zu Beginn des 20. Jahrhunderts erfolgte, eine Fehlentwicklung der Soziologie. In der Nachfolge von Friedrich Nietzsche, Georg Simmel und Henri Bergson beruft sich Maffesoli auf den gesamten schöpferischen Prozess des Lebens, auf eine Tradition des Vitalismus, die von "seriösen" akademischen Philosophen und Soziologen mit größtem Misstrauen zur Kenntnis genommen wird.

Maffesoli betont, dass sich das Leben durch eine fortwährende Veränderung der Perspektiven und die Singularität der Phänomene auszeichnet. Er folgt dabei dem griechischen Philosophen Heraklit: "Alles ist im Fluss"; das Leben in seiner schöpferischen Aktivität sei durch den Verstand nicht fassbar; der sei viel zu unbeweglich, konstatiert Maffesoli, um das Dynamische des Lebens zu erfassen. Der Soziologe habe nun die Aufgabe, sich aus der bereits von Nietzsche beklagten "Mumifizierung durch Begriffe", die die wissenschaftliche Arbeit mit sich bringe, zu befreien, um in den schöpferischen Prozess des Lebens "einzutauchen". "Denn genau um das Leben geht es, widerspenstig und teilweise anomisch. Eine Vitalität, die den meisten Scholastikern entkommt und das ästhetische und tragische Grundgefühl der Existenz aufbauscht".

Michel Maffesoli wurde am 14. November 1944 als Sohn einer Bergarbeiterfamilie in den Cevennen geboren. Hier erlebte er noch den mühevollen Alltag der Bergleute, aber auch das gemeinsame Feiern von Festen, das für seine theoretische Arbeit eine zentrale Bedeutung erlangte. Nach dem Besuch des Gymnasiums studierte er Philosophie und Soziologie in Straßburg, wo er die Exponenten der Situationistischen Internationale kennenlernte. Diese undogmatische anarchomarxistische Gruppe wurde von Guy Debord geleitet und übte einen großen theoretischen Einfluss auf die Protagonisten der Pariser Mai-Revolte von 1968 aus.

Nach seiner Promotion lehrte Maffesoli an der Université Pierre Mendès Frances in Grenoble. Danach kehrte er an die Universität Straßburg zurück und erhielt kurz darauf den renommierten Lehrstuhl für Soziologie an der Pariser Sorbonne. Gleichzeitig leitete er das "Centre sur l’Imaginaire" an der Maison des Sciences de l’Homme und gründete das "Centre d’Études sur l’Actuel et le Quotidien" in Paris.

In seinem gesamten Werk attackiert Maffesoli das Nützlichkeitsdenken und den Produktivitätswahn der klassischen kapitalistischen Ökonomie. Sie kenne nur - so lautet der Vorwurf - den Erhalt und die Ausweitung des vorhandenen Reichtums und einen gemäßigten, kontrollierten Verbrauch. Diesem "produktiven Verbrauch", der zur Erhaltung des Lebens notwendig ist, stellt Maffesoli den hemmungslosen Orgiasmus dionysischer Erfahrungen gegenüber, wie sie sich in karnevalesken Umzügen, in Festen, in der kollektiven Fußballbegeisterung, im Alkohol- oder Haschischrausch, in der Trance eines exzessiven Musikerlebens oder im sexuellen Orgasmus manifestieren. In diesen Erlebnissen erfolgt eine Grenzüberschreitung: "Das Subjekt auf dem Siedepunkt" erlebt den Zustand der Ekstase, der mit dem Verlust des "sozio-kulturellen Selbst" verbunden ist.

Rausch und Orgie

Indem man in der Überschreitung die monotone, profane Welt des Alltagslebens verlässt, erschließt man sich neue Erlebniswelten, die Maffesoli in seinem Buch "Der Schatten des Dionysos" als "Orgie" bezeichnete, die er nicht nur in den Kontext des Sexuellen stellte: "Ich beziehe mich auf die griechischen Wurzeln des Begriffs, ,orgia‘ bedeutet Passion, leidenschaftliche Emotion. Da habe ich die Orgie als Ort des Rausches, der Ekstasen und des Außer-sich-seins geschildert. Meine Absicht war es, die verschiedenen Formen der Verausgabung als wichtige Elemente des sozialen Lebens zu beschreiben".

Maffesoli nimmt keineswegs eine Verklärung des Dionysischen vor. Er verweist auf die bereits in der griechischen Mythologie thematisierten destruktiven Elemente, wie sie sich schon in der im 4. vorchristlichen Jahrhundert entstandenen Tragödie "Die Bakchen" des griechischen Dichters Euripides finden. Die Tragödie schildert einerseits den heimtückischen, rach- und herrschsüchtigen Charakter des Gottes Dionysos, andererseits den ekstatischen Kult seiner Anhängerinnen, in dem der Prozess der Zivilisation rückgängig gemacht wurde; an seine Stelle trat das Barbarische, das in ein Fest der Grausamkeit mündete, bei dem es zur Zerreißung von Tieren, manchmal auch von Menschen kam, deren rohes Fleisch verschlungen wurde.

Maffesoli bezeichnet diese gewaltsame Seite des Dionysischen als "la part du diable", als "die Rolle des Teufels", die in zunehmendem Ausmaß die Gesellschaftsordnung bedroht. Die dionysische Gewalt des "Teuflischen" ist unkalkulierbar; sie kann jederzeit ausbrechen. Ausschreitungen nach Demonstrationen, Revolten in europäischen Großstädten wie Paris und London, die mit Verwüstungen, Vandalismusakten und Brandstiftungen einhergehen, zählen ebenso dazu wie körperliche Attacken von Jugendlichen nach Diskothekbesuchen.

Die nicht vorhersehbaren Gewaltausbrüche sind typisch für eine Form der Macht, die Maffesoli als "puissance", als "nicht institutionalisierte Macht" bezeichnet, die gleichsam dem kollektiven Unbewussten von verschiedenen gesellschaftlichen Gruppierungen entspringt. Die spontanen Revolten richten sich gegen die staatlich sanktionierte Form der Macht - das "pouvoir", das über das staatliche Gewaltmonopol verfügt. Die Konfrontation zwischen diesen beiden Formen der Macht sieht Maffesoli als eines der wesentlichen Probleme der Gegenwart, dem die politisch Verantwortlichen ziemlich hilflos gegenüberstehen. Im Gespräch betont Maffesoli, dass man die "puissance" der gesellschaftlichen Randgruppen aber nicht mit den ebenfalls gewalttätigen Aktionen der unterschiedlichen islam-faschistischen Gruppierungen vermengen dürfe, die ja von einer totalitären Ideologie bestimmt sind.

Die gewaltsamen Manifestationen des Dionysischen zeigen für Maffesoli das Ende der nüchtern-apollinischen Moderne an. In seinem in deutscher Sprache erhältlichen Buch "Die Zeit kehrt wieder" kommt er auf diese Thematik zu sprechen. Der Soziologe geht darin der Frage nach, "was die Atmosphäre der Epoche bezeichnet und was ihre Riten, kollektiven Glaubenssysteme und verschiedenen Verhaltensweisen sind". Dabei kommt er zu dem Ergebnis, dass eine neue, dynamische Epoche - "eine Kultur des Nomadischen" - angebrochen sei.

Gemeinschaften

Die postmoderne Gesellschaft versteht Maffesoli als Ensemble unterschiedlicher Netzwerke von Kleinstgruppen, die er als "Stämme" bezeichnet. Ein solcher Stamm ist durch ein gemeinsames Grundgefühl verbunden. Dabei spielt die berufliche Situation des Einzelnen in der profanen Welt des Alltagslebens keine Rolle. So kann sich ein Büroangestellter durchaus als Feierabend-Hooligan an den Schlachten der diversen Fußballfans beteiligen. Wichtig ist das Erlebnis der Gemeinschaften, die Kristallisationen innerhalb der funktionalen Organisation der Gesellschaft bilden. Dabei gibt es kein vorgegebenes Ziel; was zählt ist das "Driften", das "Wandern ohne Ziel".

Auch die Stämme weisen einen ambivalenten Charakter auf: sie entfalten ein gewisses anarchisches Potenzial, das aber wie bei dem dionysischen Exzess in Barbarei umschlagen kann. Dieser Aspekt wird von Maffesoli nicht beschönigt; er sieht darin das Signum des postmodernen Zeitalters, das es als solches zu akzeptieren gilt. "Im ewigen Walzer der Götter überlässt Prometheus seinen Platz dem rebellischen Dionysos", schreibt Maffesoli in seinem Buch "La part du Diable", "das ist das Substrat der verschiedenen Exzesse der sich verzehrenden Gesellschaft, ihrer Paniken und Hysterien".

Literatur: Michel Maffesoli: "Die Zeit kehrt wieder: Lob der Postmoderne". Übersetzt von Ulrich Kunzmann. Matthes&Seitz, Berlin 2014, 189 Seiten, 15,30 Euro.
- "Der Schatten des Dionysos. Zu einer Soziologie des Orgiasmus". Übersetzt von Martin Weinmann. Syndikat, Frankfurt am Main 1986, 184 Seiten, nur mehr antiquarisch erhältlich.

Nikolaus Halmer, geboren 1958, ist Mitarbeiter der Wissenschaftsredaktion des ORF.